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Frapan, Ilse: Bittersüß. Novellen. Berlin, 1891.

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seht, wie ich mich blamirt habe. Also traurige Bil¬
der malt er nicht, -- ich habe ihn danach gefragt,
und er hat nein gesagt. Er wunderte sich, daß ich
die "Fliegenden" nicht wundervoll fände; ich sagte,
ich möchte sie sehr gern, aber wenn sie so ganz ver¬
dreht und verschroben wären, möchte ich sie nicht, ich
möchte überhaupt lieber etwas Schönes, als etwas
Lustiges sehen. Dann fragte er plötzlich, wie alt ich
wäre. Ich sagte "Sechzehn"; da rieth er mir, nicht
so allein herumzulaufen, ganz in dem Ton, wie Du
manchmal, mein alter Rudi, und begleitete mich, bis
das Hotel in Sicht war. Ich sehe gar nicht ein,
warum; aber ich werde wohl folgen müssen, Papa
und Mama hatten sich auch schon geängstigt. Ach,
wäret Ihr doch hier!

Eure Kläre.

Eugen Schmidthammer an Toni Emmer.

Mein lieber Toni! Was redest Du von ver¬
liebt? Weiß ich denn nicht, wie das thut? Ich bin
nicht verliebt, ich schwöre es Dir. Nichts von dem
dumpfen Drang, der stachelnden Unruhe, dem Fieber
im Blut, dem Schwanken zwischen Begier und Wider¬
willen, wie ichs in den selig-unseligen Monaten mit

ſeht, wie ich mich blamirt habe. Alſo traurige Bil¬
der malt er nicht, — ich habe ihn danach gefragt,
und er hat nein geſagt. Er wunderte ſich, daß ich
die „Fliegenden“ nicht wundervoll fände; ich ſagte,
ich möchte ſie ſehr gern, aber wenn ſie ſo ganz ver¬
dreht und verſchroben wären, möchte ich ſie nicht, ich
möchte überhaupt lieber etwas Schönes, als etwas
Luſtiges ſehen. Dann fragte er plötzlich, wie alt ich
wäre. Ich ſagte „Sechzehn“; da rieth er mir, nicht
ſo allein herumzulaufen, ganz in dem Ton, wie Du
manchmal, mein alter Rudi, und begleitete mich, bis
das Hôtel in Sicht war. Ich ſehe gar nicht ein,
warum; aber ich werde wohl folgen müſſen, Papa
und Mama hatten ſich auch ſchon geängſtigt. Ach,
wäret Ihr doch hier!

Eure Kläre.

Eugen Schmidthammer an Toni Emmer.

Mein lieber Toni! Was redeſt Du von ver¬
liebt? Weiß ich denn nicht, wie das thut? Ich bin
nicht verliebt, ich ſchwöre es Dir. Nichts von dem
dumpfen Drang, der ſtachelnden Unruhe, dem Fieber
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willen, wie ichs in den ſelig-unſeligen Monaten mit

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[220/0236] ſeht, wie ich mich blamirt habe. Alſo traurige Bil¬ der malt er nicht, — ich habe ihn danach gefragt, und er hat nein geſagt. Er wunderte ſich, daß ich die „Fliegenden“ nicht wundervoll fände; ich ſagte, ich möchte ſie ſehr gern, aber wenn ſie ſo ganz ver¬ dreht und verſchroben wären, möchte ich ſie nicht, ich möchte überhaupt lieber etwas Schönes, als etwas Luſtiges ſehen. Dann fragte er plötzlich, wie alt ich wäre. Ich ſagte „Sechzehn“; da rieth er mir, nicht ſo allein herumzulaufen, ganz in dem Ton, wie Du manchmal, mein alter Rudi, und begleitete mich, bis das Hôtel in Sicht war. Ich ſehe gar nicht ein, warum; aber ich werde wohl folgen müſſen, Papa und Mama hatten ſich auch ſchon geängſtigt. Ach, wäret Ihr doch hier! Eure Kläre. Eugen Schmidthammer an Toni Emmer. Riva, 3. April. Mein lieber Toni! Was redeſt Du von ver¬ liebt? Weiß ich denn nicht, wie das thut? Ich bin nicht verliebt, ich ſchwöre es Dir. Nichts von dem dumpfen Drang, der ſtachelnden Unruhe, dem Fieber im Blut, dem Schwanken zwiſchen Begier und Wider¬ willen, wie ichs in den ſelig-unſeligen Monaten mit

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Zitationshilfe: Frapan, Ilse: Bittersüß. Novellen. Berlin, 1891, S. 220. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/frapan_bittersuess_1891/236>, abgerufen am 25.02.2021.