Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Breuer, Josef und Freud, Sigmund: Studien über Hysterie. Leipzig u. a., 1895.

Bild:
<< vorherige Seite

aller lehrhaften Suggestionen wenig verändert. Die Kategorie der "indifferenten Dinge" schien sie mir nicht anerkannt zu haben, ihre Neigung zur Selbstquälerei war kaum geringer als zur Zeit der Behandlung. Die hysterische Disposition hatte auch während dieser guten Zeit nicht geruht, sie klagte z. B. über eine Unfähigkeit, längere Eisenbahnreisen zu machen, die sie sich in den letzten Monaten zugezogen hatte, und ein nothgedrungen eiliger Versuch, ihr dieses Hinderniss aufzulösen, ergab nur verschiedene kleine unangenehme Eindrücke, die sie sich auf den letzten Fahrten nach D . . und in die Umgebung geholt hatte. Sie schien sich in der Hypnose aber nicht gerne mitzutheilen, und ich kam schon damals auf die Vermuthung, dass sie im Begriffe sei, sich meinem Einfluss wiederum zu entziehen, und dass die geheime Absicht der Eisenbahnhemmung darin liege, eine neuerliche Reise nach Wien zu verhindern.

Während dieser Tage äusserte sie auch jene Klage über Lücken in ihrer Erinnerung "gerade in den wichtigsten Begebenheiten", aus der ich schloss, dass meine Arbeit vor 2 Jahren eingreifend genug und dauernd gewirkt hatte. - Als sie mich eines Tages durch eine Allee führte, die vom Hause bis zu einer Bucht der See reichte, wagte ich die Frage, ob diese Allee oft mit Kröten besetzt sei. Zur Antwort traf mich ein strafender Blick, doch nicht begleitet von den Zeichen des Grausens, und dann folgte ergänzend die Aeusserung: "Aber wirkliche gibt es hier". - Während der Hypnose, die ich zur Erledigung der Eisenbahnhemmung unternahm, schien sie selbst von den Antworten, die sie gab, unbefriedigt, und sie drückte die Furcht aus, sie würde jetzt wohl der Hypnose nicht mehr so gehorchen wie früher. Ich beschloss, sie vom Gegentheil zu überzeugen. Ich schrieb einige Worte auf einen Zettel nieder, den ich ihr übergab, und sagte: "Sie werden mir heute Mittag wieder ein Glas Rothwein einschänken wie gestern. Sowie ich das Glas zum Mund führe, werden Sie sagen: Ach bitte, schänken Sie mir auch ein Glas voll, und wenn ich dann nach der Flasche greife, werden Sie rufen: Nein, ich danke, ich will doch lieber nicht. Darauf werden Sie in Ihre Tasche greifen und den Zettel hervorziehen, auf dem dieselben Worte stehen". Das war Vormittags; wenige Stunden später vollzog sich die kleine Scene genau so, wie ich sie angeordnet hatte, und in so natürlichem Hergang, dass sie keinem der zahlreichen Anwesenden auffiel. Sie schien sichtlich mit sich zu kämpfen, als sie von mir den Wein verlangte, - sie trank nämlich niemals Wein, - und nachdem sie mit offenbarer Erleichterung das Getränk abbestellt

aller lehrhaften Suggestionen wenig verändert. Die Kategorie der „indifferenten Dinge“ schien sie mir nicht anerkannt zu haben, ihre Neigung zur Selbstquälerei war kaum geringer als zur Zeit der Behandlung. Die hysterische Disposition hatte auch während dieser guten Zeit nicht geruht, sie klagte z. B. über eine Unfähigkeit, längere Eisenbahnreisen zu machen, die sie sich in den letzten Monaten zugezogen hatte, und ein nothgedrungen eiliger Versuch, ihr dieses Hinderniss aufzulösen, ergab nur verschiedene kleine unangenehme Eindrücke, die sie sich auf den letzten Fahrten nach D . . und in die Umgebung geholt hatte. Sie schien sich in der Hypnose aber nicht gerne mitzutheilen, und ich kam schon damals auf die Vermuthung, dass sie im Begriffe sei, sich meinem Einfluss wiederum zu entziehen, und dass die geheime Absicht der Eisenbahnhemmung darin liege, eine neuerliche Reise nach Wien zu verhindern.

Während dieser Tage äusserte sie auch jene Klage über Lücken in ihrer Erinnerung „gerade in den wichtigsten Begebenheiten“, aus der ich schloss, dass meine Arbeit vor 2 Jahren eingreifend genug und dauernd gewirkt hatte. – Als sie mich eines Tages durch eine Allee führte, die vom Hause bis zu einer Bucht der See reichte, wagte ich die Frage, ob diese Allee oft mit Kröten besetzt sei. Zur Antwort traf mich ein strafender Blick, doch nicht begleitet von den Zeichen des Grausens, und dann folgte ergänzend die Aeusserung: „Aber wirkliche gibt es hier“. – Während der Hypnose, die ich zur Erledigung der Eisenbahnhemmung unternahm, schien sie selbst von den Antworten, die sie gab, unbefriedigt, und sie drückte die Furcht aus, sie würde jetzt wohl der Hypnose nicht mehr so gehorchen wie früher. Ich beschloss, sie vom Gegentheil zu überzeugen. Ich schrieb einige Worte auf einen Zettel nieder, den ich ihr übergab, und sagte: „Sie werden mir heute Mittag wieder ein Glas Rothwein einschänken wie gestern. Sowie ich das Glas zum Mund führe, werden Sie sagen: Ach bitte, schänken Sie mir auch ein Glas voll, und wenn ich dann nach der Flasche greife, werden Sie rufen: Nein, ich danke, ich will doch lieber nicht. Darauf werden Sie in Ihre Tasche greifen und den Zettel hervorziehen, auf dem dieselben Worte stehen“. Das war Vormittags; wenige Stunden später vollzog sich die kleine Scene genau so, wie ich sie angeordnet hatte, und in so natürlichem Hergang, dass sie keinem der zahlreichen Anwesenden auffiel. Sie schien sichtlich mit sich zu kämpfen, als sie von mir den Wein verlangte, – sie trank nämlich niemals Wein, – und nachdem sie mit offenbarer Erleichterung das Getränk abbestellt

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0077" n="71"/>
aller lehrhaften Suggestionen wenig verändert. Die Kategorie der &#x201E;indifferenten Dinge&#x201C; schien sie mir nicht anerkannt zu haben, ihre Neigung zur Selbstquälerei war kaum geringer als zur Zeit der Behandlung. Die hysterische Disposition hatte auch während dieser guten Zeit nicht geruht, sie klagte z. B. über eine Unfähigkeit, längere Eisenbahnreisen zu machen, die sie sich in den letzten Monaten zugezogen hatte, und ein nothgedrungen eiliger Versuch, ihr dieses Hinderniss aufzulösen, ergab nur verschiedene kleine unangenehme Eindrücke, die sie sich auf den letzten Fahrten nach D . . und in die Umgebung geholt hatte. Sie schien sich in der Hypnose aber nicht gerne mitzutheilen, und ich kam schon damals auf die Vermuthung, dass sie im Begriffe sei, sich meinem Einfluss wiederum zu entziehen, und dass die geheime Absicht der Eisenbahnhemmung darin liege, eine neuerliche Reise nach Wien zu verhindern.</p>
          <p>Während dieser Tage äusserte sie auch jene Klage über Lücken in ihrer Erinnerung &#x201E;gerade in den wichtigsten Begebenheiten&#x201C;, aus der ich schloss, dass meine Arbeit vor 2 Jahren eingreifend genug und dauernd gewirkt hatte. &#x2013; Als sie mich eines Tages durch eine Allee führte, die vom Hause bis zu einer Bucht der See reichte, wagte ich die Frage, ob diese Allee oft mit Kröten besetzt sei. Zur Antwort traf mich ein strafender Blick, doch nicht begleitet von den Zeichen des Grausens, und dann folgte ergänzend die Aeusserung: &#x201E;Aber wirkliche gibt es hier&#x201C;. &#x2013; Während der Hypnose, die ich zur Erledigung der Eisenbahnhemmung unternahm, schien sie selbst von den Antworten, die sie gab, unbefriedigt, und sie drückte die Furcht aus, sie würde jetzt wohl der Hypnose nicht mehr so gehorchen wie früher. Ich beschloss, sie vom Gegentheil zu überzeugen. Ich schrieb einige Worte auf einen Zettel nieder, den ich ihr übergab, und sagte: &#x201E;Sie werden mir heute Mittag wieder ein Glas Rothwein einschänken wie gestern. Sowie ich das Glas zum Mund führe, werden Sie sagen: Ach bitte, schänken Sie mir auch ein Glas voll, und wenn ich dann nach der Flasche greife, werden Sie rufen: Nein, ich danke, ich will doch lieber nicht. Darauf werden Sie in Ihre Tasche greifen und den Zettel hervorziehen, auf dem dieselben Worte stehen&#x201C;. Das war Vormittags; wenige Stunden später vollzog sich die kleine Scene genau so, wie ich sie angeordnet hatte, und in so natürlichem Hergang, dass sie keinem der zahlreichen Anwesenden auffiel. Sie schien sichtlich mit sich zu kämpfen, als sie von mir den Wein verlangte, &#x2013; sie trank nämlich niemals Wein, &#x2013; und nachdem sie mit offenbarer Erleichterung das Getränk abbestellt
</p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[71/0077] aller lehrhaften Suggestionen wenig verändert. Die Kategorie der „indifferenten Dinge“ schien sie mir nicht anerkannt zu haben, ihre Neigung zur Selbstquälerei war kaum geringer als zur Zeit der Behandlung. Die hysterische Disposition hatte auch während dieser guten Zeit nicht geruht, sie klagte z. B. über eine Unfähigkeit, längere Eisenbahnreisen zu machen, die sie sich in den letzten Monaten zugezogen hatte, und ein nothgedrungen eiliger Versuch, ihr dieses Hinderniss aufzulösen, ergab nur verschiedene kleine unangenehme Eindrücke, die sie sich auf den letzten Fahrten nach D . . und in die Umgebung geholt hatte. Sie schien sich in der Hypnose aber nicht gerne mitzutheilen, und ich kam schon damals auf die Vermuthung, dass sie im Begriffe sei, sich meinem Einfluss wiederum zu entziehen, und dass die geheime Absicht der Eisenbahnhemmung darin liege, eine neuerliche Reise nach Wien zu verhindern. Während dieser Tage äusserte sie auch jene Klage über Lücken in ihrer Erinnerung „gerade in den wichtigsten Begebenheiten“, aus der ich schloss, dass meine Arbeit vor 2 Jahren eingreifend genug und dauernd gewirkt hatte. – Als sie mich eines Tages durch eine Allee führte, die vom Hause bis zu einer Bucht der See reichte, wagte ich die Frage, ob diese Allee oft mit Kröten besetzt sei. Zur Antwort traf mich ein strafender Blick, doch nicht begleitet von den Zeichen des Grausens, und dann folgte ergänzend die Aeusserung: „Aber wirkliche gibt es hier“. – Während der Hypnose, die ich zur Erledigung der Eisenbahnhemmung unternahm, schien sie selbst von den Antworten, die sie gab, unbefriedigt, und sie drückte die Furcht aus, sie würde jetzt wohl der Hypnose nicht mehr so gehorchen wie früher. Ich beschloss, sie vom Gegentheil zu überzeugen. Ich schrieb einige Worte auf einen Zettel nieder, den ich ihr übergab, und sagte: „Sie werden mir heute Mittag wieder ein Glas Rothwein einschänken wie gestern. Sowie ich das Glas zum Mund führe, werden Sie sagen: Ach bitte, schänken Sie mir auch ein Glas voll, und wenn ich dann nach der Flasche greife, werden Sie rufen: Nein, ich danke, ich will doch lieber nicht. Darauf werden Sie in Ihre Tasche greifen und den Zettel hervorziehen, auf dem dieselben Worte stehen“. Das war Vormittags; wenige Stunden später vollzog sich die kleine Scene genau so, wie ich sie angeordnet hatte, und in so natürlichem Hergang, dass sie keinem der zahlreichen Anwesenden auffiel. Sie schien sichtlich mit sich zu kämpfen, als sie von mir den Wein verlangte, – sie trank nämlich niemals Wein, – und nachdem sie mit offenbarer Erleichterung das Getränk abbestellt

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Wikisource: Bereitstellung der Texttranskription und Auszeichnung in Wikisource-Syntax. (2012-10-26T10:30:31Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme aus Wikisource entsprechen muss.
Wikimedia Commons: Bereitstellung der Bilddigitalisate (2012-10-26T10:30:31Z)
Frank Wiegand: Konvertierung von Wikisource-Markup nach XML/TEI gemäß DTA-Basisformat. (2012-10-26T10:30:31Z)

Weitere Informationen:

Anmerkungen zur Transkription:




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/freud_hysterie_1895
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/freud_hysterie_1895/77
Zitationshilfe: Breuer, Josef und Freud, Sigmund: Studien über Hysterie. Leipzig u. a., 1895, S. 71. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/freud_hysterie_1895/77>, abgerufen am 29.09.2022.