klangreichen Frauennatur innerlich eben so verwandt, als das Epos und das Trauer- spiel ihr fremd bleiben. Was aber soll ich von gelehrten Forschungen und abstracten Combinationen, was von der strengen Be- weisführung angenommener Systeme sagen? Können sie ein Leben ausfüllen, das nur der Duft des schönen Frühlings der Phan- tasie erfrischen soll? --
Zum Glück sind die Anstrengungen, in diesem Gebiete geistiger Thätigkeit, so ab- schreckend, daß sich überall nur selten die Kinder einer bequemen, mehr klügelnden als ergründenden Zeit, dahin verirren. Am wenigsten, aber wird man Frauen den über- flüssigen Umweg machen sehen, da sie es leichter haben, und den Schaum wissenschaft- licher Bildung mühelos von dem Allerlei kritischer Zeitschriften abschöpfen können.
Mit läßiger Aufmerksamkeit, ohne selbst- thätiges Erfassen und Vorarbeiten, kann man die Jllusion, sich beschäftigt zu haben, nähren, ohne das Mindeste zu schaffen. Es bleibt nichts Lebendiges zurück. Man hat
klangreichen Frauennatur innerlich eben ſo verwandt, als das Epos und das Trauer- ſpiel ihr fremd bleiben. Was aber ſoll ich von gelehrten Forſchungen und abſtracten Combinationen, was von der ſtrengen Be- weisfuͤhrung angenommener Syſteme ſagen? Koͤnnen ſie ein Leben ausfuͤllen, das nur der Duft des ſchoͤnen Fruͤhlings der Phan- taſie erfriſchen ſoll? —
Zum Gluͤck ſind die Anſtrengungen, in dieſem Gebiete geiſtiger Thaͤtigkeit, ſo ab- ſchreckend, daß ſich uͤberall nur ſelten die Kinder einer bequemen, mehr kluͤgelnden als ergruͤndenden Zeit, dahin verirren. Am wenigſten, aber wird man Frauen den uͤber- fluͤſſigen Umweg machen ſehen, da ſie es leichter haben, und den Schaum wiſſenſchaft- licher Bildung muͤhelos von dem Allerlei kritiſcher Zeitſchriften abſchoͤpfen koͤnnen.
Mit laͤßiger Aufmerkſamkeit, ohne ſelbſt- thaͤtiges Erfaſſen und Vorarbeiten, kann man die Jlluſion, ſich beſchaͤftigt zu haben, naͤhren, ohne das Mindeſte zu ſchaffen. Es bleibt nichts Lebendiges zuruͤck. Man hat
<TEI><text><body><divn="1"><divn="2"><p><pbfacs="#f0255"n="251"/>
klangreichen Frauennatur innerlich eben ſo<lb/>
verwandt, als das Epos und das Trauer-<lb/>ſpiel ihr fremd bleiben. Was aber ſoll ich<lb/>
von gelehrten Forſchungen und abſtracten<lb/>
Combinationen, was von der ſtrengen Be-<lb/>
weisfuͤhrung angenommener Syſteme ſagen?<lb/>
Koͤnnen ſie ein Leben ausfuͤllen, das nur<lb/>
der Duft des ſchoͤnen Fruͤhlings der Phan-<lb/>
taſie erfriſchen ſoll? —</p><lb/><p>Zum Gluͤck ſind die Anſtrengungen, in<lb/>
dieſem Gebiete geiſtiger Thaͤtigkeit, ſo ab-<lb/>ſchreckend, daß ſich uͤberall nur ſelten die<lb/>
Kinder einer bequemen, mehr kluͤgelnden als<lb/>
ergruͤndenden Zeit, dahin verirren. Am<lb/>
wenigſten, aber wird man Frauen den uͤber-<lb/>
fluͤſſigen Umweg machen ſehen, da ſie es<lb/>
leichter haben, und den Schaum wiſſenſchaft-<lb/>
licher Bildung muͤhelos von dem Allerlei<lb/>
kritiſcher Zeitſchriften abſchoͤpfen koͤnnen.</p><lb/><p>Mit laͤßiger Aufmerkſamkeit, ohne ſelbſt-<lb/>
thaͤtiges Erfaſſen und Vorarbeiten, kann<lb/>
man die Jlluſion, ſich beſchaͤftigt zu haben,<lb/>
naͤhren, ohne das Mindeſte zu ſchaffen. Es<lb/>
bleibt nichts Lebendiges zuruͤck. Man <hirendition="#g">hat</hi><lb/></p></div></div></body></text></TEI>
[251/0255]
klangreichen Frauennatur innerlich eben ſo
verwandt, als das Epos und das Trauer-
ſpiel ihr fremd bleiben. Was aber ſoll ich
von gelehrten Forſchungen und abſtracten
Combinationen, was von der ſtrengen Be-
weisfuͤhrung angenommener Syſteme ſagen?
Koͤnnen ſie ein Leben ausfuͤllen, das nur
der Duft des ſchoͤnen Fruͤhlings der Phan-
taſie erfriſchen ſoll? —
Zum Gluͤck ſind die Anſtrengungen, in
dieſem Gebiete geiſtiger Thaͤtigkeit, ſo ab-
ſchreckend, daß ſich uͤberall nur ſelten die
Kinder einer bequemen, mehr kluͤgelnden als
ergruͤndenden Zeit, dahin verirren. Am
wenigſten, aber wird man Frauen den uͤber-
fluͤſſigen Umweg machen ſehen, da ſie es
leichter haben, und den Schaum wiſſenſchaft-
licher Bildung muͤhelos von dem Allerlei
kritiſcher Zeitſchriften abſchoͤpfen koͤnnen.
Mit laͤßiger Aufmerkſamkeit, ohne ſelbſt-
thaͤtiges Erfaſſen und Vorarbeiten, kann
man die Jlluſion, ſich beſchaͤftigt zu haben,
naͤhren, ohne das Mindeſte zu ſchaffen. Es
bleibt nichts Lebendiges zuruͤck. Man hat
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Fouqué, Caroline de La Motte-: Die Frauen in der großen Welt. Berlin, 1826, S. 251. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/fouque_frauen_1826/255>, abgerufen am 10.08.2024.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2024. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.