Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Frapan, Ilse: Bittersüß. Novellen. Berlin, 1891.

Bild:
<< vorherige Seite

Freund Alexej sagt! Wenn sie mir nur mein Lamm
nicht würgt! Ich hab's nicht wieder gefunden, das
weiße Lämmchen und hätte ja allen Grund, in mise¬
rabler Laune zu sein, aber -- ich weiß nicht, es geht
nicht; ich glaube, das Kind hat mich mit seiner Freu¬
digkeit angesteckt. Wenn ich nur erst einen Brief von
Dir hätte -- Nachricht, daß sie mich endgültig
freigibt.

Dein Freund Eugen.

Weißt, Landschaft mit Staffage, denk fein dran,
wenn Du mir die Tuben zusammensuchst!


Klärchen an die Geschwister.

Meine Geliebten! Seid nicht böse, daß ich Euch
jetzt seltener und kürzer schreibe, wir sind sehr viel
unterwegs und haben soviel zu besehen, daß ich es
nicht recht bewältigen kann. So schön wie Riva ist
Verona nicht, finde ich, obgleich Papa sagt, gerade
Verona trage echt italienischen Charakter. So furcht¬
bare blutige Erinnerungen gibt es hier! Wir waren
z. B. in der Arena. Erst war es wie ein Traum,
dieses riesige Theater, in das die heiße Mittagssonne
herunterglühte, daß die Steinsitze ganz warm waren.

Freund Alexej ſagt! Wenn ſie mir nur mein Lamm
nicht würgt! Ich hab's nicht wieder gefunden, das
weiße Lämmchen und hätte ja allen Grund, in miſe¬
rabler Laune zu ſein, aber — ich weiß nicht, es geht
nicht; ich glaube, das Kind hat mich mit ſeiner Freu¬
digkeit angeſteckt. Wenn ich nur erſt einen Brief von
Dir hätte — Nachricht, daß ſie mich endgültig
freigibt.

Dein Freund Eugen.

Weißt, Landſchaft mit Staffage, denk fein dran,
wenn Du mir die Tuben zuſammenſuchſt!


Klärchen an die Geſchwister.

Meine Geliebten! Seid nicht böſe, daß ich Euch
jetzt ſeltener und kürzer ſchreibe, wir ſind ſehr viel
unterwegs und haben ſoviel zu beſehen, daß ich es
nicht recht bewältigen kann. So ſchön wie Riva iſt
Verona nicht, finde ich, obgleich Papa ſagt, gerade
Verona trage echt italieniſchen Charakter. So furcht¬
bare blutige Erinnerungen gibt es hier! Wir waren
z. B. in der Arena. Erſt war es wie ein Traum,
dieſes rieſige Theater, in das die heiße Mittagsſonne
herunterglühte, daß die Steinſitze ganz warm waren.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div type="letter" n="2">
          <p><pb facs="#f0247" n="231"/>
Freund Alexej &#x017F;agt! Wenn &#x017F;ie mir nur mein Lamm<lb/>
nicht würgt! Ich hab's nicht wieder gefunden, das<lb/>
weiße Lämmchen und hätte ja allen Grund, in mi&#x017F;<lb/>
rabler Laune zu &#x017F;ein, aber &#x2014; ich weiß nicht, es geht<lb/>
nicht; ich glaube, das Kind hat mich mit &#x017F;einer Freu¬<lb/>
digkeit ange&#x017F;teckt. Wenn ich nur er&#x017F;t einen Brief von<lb/>
Dir hätte &#x2014; Nachricht, daß &#x017F;ie mich endgültig<lb/>
freigibt.</p><lb/>
          <closer>
            <salute> <hi rendition="#et">Dein Freund Eugen.</hi> </salute>
          </closer><lb/>
          <postscript>
            <p>Weißt, Land&#x017F;chaft <hi rendition="#g">mit</hi> Staffage, denk fein dran,<lb/>
wenn Du mir die Tuben zu&#x017F;ammen&#x017F;uch&#x017F;t!</p>
          </postscript><lb/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        </div>
        <div type="letter" n="2">
          <head> <hi rendition="#g">Klärchen an die Ge&#x017F;chwister.</hi><lb/>
          </head>
          <opener>
            <dateline rendition="#right">Verona, Albergo San Lorenzo,<lb/>
9. April Nachmittags. </dateline>
          </opener><lb/>
          <p>Meine Geliebten! Seid nicht bö&#x017F;e, daß ich Euch<lb/>
jetzt &#x017F;eltener und kürzer &#x017F;chreibe, wir &#x017F;ind &#x017F;ehr viel<lb/>
unterwegs und haben &#x017F;oviel zu be&#x017F;ehen, daß ich es<lb/>
nicht recht bewältigen kann. So &#x017F;chön wie Riva i&#x017F;t<lb/>
Verona nicht, finde ich, obgleich Papa &#x017F;agt, gerade<lb/>
Verona trage echt italieni&#x017F;chen Charakter. So furcht¬<lb/>
bare blutige Erinnerungen gibt es hier! Wir waren<lb/>
z. B. in der Arena. Er&#x017F;t war es wie ein Traum,<lb/>
die&#x017F;es rie&#x017F;ige Theater, in das die heiße Mittags&#x017F;onne<lb/>
herunterglühte, daß die Stein&#x017F;itze ganz warm waren.<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[231/0247] Freund Alexej ſagt! Wenn ſie mir nur mein Lamm nicht würgt! Ich hab's nicht wieder gefunden, das weiße Lämmchen und hätte ja allen Grund, in miſe¬ rabler Laune zu ſein, aber — ich weiß nicht, es geht nicht; ich glaube, das Kind hat mich mit ſeiner Freu¬ digkeit angeſteckt. Wenn ich nur erſt einen Brief von Dir hätte — Nachricht, daß ſie mich endgültig freigibt. Dein Freund Eugen. Weißt, Landſchaft mit Staffage, denk fein dran, wenn Du mir die Tuben zuſammenſuchſt! Klärchen an die Geſchwister. Verona, Albergo San Lorenzo, 9. April Nachmittags. Meine Geliebten! Seid nicht böſe, daß ich Euch jetzt ſeltener und kürzer ſchreibe, wir ſind ſehr viel unterwegs und haben ſoviel zu beſehen, daß ich es nicht recht bewältigen kann. So ſchön wie Riva iſt Verona nicht, finde ich, obgleich Papa ſagt, gerade Verona trage echt italieniſchen Charakter. So furcht¬ bare blutige Erinnerungen gibt es hier! Wir waren z. B. in der Arena. Erſt war es wie ein Traum, dieſes rieſige Theater, in das die heiße Mittagsſonne herunterglühte, daß die Steinſitze ganz warm waren.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/frapan_bittersuess_1891
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/frapan_bittersuess_1891/247
Zitationshilfe: Frapan, Ilse: Bittersüß. Novellen. Berlin, 1891, S. 231. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/frapan_bittersuess_1891/247>, abgerufen am 06.03.2021.