1772. August.dies von einer epidemischen Krankheit hergerührt hat, denn sonst müßte die Insel längst entvölkert seyn, deren Clima doch vortreflich ist, indem das Wetter gemeinig- lich gelinde und die Hitze selbst im Sommer in den höhern Gegenden sehr gemäs- sigt ist, weshalb auch die Vornehmern dort ihren Sommeraufenthalt nehmen. Im Winter sind diese Berggegenden wohl mehrere Tage lang mit Schnee bedeckt, in den niedrigern Gegenden aber, bleibt er niemals länger als einen oder zwey Tage hindurch liegen. Auf die Richtigkeit unsrer Angabe von den Gebohrnen und Gestorbnen kann man sich übrigens verlassen, weil wir Gelegenheit hatten durch einen Secretair des Gouverneurs einen Auszug aus den Kirchenbüchern zu er- halten.
Das gemeine Volk ist schwärzlich von Farbe und wohl gebildet, doch haben sie große Füße, welches vermuthlich von Ersteigung der steilen und stei- nigten Wege auf den Bergen, herkommen mag. Sie sind von länglicher Ge- sichtsbildung, haben schwarze Augen und schwarzes Haar, welches von Natur in Locken fällt, bey einigen aber anfängt sich wollartig zu kräuseln, eine Eigen- schaft, die man vielleicht ihrer Vermischung mit Negern zuschreiben könnte. Im Ganzen sind sie plump doch nicht widerlich gebildet. Die Frauenspersonen sind häßlich; es fehlt ihnen die blühende Farbe, welche, nebst der gefälligen re- gelmäßigen Gestalt, dem weiblichen Geschlecht unserer nördlichen Gegenden den Vorzug über alles andre Frauenzimmer giebt. Hier in Madera sind sie klein und stark von Knochen, selbst im Gesicht, besonders aber am Fuswerk. Dabey ist nichts gefälliges in ihrer Art sich zu tragen und in ihrem Anstande; und der Farbe nach gehören sie zu den dunkelsten Brunetten. Allein, die richtigen Ver- hältnisse ihres Wuchses, die schöne Gestalt ihrer Hände, und ihre großen leb- haften Augen entschädigen sie einigermaßen für jene Mängel. Die Arbeits- leute tragen Sommers leinene Schifferhosen, ein grobes Hembd, einen großen Hut und Stiefeln. Außerdem hatten einige noch ein kurzes Camisol von Tuch und einen langen Mantel, den sie zuweilen über den Arm schlugen. Die Frauenspersonen tragen Röcke und kurze enge Leibchen, eine Tracht, die zwar sehr einfach ist, aber manche Personen gar nicht übel kleidet. Hiernächst tragen sie auch wohl einen kurzen weiten Mantel, der Kopf aber bleibt völlig unbedeckt, und die Unverhey- ratheten binden die Haare oben auf dem Wirbel des Haupts zusammen.
Die
Forſter’s Reiſe um die Welt
1772. Auguſt.dies von einer epidemiſchen Krankheit hergeruͤhrt hat, denn ſonſt muͤßte die Inſel laͤngſt entvoͤlkert ſeyn, deren Clima doch vortreflich iſt, indem das Wetter gemeinig- lich gelinde und die Hitze ſelbſt im Sommer in den hoͤhern Gegenden ſehr gemaͤſ- ſigt iſt, weshalb auch die Vornehmern dort ihren Sommeraufenthalt nehmen. Im Winter ſind dieſe Berggegenden wohl mehrere Tage lang mit Schnee bedeckt, in den niedrigern Gegenden aber, bleibt er niemals laͤnger als einen oder zwey Tage hindurch liegen. Auf die Richtigkeit unſrer Angabe von den Gebohrnen und Geſtorbnen kann man ſich uͤbrigens verlaſſen, weil wir Gelegenheit hatten durch einen Secretair des Gouverneurs einen Auszug aus den Kirchenbuͤchern zu er- halten.
Das gemeine Volk iſt ſchwaͤrzlich von Farbe und wohl gebildet, doch haben ſie große Fuͤße, welches vermuthlich von Erſteigung der ſteilen und ſtei- nigten Wege auf den Bergen, herkommen mag. Sie ſind von laͤnglicher Ge- ſichtsbildung, haben ſchwarze Augen und ſchwarzes Haar, welches von Natur in Locken faͤllt, bey einigen aber anfaͤngt ſich wollartig zu kraͤuſeln, eine Eigen- ſchaft, die man vielleicht ihrer Vermiſchung mit Negern zuſchreiben koͤnnte. Im Ganzen ſind ſie plump doch nicht widerlich gebildet. Die Frauensperſonen ſind haͤßlich; es fehlt ihnen die bluͤhende Farbe, welche, nebſt der gefaͤlligen re- gelmaͤßigen Geſtalt, dem weiblichen Geſchlecht unſerer noͤrdlichen Gegenden den Vorzug uͤber alles andre Frauenzimmer giebt. Hier in Madera ſind ſie klein und ſtark von Knochen, ſelbſt im Geſicht, beſonders aber am Fuswerk. Dabey iſt nichts gefaͤlliges in ihrer Art ſich zu tragen und in ihrem Anſtande; und der Farbe nach gehoͤren ſie zu den dunkelſten Brunetten. Allein, die richtigen Ver- haͤltniſſe ihres Wuchſes, die ſchoͤne Geſtalt ihrer Haͤnde, und ihre großen leb- haften Augen entſchaͤdigen ſie einigermaßen fuͤr jene Maͤngel. Die Arbeits- leute tragen Sommers leinene Schifferhoſen, ein grobes Hembd, einen großen Hut und Stiefeln. Außerdem hatten einige noch ein kurzes Camiſol von Tuch und einen langen Mantel, den ſie zuweilen uͤber den Arm ſchlugen. Die Frauensperſonen tragen Roͤcke und kurze enge Leibchen, eine Tracht, die zwar ſehr einfach iſt, aber manche Perſonen gar nicht uͤbel kleidet. Hiernaͤchſt tragen ſie auch wohl einen kurzen weiten Mantel, der Kopf aber bleibt voͤllig unbedeckt, und die Unverhey- ratheten binden die Haare oben auf dem Wirbel des Haupts zuſammen.
Die
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Forſter’s Reiſe um die Welt
dies von einer epidemiſchen Krankheit hergeruͤhrt hat, denn ſonſt muͤßte die Inſel
laͤngſt entvoͤlkert ſeyn, deren Clima doch vortreflich iſt, indem das Wetter gemeinig-
lich gelinde und die Hitze ſelbſt im Sommer in den hoͤhern Gegenden ſehr gemaͤſ-
ſigt iſt, weshalb auch die Vornehmern dort ihren Sommeraufenthalt nehmen.
Im Winter ſind dieſe Berggegenden wohl mehrere Tage lang mit Schnee bedeckt,
in den niedrigern Gegenden aber, bleibt er niemals laͤnger als einen oder zwey
Tage hindurch liegen. Auf die Richtigkeit unſrer Angabe von den Gebohrnen und
Geſtorbnen kann man ſich uͤbrigens verlaſſen, weil wir Gelegenheit hatten durch
einen Secretair des Gouverneurs einen Auszug aus den Kirchenbuͤchern zu er-
halten.
1772.
Auguſt.
Das gemeine Volk iſt ſchwaͤrzlich von Farbe und wohl gebildet, doch
haben ſie große Fuͤße, welches vermuthlich von Erſteigung der ſteilen und ſtei-
nigten Wege auf den Bergen, herkommen mag. Sie ſind von laͤnglicher Ge-
ſichtsbildung, haben ſchwarze Augen und ſchwarzes Haar, welches von Natur
in Locken faͤllt, bey einigen aber anfaͤngt ſich wollartig zu kraͤuſeln, eine Eigen-
ſchaft, die man vielleicht ihrer Vermiſchung mit Negern zuſchreiben koͤnnte.
Im Ganzen ſind ſie plump doch nicht widerlich gebildet. Die Frauensperſonen
ſind haͤßlich; es fehlt ihnen die bluͤhende Farbe, welche, nebſt der gefaͤlligen re-
gelmaͤßigen Geſtalt, dem weiblichen Geſchlecht unſerer noͤrdlichen Gegenden den
Vorzug uͤber alles andre Frauenzimmer giebt. Hier in Madera ſind ſie klein und
ſtark von Knochen, ſelbſt im Geſicht, beſonders aber am Fuswerk. Dabey iſt
nichts gefaͤlliges in ihrer Art ſich zu tragen und in ihrem Anſtande; und der
Farbe nach gehoͤren ſie zu den dunkelſten Brunetten. Allein, die richtigen Ver-
haͤltniſſe ihres Wuchſes, die ſchoͤne Geſtalt ihrer Haͤnde, und ihre großen leb-
haften Augen entſchaͤdigen ſie einigermaßen fuͤr jene Maͤngel. Die Arbeits-
leute tragen Sommers leinene Schifferhoſen, ein grobes Hembd, einen großen Hut
und Stiefeln. Außerdem hatten einige noch ein kurzes Camiſol von Tuch und einen
langen Mantel, den ſie zuweilen uͤber den Arm ſchlugen. Die Frauensperſonen
tragen Roͤcke und kurze enge Leibchen, eine Tracht, die zwar ſehr einfach iſt, aber
manche Perſonen gar nicht uͤbel kleidet. Hiernaͤchſt tragen ſie auch wohl einen
kurzen weiten Mantel, der Kopf aber bleibt voͤllig unbedeckt, und die Unverhey-
ratheten binden die Haare oben auf dem Wirbel des Haupts zuſammen.
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Forster, Georg: Johann Reinhold Forster's [...] Reise um die Welt. Bd. 1. Berlin, 1778, S. 16. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/forster_reise01_1778/61>, abgerufen am 23.09.2024.
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