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Frapan, Ilse: Bittersüß. Novellen. Berlin, 1891.

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Augen "Willkommen!" riefen, und die liebe Hand
sich mir entgegenstreckte, schon von Weitem. Nun
quält mich die Frage: Hätt' ich besser gethan, ihr
die Geschichte zu verschweigen? Aber sie hängt mir
doch einmal an, und wenn Selma mich geliebt hätte,
statt mit mir zu spielen, so wäre vielleicht, nein, ge¬
wiß -- die Scheidung im Gange, und ich wäre in
absehbarer Zeit Selma's Mann! Die Thatsache läßt
sich doch nicht aus der Welt räumen, so qualvoll sie
mir jetzt auch ist. Wie glücklich, daß nicht alle
Wünsche in Erfüllung gehen! Denk' Dir, ich hätte
Selma geheirathet, und mir wäre dann Klärchen be¬
gegnet! Ich bin freilich auch so unselig.

Dein Eugen.

P. S. Ich male, daß es nur so spritzt. Die
Hechingen grüß' ich höflich, da ich sie ja doch nicht
vergiften kann, was ich lieber thäte.


Frau Dr. Esmarch an ihre Kinder.

Meine geliebten Kinder! Klärchen weiß nicht,
daß ich Euch dies schreibe, -- es ist aber nothwendig,
weil ich Euch bitten möchte, in Euren Briefen nicht
nach dem Herrn Nietzsche zu fragen. Er ist uns ja
erst als ein grober, unschädlicher Polterer erschienen

Augen „Willkommen!“ riefen, und die liebe Hand
ſich mir entgegenſtreckte, ſchon von Weitem. Nun
quält mich die Frage: Hätt' ich beſſer gethan, ihr
die Geſchichte zu verſchweigen? Aber ſie hängt mir
doch einmal an, und wenn Selma mich geliebt hätte,
ſtatt mit mir zu ſpielen, ſo wäre vielleicht, nein, ge¬
wiß — die Scheidung im Gange, und ich wäre in
abſehbarer Zeit Selma's Mann! Die Thatſache läßt
ſich doch nicht aus der Welt räumen, ſo qualvoll ſie
mir jetzt auch iſt. Wie glücklich, daß nicht alle
Wünſche in Erfüllung gehen! Denk' Dir, ich hätte
Selma geheirathet, und mir wäre dann Klärchen be¬
gegnet! Ich bin freilich auch ſo unſelig.

Dein Eugen.

P. S. Ich male, daß es nur ſo ſpritzt. Die
Hechingen grüß' ich höflich, da ich ſie ja doch nicht
vergiften kann, was ich lieber thäte.


Frau Dr. Esmarch an ihre Kinder.

Meine geliebten Kinder! Klärchen weiß nicht,
daß ich Euch dies ſchreibe, — es iſt aber nothwendig,
weil ich Euch bitten möchte, in Euren Briefen nicht
nach dem Herrn Nietzſche zu fragen. Er iſt uns ja
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[247/0263] Augen „Willkommen!“ riefen, und die liebe Hand ſich mir entgegenſtreckte, ſchon von Weitem. Nun quält mich die Frage: Hätt' ich beſſer gethan, ihr die Geſchichte zu verſchweigen? Aber ſie hängt mir doch einmal an, und wenn Selma mich geliebt hätte, ſtatt mit mir zu ſpielen, ſo wäre vielleicht, nein, ge¬ wiß — die Scheidung im Gange, und ich wäre in abſehbarer Zeit Selma's Mann! Die Thatſache läßt ſich doch nicht aus der Welt räumen, ſo qualvoll ſie mir jetzt auch iſt. Wie glücklich, daß nicht alle Wünſche in Erfüllung gehen! Denk' Dir, ich hätte Selma geheirathet, und mir wäre dann Klärchen be¬ gegnet! Ich bin freilich auch ſo unſelig. Dein Eugen. P. S. Ich male, daß es nur ſo ſpritzt. Die Hechingen grüß' ich höflich, da ich ſie ja doch nicht vergiften kann, was ich lieber thäte. Frau Dr. Esmarch an ihre Kinder. Venedig, 16. April. Meine geliebten Kinder! Klärchen weiß nicht, daß ich Euch dies ſchreibe, — es iſt aber nothwendig, weil ich Euch bitten möchte, in Euren Briefen nicht nach dem Herrn Nietzſche zu fragen. Er iſt uns ja erſt als ein grober, unſchädlicher Polterer erſchienen

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Zitationshilfe: Frapan, Ilse: Bittersüß. Novellen. Berlin, 1891, S. 247. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/frapan_bittersuess_1891/263>, abgerufen am 25.02.2021.