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Fontane, Theodor: Schach von Wuthenow. Leipzig, 1883.

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ist, um eben seiner symptomatischen Bedeutung willen
aufs ernsteste beschäftigt. Er ist durchaus Zeiter¬
scheinung, aber wohlverstanden mit lokaler Begrenzung,
ein in seinen Ursachen ganz abnormer Fall, der sich
in dieser Art und Weise nur in Seiner Königlichen
Majestät von Preußen Haupt- und Residenzstadt,
oder, wenn über diese hinaus, immer nur in den
Reihen unsrer nachgeborenen fridericianischen Armee
zutragen konnte, einer Armee, die statt der Ehre nur
noch den Dünkel, und statt der Seele nur noch ein
Uhrwerk hat -- ein Uhrwerk, das bald genug abge¬
laufen sein wird. Der große König hat diesen schlimmen
Zustand der Dinge vorbereitet, aber daß er so schlimm
werden konnte, dazu mußten sich die großen Königs¬
augen erst schließen, vor denen bekanntermaßen jeder
mehr erbangte, als vor Schlacht und Tot.

Ich habe lange genug dieser Armee angehört,
um zu wissen, ,daß Ehre' das dritte Wort in ihr
ist; eine Tänzerin ist charmant ,auf Ehre', eine
Schimmelstute magnifique ,auf Ehre', ja, mir sind
Wucherer empfohlen und vorgestellt worden, die süperb
,auf Ehre' waren. Und dies beständige Sprechen
von Ehre, von einer falschen Ehre, hat die Begriffe
verwirrt und die richtige Ehre tot gemacht.

All das spiegelt sich auch in diesem Schach-Fall,
in Schach selbst, der, all seiner Fehler unerachtet,
immer noch einer der besten war.

iſt, um eben ſeiner ſymptomatiſchen Bedeutung willen
aufs ernſteſte beſchäftigt. Er iſt durchaus Zeiter¬
ſcheinung, aber wohlverſtanden mit lokaler Begrenzung,
ein in ſeinen Urſachen ganz abnormer Fall, der ſich
in dieſer Art und Weiſe nur in Seiner Königlichen
Majeſtät von Preußen Haupt- und Reſidenzſtadt,
oder, wenn über dieſe hinaus, immer nur in den
Reihen unſrer nachgeborenen fridericianiſchen Armee
zutragen konnte, einer Armee, die ſtatt der Ehre nur
noch den Dünkel, und ſtatt der Seele nur noch ein
Uhrwerk hat — ein Uhrwerk, das bald genug abge¬
laufen ſein wird. Der große König hat dieſen ſchlimmen
Zuſtand der Dinge vorbereitet, aber daß er ſo ſchlimm
werden konnte, dazu mußten ſich die großen Königs¬
augen erſt ſchließen, vor denen bekanntermaßen jeder
mehr erbangte, als vor Schlacht und Tot.

Ich habe lange genug dieſer Armee angehört,
um zu wiſſen, ‚daß Ehre‘ das dritte Wort in ihr
iſt; eine Tänzerin iſt charmant ‚auf Ehre‘, eine
Schimmelſtute magnifique ,auf Ehre‘, ja, mir ſind
Wucherer empfohlen und vorgeſtellt worden, die ſüperb
,auf Ehre‘ waren. Und dies beſtändige Sprechen
von Ehre, von einer falſchen Ehre, hat die Begriffe
verwirrt und die richtige Ehre tot gemacht.

All das ſpiegelt ſich auch in dieſem Schach-Fall,
in Schach ſelbſt, der, all ſeiner Fehler unerachtet,
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[220/0232] iſt, um eben ſeiner ſymptomatiſchen Bedeutung willen aufs ernſteſte beſchäftigt. Er iſt durchaus Zeiter¬ ſcheinung, aber wohlverſtanden mit lokaler Begrenzung, ein in ſeinen Urſachen ganz abnormer Fall, der ſich in dieſer Art und Weiſe nur in Seiner Königlichen Majeſtät von Preußen Haupt- und Reſidenzſtadt, oder, wenn über dieſe hinaus, immer nur in den Reihen unſrer nachgeborenen fridericianiſchen Armee zutragen konnte, einer Armee, die ſtatt der Ehre nur noch den Dünkel, und ſtatt der Seele nur noch ein Uhrwerk hat — ein Uhrwerk, das bald genug abge¬ laufen ſein wird. Der große König hat dieſen ſchlimmen Zuſtand der Dinge vorbereitet, aber daß er ſo ſchlimm werden konnte, dazu mußten ſich die großen Königs¬ augen erſt ſchließen, vor denen bekanntermaßen jeder mehr erbangte, als vor Schlacht und Tot. Ich habe lange genug dieſer Armee angehört, um zu wiſſen, ‚daß Ehre‘ das dritte Wort in ihr iſt; eine Tänzerin iſt charmant ‚auf Ehre‘, eine Schimmelſtute magnifique ,auf Ehre‘, ja, mir ſind Wucherer empfohlen und vorgeſtellt worden, die ſüperb ,auf Ehre‘ waren. Und dies beſtändige Sprechen von Ehre, von einer falſchen Ehre, hat die Begriffe verwirrt und die richtige Ehre tot gemacht. All das ſpiegelt ſich auch in dieſem Schach-Fall, in Schach ſelbſt, der, all ſeiner Fehler unerachtet, immer noch einer der beſten war.

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Schach von Wuthenow. Leipzig, 1883, S. 220. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/fontane_wuthenow_1883/232>, abgerufen am 26.06.2022.