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Glück, Christian Friedrich von: Versuch einer ausführlichen Erläuterung der Pandecten nach Hellfeld ein Commentar für meine Zuhörer. Erlangen, 1790.

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de Origine Iuris.
also, wenn keine andere Gesetze des justinianeischen
Rechts in Teutschland recipiret wurden, als welche in
den Exemplaren, die man zu den Zeiten der Glossato-
ren davon hatte, und welche mit den Anmerkungen der-
selben versehen waren, anzutreffen gewesen? Und dies
ist nun der Grund der obigen Regel: Quidquid non
agnoscit glossa, illud nec agnoscit curia.
Nicht also
weil die Anmerkungen des Accursius und seiner Vor-
gänger eine gesezliche Kraft hätten; oder weil diese Glos-
satoren es bestimmen könnten, welche Gesetze in Teutsch-
land gelten sollten, und welche nicht, -- sondern,
weil unsere Vorfahren das Römische Recht
in der Gestalt recipirt haben, wie sie es aus
den Händen der Glossatoren empfiengen
; nur
darum gilt anders nichts, als was die Glosse aner-
kennt 2). Nicht recipirt sind demnach alle diejenigen
Gesetze, welche erst im sechzehnden und siebenzehnden
Säculum durch die critischen Bemühungen der neuern
Civilisten vorzüglich aus den Basiliken restituirt, und
denen justinianeischen Gesezsammlungen eingeschaltet und
beygefügt worden sind, weil die alten Glossatoren diese
nicht kannten, mithin auch selbige mit deren Glossen
nicht versehen sind. Da uns nun also die Glosse
zum Wegweiser dienen muß, wodurch wir erfahren
können, welche Verordnungen der römische Rechtskör-
per zu der Zeit, als er in Teutschland aufgenommen
worden, in sich gefasset habe, so lässet sich schon hier-
aus abnehmen, daß das corpus iuris glossatum noch
immer für einen Rechtsgelehrten von grossem Nutzen
sey 3).


§. 57.
2) zepernick in den oben angeführten Coniecturis §.
XXII.
hinter beck S. 526.
3) Die beste Ausgabe des Corporis iuris civ. glossati ist
die-

de Origine Iuris.
alſo, wenn keine andere Geſetze des juſtinianeiſchen
Rechts in Teutſchland recipiret wurden, als welche in
den Exemplaren, die man zu den Zeiten der Gloſſato-
ren davon hatte, und welche mit den Anmerkungen der-
ſelben verſehen waren, anzutreffen geweſen? Und dies
iſt nun der Grund der obigen Regel: Quidquid non
agnoſcit gloſſa, illud nec agnoſcit curia.
Nicht alſo
weil die Anmerkungen des Accurſius und ſeiner Vor-
gaͤnger eine geſezliche Kraft haͤtten; oder weil dieſe Gloſ-
ſatoren es beſtimmen koͤnnten, welche Geſetze in Teutſch-
land gelten ſollten, und welche nicht, — ſondern,
weil unſere Vorfahren das Roͤmiſche Recht
in der Geſtalt recipirt haben, wie ſie es aus
den Haͤnden der Gloſſatoren empfiengen
; nur
darum gilt anders nichts, als was die Gloſſe aner-
kennt 2). Nicht recipirt ſind demnach alle diejenigen
Geſetze, welche erſt im ſechzehnden und ſiebenzehnden
Saͤculum durch die critiſchen Bemuͤhungen der neuern
Civiliſten vorzuͤglich aus den Baſiliken reſtituirt, und
denen juſtinianeiſchen Geſezſammlungen eingeſchaltet und
beygefuͤgt worden ſind, weil die alten Gloſſatoren dieſe
nicht kannten, mithin auch ſelbige mit deren Gloſſen
nicht verſehen ſind. Da uns nun alſo die Gloſſe
zum Wegweiſer dienen muß, wodurch wir erfahren
koͤnnen, welche Verordnungen der roͤmiſche Rechtskoͤr-
per zu der Zeit, als er in Teutſchland aufgenommen
worden, in ſich gefaſſet habe, ſo laͤſſet ſich ſchon hier-
aus abnehmen, daß das corpus iuris gloſſatum noch
immer fuͤr einen Rechtsgelehrten von groſſem Nutzen
ſey 3).


§. 57.
2) zepernick in den oben angefuͤhrten Coniecturis §.
XXII.
hinter beck S. 526.
3) Die beſte Ausgabe des Corporis iuris civ. gloſſati iſt
die-
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[349/0369] de Origine Iuris. alſo, wenn keine andere Geſetze des juſtinianeiſchen Rechts in Teutſchland recipiret wurden, als welche in den Exemplaren, die man zu den Zeiten der Gloſſato- ren davon hatte, und welche mit den Anmerkungen der- ſelben verſehen waren, anzutreffen geweſen? Und dies iſt nun der Grund der obigen Regel: Quidquid non agnoſcit gloſſa, illud nec agnoſcit curia. Nicht alſo weil die Anmerkungen des Accurſius und ſeiner Vor- gaͤnger eine geſezliche Kraft haͤtten; oder weil dieſe Gloſ- ſatoren es beſtimmen koͤnnten, welche Geſetze in Teutſch- land gelten ſollten, und welche nicht, — ſondern, weil unſere Vorfahren das Roͤmiſche Recht in der Geſtalt recipirt haben, wie ſie es aus den Haͤnden der Gloſſatoren empfiengen; nur darum gilt anders nichts, als was die Gloſſe aner- kennt 2). Nicht recipirt ſind demnach alle diejenigen Geſetze, welche erſt im ſechzehnden und ſiebenzehnden Saͤculum durch die critiſchen Bemuͤhungen der neuern Civiliſten vorzuͤglich aus den Baſiliken reſtituirt, und denen juſtinianeiſchen Geſezſammlungen eingeſchaltet und beygefuͤgt worden ſind, weil die alten Gloſſatoren dieſe nicht kannten, mithin auch ſelbige mit deren Gloſſen nicht verſehen ſind. Da uns nun alſo die Gloſſe zum Wegweiſer dienen muß, wodurch wir erfahren koͤnnen, welche Verordnungen der roͤmiſche Rechtskoͤr- per zu der Zeit, als er in Teutſchland aufgenommen worden, in ſich gefaſſet habe, ſo laͤſſet ſich ſchon hier- aus abnehmen, daß das corpus iuris gloſſatum noch immer fuͤr einen Rechtsgelehrten von groſſem Nutzen ſey 3). §. 57. 2) zepernick in den oben angefuͤhrten Coniecturis §. XXII. hinter beck S. 526. 3) Die beſte Ausgabe des Corporis iuris civ. gloſſati iſt die-

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Zitationshilfe: Glück, Christian Friedrich von: Versuch einer ausführlichen Erläuterung der Pandecten nach Hellfeld ein Commentar für meine Zuhörer. Erlangen, 1790, S. 349. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/glueck_pandecten01_1790/369>, abgerufen am 29.06.2022.