Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Glück, Christian Friedrich von: Versuch einer ausführlichen Erläuterung der Pandecten nach Hellfeld ein Commentar für meine Zuhörer. Erlangen, 1790.

Bild:
<< vorherige Seite

de Iustitia et Iure.
Handlungen zu rechnen, denn nur mein Forderungs-
recht allein hängt noch von der Antretung des Erben
ab; und dieses ius quaesitum kann mir durch das neue
Gesez nicht entzogen werden. Wäre im Gegentheil das
neue Gesez noch vor dem Tode des Testirers gegeben
worden, so würde es hier allerdings seine Anwendung
finden 43). Drittens: wenn ein gewisses Rechtsge-
schäft unter einer Bedingung ist geschlossen worden, und
diese erst nach Bekanntmachung des neuen Gesetzes exi-
stirt, so entsteht die Frage, ob ein solches negotium
pro praeterito
zu halten sey? Dem erstern Anschein
nach möchte man beynahe diese Frage verneinen, weil
ein Geschäft, dessen conditio noch zur Zeit pendens
ist, pro imperfecto gehalten wird 44). Aber dennoch
ist die bejahende Meinung richtiger, weil bekannt, daß
die Bedingung, wenn sie erfüllet wird, ad initium
actus
zurückgezogen, und vermöge einer rechtlichen
Fiction es eben so angesehen wird, als wenn das Ge-
schäft gleich anfangs unbedingt geschlossen worden wä-
re 45). Aus diesem Grunde kann also lex nova auf
die, noch vor dem neuen Gesez abgeschlossene, wenn
gleich bedingte, Rechtsgeschäfte, nicht angewendet wer-
den.

Die Regel, daß positive Gesetze nicht auf vorher-
gegangene Handlungen zu ziehen sind, gehet übrigens
auch auf Strafgesetze. Man hat daher bey Be-
stimmung der Strafe eines begangenen Verbrechens
darauf zu sehen, was zu der Zeit, da das Verbrechen
begangen wurde, für eine Strafe in den Gesetzen be-
stimmt gewesen, denn nur diese hat der Missethäter

eigent-
43) reinharth a. a. O. n. 7. 8. S. 125.
44) L. 213. D. de Verb. Signif.
45) L. 78. D. de Verb. Obligat.

de Iuſtitia et Iure.
Handlungen zu rechnen, denn nur mein Forderungs-
recht allein haͤngt noch von der Antretung des Erben
ab; und dieſes ius quaeſitum kann mir durch das neue
Geſez nicht entzogen werden. Waͤre im Gegentheil das
neue Geſez noch vor dem Tode des Teſtirers gegeben
worden, ſo wuͤrde es hier allerdings ſeine Anwendung
finden 43). Drittens: wenn ein gewiſſes Rechtsge-
ſchaͤft unter einer Bedingung iſt geſchloſſen worden, und
dieſe erſt nach Bekanntmachung des neuen Geſetzes exi-
ſtirt, ſo entſteht die Frage, ob ein ſolches negotium
pro praeterito
zu halten ſey? Dem erſtern Anſchein
nach moͤchte man beynahe dieſe Frage verneinen, weil
ein Geſchaͤft, deſſen conditio noch zur Zeit pendens
iſt, pro imperfecto gehalten wird 44). Aber dennoch
iſt die bejahende Meinung richtiger, weil bekannt, daß
die Bedingung, wenn ſie erfuͤllet wird, ad initium
actus
zuruͤckgezogen, und vermoͤge einer rechtlichen
Fiction es eben ſo angeſehen wird, als wenn das Ge-
ſchaͤft gleich anfangs unbedingt geſchloſſen worden waͤ-
re 45). Aus dieſem Grunde kann alſo lex nova auf
die, noch vor dem neuen Geſez abgeſchloſſene, wenn
gleich bedingte, Rechtsgeſchaͤfte, nicht angewendet wer-
den.

Die Regel, daß poſitive Geſetze nicht auf vorher-
gegangene Handlungen zu ziehen ſind, gehet uͤbrigens
auch auf Strafgeſetze. Man hat daher bey Be-
ſtimmung der Strafe eines begangenen Verbrechens
darauf zu ſehen, was zu der Zeit, da das Verbrechen
begangen wurde, fuͤr eine Strafe in den Geſetzen be-
ſtimmt geweſen, denn nur dieſe hat der Miſſethaͤter

eigent-
43) reinharth a. a. O. n. 7. 8. S. 125.
44) L. 213. D. de Verb. Signif.
45) L. 78. D. de Verb. Obligat.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0163" n="143"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#aq">de Iu&#x017F;titia et Iure.</hi></fw><lb/><hi rendition="#g">Handlungen</hi> zu rechnen, denn nur mein Forderungs-<lb/>
recht allein ha&#x0364;ngt noch von der Antretung des Erben<lb/>
ab; und die&#x017F;es <hi rendition="#aq">ius quae&#x017F;itum</hi> kann mir durch das neue<lb/>
Ge&#x017F;ez nicht entzogen werden. Wa&#x0364;re im Gegentheil das<lb/>
neue Ge&#x017F;ez noch vor dem Tode des Te&#x017F;tirers gegeben<lb/>
worden, &#x017F;o wu&#x0364;rde es hier allerdings &#x017F;eine Anwendung<lb/>
finden <note place="foot" n="43)"><hi rendition="#k"><hi rendition="#aq">reinharth</hi></hi> a. a. O. <hi rendition="#aq">n.</hi> 7. 8. S. 125.</note>. <hi rendition="#g">Drittens</hi>: wenn ein gewi&#x017F;&#x017F;es Rechtsge-<lb/>
&#x017F;cha&#x0364;ft unter einer Bedingung i&#x017F;t ge&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;en worden, und<lb/>
die&#x017F;e er&#x017F;t nach Bekanntmachung des neuen Ge&#x017F;etzes exi-<lb/>
&#x017F;tirt, &#x017F;o ent&#x017F;teht die Frage, ob ein &#x017F;olches <hi rendition="#aq">negotium<lb/>
pro praeterito</hi> zu halten &#x017F;ey? Dem er&#x017F;tern An&#x017F;chein<lb/>
nach mo&#x0364;chte man beynahe die&#x017F;e Frage verneinen, weil<lb/>
ein Ge&#x017F;cha&#x0364;ft, de&#x017F;&#x017F;en <hi rendition="#aq">conditio</hi> noch zur Zeit <hi rendition="#aq">pendens</hi><lb/>
i&#x017F;t, <hi rendition="#aq">pro imperfecto</hi> gehalten wird <note place="foot" n="44)"><hi rendition="#i"><hi rendition="#aq">L. 213. D. de Verb. Signif</hi>.</hi></note>. Aber dennoch<lb/>
i&#x017F;t die bejahende Meinung richtiger, weil bekannt, daß<lb/>
die Bedingung, wenn &#x017F;ie erfu&#x0364;llet wird, <hi rendition="#aq">ad initium<lb/>
actus</hi> zuru&#x0364;ckgezogen, und vermo&#x0364;ge einer rechtlichen<lb/>
Fiction es eben &#x017F;o ange&#x017F;ehen wird, als wenn das Ge-<lb/>
&#x017F;cha&#x0364;ft gleich anfangs unbedingt ge&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;en worden wa&#x0364;-<lb/>
re <note place="foot" n="45)"><hi rendition="#i"><hi rendition="#aq">L. 78. D. de Verb. Obligat</hi>.</hi></note>. Aus die&#x017F;em Grunde kann al&#x017F;o <hi rendition="#aq">lex nova</hi> auf<lb/>
die, noch vor dem neuen Ge&#x017F;ez abge&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;ene, wenn<lb/>
gleich bedingte, Rechtsge&#x017F;cha&#x0364;fte, nicht angewendet wer-<lb/>
den.</p><lb/>
            <p>Die Regel, daß po&#x017F;itive Ge&#x017F;etze nicht auf vorher-<lb/>
gegangene Handlungen zu ziehen &#x017F;ind, gehet u&#x0364;brigens<lb/>
auch auf <hi rendition="#g">Strafge&#x017F;etze</hi>. Man hat daher bey Be-<lb/>
&#x017F;timmung der Strafe eines begangenen Verbrechens<lb/>
darauf zu &#x017F;ehen, was zu der Zeit, da das Verbrechen<lb/>
begangen wurde, fu&#x0364;r eine Strafe in den Ge&#x017F;etzen be-<lb/>
&#x017F;timmt gewe&#x017F;en, denn nur die&#x017F;e hat der Mi&#x017F;&#x017F;etha&#x0364;ter<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">eigent-</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[143/0163] de Iuſtitia et Iure. Handlungen zu rechnen, denn nur mein Forderungs- recht allein haͤngt noch von der Antretung des Erben ab; und dieſes ius quaeſitum kann mir durch das neue Geſez nicht entzogen werden. Waͤre im Gegentheil das neue Geſez noch vor dem Tode des Teſtirers gegeben worden, ſo wuͤrde es hier allerdings ſeine Anwendung finden 43). Drittens: wenn ein gewiſſes Rechtsge- ſchaͤft unter einer Bedingung iſt geſchloſſen worden, und dieſe erſt nach Bekanntmachung des neuen Geſetzes exi- ſtirt, ſo entſteht die Frage, ob ein ſolches negotium pro praeterito zu halten ſey? Dem erſtern Anſchein nach moͤchte man beynahe dieſe Frage verneinen, weil ein Geſchaͤft, deſſen conditio noch zur Zeit pendens iſt, pro imperfecto gehalten wird 44). Aber dennoch iſt die bejahende Meinung richtiger, weil bekannt, daß die Bedingung, wenn ſie erfuͤllet wird, ad initium actus zuruͤckgezogen, und vermoͤge einer rechtlichen Fiction es eben ſo angeſehen wird, als wenn das Ge- ſchaͤft gleich anfangs unbedingt geſchloſſen worden waͤ- re 45). Aus dieſem Grunde kann alſo lex nova auf die, noch vor dem neuen Geſez abgeſchloſſene, wenn gleich bedingte, Rechtsgeſchaͤfte, nicht angewendet wer- den. Die Regel, daß poſitive Geſetze nicht auf vorher- gegangene Handlungen zu ziehen ſind, gehet uͤbrigens auch auf Strafgeſetze. Man hat daher bey Be- ſtimmung der Strafe eines begangenen Verbrechens darauf zu ſehen, was zu der Zeit, da das Verbrechen begangen wurde, fuͤr eine Strafe in den Geſetzen be- ſtimmt geweſen, denn nur dieſe hat der Miſſethaͤter eigent- 43) reinharth a. a. O. n. 7. 8. S. 125. 44) L. 213. D. de Verb. Signif. 45) L. 78. D. de Verb. Obligat.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/glueck_pandecten01_1790
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/glueck_pandecten01_1790/163
Zitationshilfe: Glück, Christian Friedrich von: Versuch einer ausführlichen Erläuterung der Pandecten nach Hellfeld ein Commentar für meine Zuhörer. Erlangen, 1790, S. 143. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/glueck_pandecten01_1790/163>, abgerufen am 04.10.2022.