Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Forster, Georg: Johann Reinhold Forster's [...] Reise um die Welt. Bd. 2. Berlin, 1780.

Bild:
<< vorherige Seite

in den Jahren 1772 bis 1775.
Fahrt sehr wohl zufrieden, denn sie brachte uns eine große Menge Seeraben1774.
Decem-
ber.

ein, die bey Tausenden in den Schieferklippen genistet hatten. Der Instinct hat-
te sie gelehrt, ihre Nester nur an solchen Stellen zu banen, wo die Felsen entwe-
der vorwärts überhingen, oder doch wenigstens senkrecht standen, ohne Zweifel
in der Absicht, daß die Jungen aus dem Neste nirgends anders als ins Wasser
fallen möchten, wo sie keinen Schaden nehmen konnten. Der Schieferstein wor-
aus diese Klippen bestanden, ist zwar nicht sehr hart, demohnerachtet war es zu
bewundern, wie die Vögel Löcher darinn einbohren, oder, wenn auch, vielleicht
von Natur schon Höhlungen darinn vorhanden gewesen sind, wie sie diese für ihre
Jungen nur erweitern konnten? Kaum hatten wir unsre Gewehre losgeschossen,
und von neuem geladen; so saßen die Seeraben wieder auf den Nestern, doch wa-
ren sie, ihrer Schwerfälligkeit wegen, auch im Fluge nicht leicht zu verfehlen.
Sie nehmen sich in der That vor der augenscheinlichsten Gefahr so wenig in
Acht, daß die Franzosen, bey ihrem Aufenthalt auf den Falklands-Inseln, wohl
nicht Unrecht hatten, sie nigauds, *) d. i. Tölpel, zu nennen. Nächst dieser
Ausbeute brachten wir auch drey Gänse von der heutigen Fahrt zurück, die
uns wegen des an beiden Geschlechtern ganz verschiedenen Gefieders, merk-
würdig dünkten. Der Gänserich nämlich war, den schwarzen Schnabel und
die gelben Füße ausgenommen, ganz weiß, und an Größe etwas geringer,
als eine zahme Gans. Die Gans hingegen war schwarz mit kleinen weißen
Queer Strichen gezeichnet, am Kopfe grau und mit etlichen grünen und etlichen
weißen Schwung Federn versehen. Vielleicht hat die Natur diesen Unterschied,
zur Sicherheit der jungen Brut weislich also geordnet, damit die Gans, ihres
dunklern Gefieders wegen, von Falken und andern Raub-Vögeln nicht sobald
entdeckt werden möge. Doch dies ist nur eine Vermuthung, die näherer Un-
tersuchung und Bestätigung bedarf; der Verstand des Sterblichen ist leider zu
kurzsichtig, um in den Werken der Natur überall die eigentlichen Absichten des
weisen Schöpfers zu entdecken, besonders wenn noch so wenig Beobachtungen,
als in gegenwärtigem Falle, dazu vorhanden sind.


*) S. Don Pernetti's Reise nach den Maloninischen Inseln.
C c c 3

in den Jahren 1772 bis 1775.
Fahrt ſehr wohl zufrieden, denn ſie brachte uns eine große Menge Seeraben1774.
Decem-
ber.

ein, die bey Tauſenden in den Schieferklippen geniſtet hatten. Der Inſtinct hat-
te ſie gelehrt, ihre Neſter nur an ſolchen Stellen zu banen, wo die Felſen entwe-
der vorwaͤrts uͤberhingen, oder doch wenigſtens ſenkrecht ſtanden, ohne Zweifel
in der Abſicht, daß die Jungen aus dem Neſte nirgends anders als ins Waſſer
fallen moͤchten, wo ſie keinen Schaden nehmen konnten. Der Schieferſtein wor-
aus dieſe Klippen beſtanden, iſt zwar nicht ſehr hart, demohnerachtet war es zu
bewundern, wie die Voͤgel Loͤcher darinn einbohren, oder, wenn auch, vielleicht
von Natur ſchon Hoͤhlungen darinn vorhanden geweſen ſind, wie ſie dieſe fuͤr ihre
Jungen nur erweitern konnten? Kaum hatten wir unſre Gewehre losgeſchoſſen,
und von neuem geladen; ſo ſaßen die Seeraben wieder auf den Neſtern, doch wa-
ren ſie, ihrer Schwerfaͤlligkeit wegen, auch im Fluge nicht leicht zu verfehlen.
Sie nehmen ſich in der That vor der augenſcheinlichſten Gefahr ſo wenig in
Acht, daß die Franzoſen, bey ihrem Aufenthalt auf den Falklands-Inſeln, wohl
nicht Unrecht hatten, ſie nigauds, *) d. i. Toͤlpel, zu nennen. Naͤchſt dieſer
Ausbeute brachten wir auch drey Gaͤnſe von der heutigen Fahrt zuruͤck, die
uns wegen des an beiden Geſchlechtern ganz verſchiedenen Gefieders, merk-
wuͤrdig duͤnkten. Der Gaͤnſerich naͤmlich war, den ſchwarzen Schnabel und
die gelben Fuͤße ausgenommen, ganz weiß, und an Groͤße etwas geringer,
als eine zahme Gans. Die Gans hingegen war ſchwarz mit kleinen weißen
Queer Strichen gezeichnet, am Kopfe grau und mit etlichen gruͤnen und etlichen
weißen Schwung Federn verſehen. Vielleicht hat die Natur dieſen Unterſchied,
zur Sicherheit der jungen Brut weislich alſo geordnet, damit die Gans, ihres
dunklern Gefieders wegen, von Falken und andern Raub-Voͤgeln nicht ſobald
entdeckt werden moͤge. Doch dies iſt nur eine Vermuthung, die naͤherer Un-
terſuchung und Beſtaͤtigung bedarf; der Verſtand des Sterblichen iſt leider zu
kurzſichtig, um in den Werken der Natur uͤberall die eigentlichen Abſichten des
weiſen Schoͤpfers zu entdecken, beſonders wenn noch ſo wenig Beobachtungen,
als in gegenwaͤrtigem Falle, dazu vorhanden ſind.


*) S. Don Pernetti’s Reiſe nach den Maloniniſchen Inſeln.
C c c 3
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0407" n="389"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">in den Jahren 1772 bis 1775.</hi></fw><lb/>
Fahrt &#x017F;ehr wohl zufrieden, denn &#x017F;ie brachte uns eine große Menge Seeraben<note place="right">1774.<lb/>
Decem-<lb/>
ber.</note><lb/>
ein, die bey Tau&#x017F;enden in den Schieferklippen geni&#x017F;tet hatten. Der In&#x017F;tinct hat-<lb/>
te &#x017F;ie gelehrt, ihre Ne&#x017F;ter nur an &#x017F;olchen Stellen zu banen, wo die Fel&#x017F;en entwe-<lb/>
der vorwa&#x0364;rts u&#x0364;berhingen, oder doch wenig&#x017F;tens &#x017F;enkrecht &#x017F;tanden, ohne Zweifel<lb/>
in der Ab&#x017F;icht, daß die Jungen aus dem Ne&#x017F;te nirgends anders als ins Wa&#x017F;&#x017F;er<lb/>
fallen mo&#x0364;chten, wo &#x017F;ie keinen Schaden nehmen konnten. Der Schiefer&#x017F;tein wor-<lb/>
aus die&#x017F;e Klippen be&#x017F;tanden, i&#x017F;t zwar nicht &#x017F;ehr hart, demohnerachtet war es zu<lb/>
bewundern, wie die Vo&#x0364;gel Lo&#x0364;cher darinn einbohren, oder, wenn auch, vielleicht<lb/>
von Natur &#x017F;chon Ho&#x0364;hlungen darinn vorhanden gewe&#x017F;en &#x017F;ind, wie &#x017F;ie die&#x017F;e fu&#x0364;r ihre<lb/>
Jungen nur erweitern konnten? Kaum hatten wir un&#x017F;re Gewehre losge&#x017F;cho&#x017F;&#x017F;en,<lb/>
und von neuem geladen; &#x017F;o &#x017F;aßen die Seeraben wieder auf den Ne&#x017F;tern, doch wa-<lb/>
ren &#x017F;ie, ihrer Schwerfa&#x0364;lligkeit wegen, auch im Fluge nicht leicht zu verfehlen.<lb/>
Sie nehmen &#x017F;ich in der That vor der augen&#x017F;cheinlich&#x017F;ten Gefahr &#x017F;o wenig in<lb/>
Acht, daß die Franzo&#x017F;en, bey ihrem Aufenthalt auf den <placeName>Falklands-In&#x017F;eln</placeName>, wohl<lb/>
nicht Unrecht hatten, &#x017F;ie <hi rendition="#i"><hi rendition="#aq">nigauds,</hi></hi> <note place="foot" n="*)">S. <persName>Don <hi rendition="#fr">Pernetti&#x2019;s</hi></persName> Rei&#x017F;e nach den <placeName>Malonini&#x017F;chen In&#x017F;eln</placeName>.</note> d. i. <hi rendition="#fr">To&#x0364;lpel</hi>, zu nennen. Na&#x0364;ch&#x017F;t die&#x017F;er<lb/>
Ausbeute brachten wir auch drey Ga&#x0364;n&#x017F;e von der heutigen Fahrt zuru&#x0364;ck, die<lb/>
uns wegen des an beiden Ge&#x017F;chlechtern ganz ver&#x017F;chiedenen Gefieders, merk-<lb/>
wu&#x0364;rdig du&#x0364;nkten. Der Ga&#x0364;n&#x017F;erich na&#x0364;mlich war, den &#x017F;chwarzen Schnabel und<lb/>
die gelben Fu&#x0364;ße ausgenommen, ganz weiß, und an Gro&#x0364;ße etwas geringer,<lb/>
als eine zahme Gans. Die Gans hingegen war &#x017F;chwarz mit kleinen weißen<lb/>
Queer Strichen gezeichnet, am Kopfe grau und mit etlichen gru&#x0364;nen und etlichen<lb/>
weißen Schwung Federn ver&#x017F;ehen. Vielleicht hat die Natur die&#x017F;en Unter&#x017F;chied,<lb/>
zur Sicherheit der jungen Brut weislich al&#x017F;o geordnet, damit die Gans, ihres<lb/>
dunklern Gefieders wegen, von Falken und andern Raub-Vo&#x0364;geln nicht &#x017F;obald<lb/>
entdeckt werden mo&#x0364;ge. Doch dies i&#x017F;t nur eine Vermuthung, die na&#x0364;herer Un-<lb/>
ter&#x017F;uchung und Be&#x017F;ta&#x0364;tigung bedarf; der Ver&#x017F;tand des Sterblichen i&#x017F;t leider zu<lb/>
kurz&#x017F;ichtig, um in den Werken der Natur u&#x0364;berall die eigentlichen Ab&#x017F;ichten des<lb/>
wei&#x017F;en Scho&#x0364;pfers zu entdecken, be&#x017F;onders wenn noch &#x017F;o wenig Beobachtungen,<lb/>
als in gegenwa&#x0364;rtigem Falle, dazu vorhanden &#x017F;ind.</p><lb/>
        <fw place="bottom" type="sig">C c c 3</fw><lb/>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[389/0407] in den Jahren 1772 bis 1775. Fahrt ſehr wohl zufrieden, denn ſie brachte uns eine große Menge Seeraben ein, die bey Tauſenden in den Schieferklippen geniſtet hatten. Der Inſtinct hat- te ſie gelehrt, ihre Neſter nur an ſolchen Stellen zu banen, wo die Felſen entwe- der vorwaͤrts uͤberhingen, oder doch wenigſtens ſenkrecht ſtanden, ohne Zweifel in der Abſicht, daß die Jungen aus dem Neſte nirgends anders als ins Waſſer fallen moͤchten, wo ſie keinen Schaden nehmen konnten. Der Schieferſtein wor- aus dieſe Klippen beſtanden, iſt zwar nicht ſehr hart, demohnerachtet war es zu bewundern, wie die Voͤgel Loͤcher darinn einbohren, oder, wenn auch, vielleicht von Natur ſchon Hoͤhlungen darinn vorhanden geweſen ſind, wie ſie dieſe fuͤr ihre Jungen nur erweitern konnten? Kaum hatten wir unſre Gewehre losgeſchoſſen, und von neuem geladen; ſo ſaßen die Seeraben wieder auf den Neſtern, doch wa- ren ſie, ihrer Schwerfaͤlligkeit wegen, auch im Fluge nicht leicht zu verfehlen. Sie nehmen ſich in der That vor der augenſcheinlichſten Gefahr ſo wenig in Acht, daß die Franzoſen, bey ihrem Aufenthalt auf den Falklands-Inſeln, wohl nicht Unrecht hatten, ſie nigauds, *) d. i. Toͤlpel, zu nennen. Naͤchſt dieſer Ausbeute brachten wir auch drey Gaͤnſe von der heutigen Fahrt zuruͤck, die uns wegen des an beiden Geſchlechtern ganz verſchiedenen Gefieders, merk- wuͤrdig duͤnkten. Der Gaͤnſerich naͤmlich war, den ſchwarzen Schnabel und die gelben Fuͤße ausgenommen, ganz weiß, und an Groͤße etwas geringer, als eine zahme Gans. Die Gans hingegen war ſchwarz mit kleinen weißen Queer Strichen gezeichnet, am Kopfe grau und mit etlichen gruͤnen und etlichen weißen Schwung Federn verſehen. Vielleicht hat die Natur dieſen Unterſchied, zur Sicherheit der jungen Brut weislich alſo geordnet, damit die Gans, ihres dunklern Gefieders wegen, von Falken und andern Raub-Voͤgeln nicht ſobald entdeckt werden moͤge. Doch dies iſt nur eine Vermuthung, die naͤherer Un- terſuchung und Beſtaͤtigung bedarf; der Verſtand des Sterblichen iſt leider zu kurzſichtig, um in den Werken der Natur uͤberall die eigentlichen Abſichten des weiſen Schoͤpfers zu entdecken, beſonders wenn noch ſo wenig Beobachtungen, als in gegenwaͤrtigem Falle, dazu vorhanden ſind. 1774. Decem- ber. *) S. Don Pernetti’s Reiſe nach den Maloniniſchen Inſeln. C c c 3

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/forster_reise02_1780
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/forster_reise02_1780/407
Zitationshilfe: Forster, Georg: Johann Reinhold Forster's [...] Reise um die Welt. Bd. 2. Berlin, 1780, S. 389. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/forster_reise02_1780/407>, abgerufen am 26.06.2022.