Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Glück, Christian Friedrich von: Versuch einer ausführlichen Erläuterung der Pandecten nach Hellfeld ein Commentar für meine Zuhörer. Erlangen, 1790.

Bild:
<< vorherige Seite

de Iustitia et Iure.
gegebenen Bedeutung des Worts Gesetz in unserer
Rechtswissenschaft allein nicht stehen bleiben, es wird
daher nöthig seyn, auch von den übrigen Bedeutungen
dieses Worts das nöthige annoch anzuführen. Wir müs-
sen aber zuförderst bemerken, daß das lateinische Wort
Lex nicht immer durch Gesetz übersetzet werden kann.
Also I. was heißt Lex in unsern Gesetzen, wenn es
durch Gesetz nicht übersetzer werden darf? Die Bedeu-
tung ist verschieden; denn 1) wird es für einen Ver-
trag
oder Contract genommen; z. B. comprehen-
sum lege venditionis L. 60. D. de contr emt. vend.

ferner lege locationis comprehensum est L. 77. D.
pro socio.
So wird ferner derjenige Vertrag, wo-
durch jemand auf den Fall, wenn er seine Schuldigkeit
auf die gehörige Art nicht erfüllen würde, sich verwill-
kühret, daß er sodann gewisser Ansprüche oder Befug-
nisse verlustig seyn, und einem andern eine gewisse Ver-
bindlichkeit, die ihm sonst obgelegen haben würde, erlas-
sen haben wolle, lex commissoria, der commissori-
sche Vertrag
, genennt. Man setze, daß ein Kauf
sub lege commissoria sey geschlossen worden; hält nun
der Käufer nicht mit der Bezahlung inne, so verliehrt
er sein Recht aus dem Kaufcontract, und der Ver-
käufer ist an den Handel nicht mehr gebunden: doch
davon unten in Tit. ff. de lege commissoria (Lib. XVIII.
Tit. 3)
ein mehreres 2) Bedeutet Lex auch soviel als
eine Bedingung, unter welcher etwas geschiehet, oder
geschehen ist; z. B. Qui fundum ea lege emerat, ut
soluta pecunia traderetur ei possessio
etc., L. 78. §. 2.
D. de contr. emt. vend.
Ferner Ea lege fundum lo-
cavi
, ut etc.
sagt L. 51. D. locati. Es kann auch soviel
als Bestimmung oder Modification eines Han-
dels
heissen. Bekannt ist der juristische Satz, pacta
dant legem contractui
, L. 7. §. 5. D. de pactis,
d. i.

die

de Iuſtitia et Iure.
gegebenen Bedeutung des Worts Geſetz in unſerer
Rechtswiſſenſchaft allein nicht ſtehen bleiben, es wird
daher noͤthig ſeyn, auch von den uͤbrigen Bedeutungen
dieſes Worts das noͤthige annoch anzufuͤhren. Wir muͤſ-
ſen aber zufoͤrderſt bemerken, daß das lateiniſche Wort
Lex nicht immer durch Geſetz uͤberſetzet werden kann.
Alſo I. was heißt Lex in unſern Geſetzen, wenn es
durch Geſetz nicht uͤberſetzer werden darf? Die Bedeu-
tung iſt verſchieden; denn 1) wird es fuͤr einen Ver-
trag
oder Contract genommen; z. B. comprehen-
ſum lege venditionis L. 60. D. de contr emt. vend.

ferner lege locationis comprehenſum eſt L. 77. D.
pro ſocio.
So wird ferner derjenige Vertrag, wo-
durch jemand auf den Fall, wenn er ſeine Schuldigkeit
auf die gehoͤrige Art nicht erfuͤllen wuͤrde, ſich verwill-
kuͤhret, daß er ſodann gewiſſer Anſpruͤche oder Befug-
niſſe verluſtig ſeyn, und einem andern eine gewiſſe Ver-
bindlichkeit, die ihm ſonſt obgelegen haben wuͤrde, erlaſ-
ſen haben wolle, lex commiſſoria, der commiſſori-
ſche Vertrag
, genennt. Man ſetze, daß ein Kauf
ſub lege commiſſoria ſey geſchloſſen worden; haͤlt nun
der Kaͤufer nicht mit der Bezahlung inne, ſo verliehrt
er ſein Recht aus dem Kaufcontract, und der Ver-
kaͤufer iſt an den Handel nicht mehr gebunden: doch
davon unten in Tit. ff. de lege commiſſoria (Lib. XVIII.
Tit. 3)
ein mehreres 2) Bedeutet Lex auch ſoviel als
eine Bedingung, unter welcher etwas geſchiehet, oder
geſchehen iſt; z. B. Qui fundum ea lege emerat, ut
ſoluta pecunia traderetur ei poſſeſſio
etc., L. 78. §. 2.
D. de contr. emt. vend.
Ferner Ea lege fundum lo-
cavi
, ut etc.
ſagt L. 51. D. locati. Es kann auch ſoviel
als Beſtimmung oder Modification eines Han-
dels
heiſſen. Bekannt iſt der juriſtiſche Satz, pacta
dant legem contractui
, L. 7. §. 5. D. de pactis,
d. i.

die
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0067" n="47"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#aq">de Iu&#x017F;titia et Iure.</hi></fw><lb/>
gegebenen Bedeutung des Worts Ge&#x017F;etz in un&#x017F;erer<lb/>
Rechtswi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaft allein nicht &#x017F;tehen bleiben, es wird<lb/>
daher no&#x0364;thig &#x017F;eyn, auch von den u&#x0364;brigen Bedeutungen<lb/>
die&#x017F;es Worts das no&#x0364;thige annoch anzufu&#x0364;hren. Wir mu&#x0364;&#x017F;-<lb/>
&#x017F;en aber zufo&#x0364;rder&#x017F;t bemerken, daß das lateini&#x017F;che Wort<lb/><hi rendition="#i"><hi rendition="#aq">Lex</hi></hi> nicht immer durch Ge&#x017F;etz u&#x0364;ber&#x017F;etzet werden kann.<lb/>
Al&#x017F;o <hi rendition="#aq">I.</hi> was heißt <hi rendition="#i"><hi rendition="#aq">Lex</hi></hi> in un&#x017F;ern Ge&#x017F;etzen, wenn es<lb/>
durch Ge&#x017F;etz nicht u&#x0364;ber&#x017F;etzer werden darf? Die Bedeu-<lb/>
tung i&#x017F;t ver&#x017F;chieden; denn 1) wird es fu&#x0364;r einen <hi rendition="#g">Ver-<lb/>
trag</hi> oder <hi rendition="#g">Contract</hi> genommen; z. B. <hi rendition="#aq">comprehen-<lb/>
&#x017F;um lege venditionis <hi rendition="#i">L.</hi> 60. <hi rendition="#i">D. de contr emt. vend.</hi></hi><lb/>
ferner <hi rendition="#aq">lege locationis comprehen&#x017F;um e&#x017F;t L. 77. D.<lb/>
pro &#x017F;ocio.</hi> So wird ferner derjenige Vertrag, wo-<lb/>
durch jemand auf den Fall, wenn er &#x017F;eine Schuldigkeit<lb/>
auf die geho&#x0364;rige Art nicht erfu&#x0364;llen wu&#x0364;rde, &#x017F;ich verwill-<lb/>
ku&#x0364;hret, daß er &#x017F;odann gewi&#x017F;&#x017F;er An&#x017F;pru&#x0364;che oder Befug-<lb/>
ni&#x017F;&#x017F;e verlu&#x017F;tig &#x017F;eyn, und einem andern eine gewi&#x017F;&#x017F;e Ver-<lb/>
bindlichkeit, die ihm &#x017F;on&#x017F;t obgelegen haben wu&#x0364;rde, erla&#x017F;-<lb/>
&#x017F;en haben wolle, <hi rendition="#aq"><hi rendition="#i">lex commi&#x017F;&#x017F;oria</hi>,</hi> der <hi rendition="#g">commi&#x017F;&#x017F;ori-<lb/>
&#x017F;che Vertrag</hi>, genennt. Man &#x017F;etze, daß ein Kauf<lb/><hi rendition="#aq">&#x017F;ub lege commi&#x017F;&#x017F;oria</hi> &#x017F;ey ge&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;en worden; ha&#x0364;lt nun<lb/>
der Ka&#x0364;ufer nicht mit der Bezahlung inne, &#x017F;o verliehrt<lb/>
er &#x017F;ein Recht aus dem Kaufcontract, und der Ver-<lb/>
ka&#x0364;ufer i&#x017F;t an den Handel nicht mehr gebunden: doch<lb/>
davon unten in <hi rendition="#aq">Tit. ff. <hi rendition="#i">de lege commi&#x017F;&#x017F;oria</hi> (Lib. XVIII.<lb/>
Tit. 3)</hi> ein mehreres 2) Bedeutet <hi rendition="#i"><hi rendition="#aq">Lex</hi></hi> auch &#x017F;oviel als<lb/>
eine <hi rendition="#g">Bedingung</hi>, unter welcher etwas ge&#x017F;chiehet, oder<lb/>
ge&#x017F;chehen i&#x017F;t; z. B. <hi rendition="#aq"><hi rendition="#i">Qui fundum</hi><hi rendition="#g">ea lege <hi rendition="#i">emerat</hi></hi>, <hi rendition="#i">ut<lb/>
&#x017F;oluta pecunia traderetur ei po&#x017F;&#x017F;e&#x017F;&#x017F;io</hi> etc., L. 78. §. 2.<lb/>
D. de contr. emt. vend.</hi> Ferner <hi rendition="#aq"><hi rendition="#g">Ea lege</hi><hi rendition="#i">fundum lo-<lb/>
cavi</hi>, ut etc.</hi> &#x017F;agt <hi rendition="#i"><hi rendition="#aq">L. 51. D. locati.</hi></hi> Es kann auch &#x017F;oviel<lb/>
als <hi rendition="#g">Be&#x017F;timmung</hi> oder <hi rendition="#g">Modification eines Han-<lb/>
dels</hi> hei&#x017F;&#x017F;en. Bekannt i&#x017F;t der juri&#x017F;ti&#x017F;che Satz, <hi rendition="#aq"><hi rendition="#i">pacta<lb/>
dant legem contractui</hi>, L. 7. §. 5. D. de pactis,</hi> d. i.<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">die</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[47/0067] de Iuſtitia et Iure. gegebenen Bedeutung des Worts Geſetz in unſerer Rechtswiſſenſchaft allein nicht ſtehen bleiben, es wird daher noͤthig ſeyn, auch von den uͤbrigen Bedeutungen dieſes Worts das noͤthige annoch anzufuͤhren. Wir muͤſ- ſen aber zufoͤrderſt bemerken, daß das lateiniſche Wort Lex nicht immer durch Geſetz uͤberſetzet werden kann. Alſo I. was heißt Lex in unſern Geſetzen, wenn es durch Geſetz nicht uͤberſetzer werden darf? Die Bedeu- tung iſt verſchieden; denn 1) wird es fuͤr einen Ver- trag oder Contract genommen; z. B. comprehen- ſum lege venditionis L. 60. D. de contr emt. vend. ferner lege locationis comprehenſum eſt L. 77. D. pro ſocio. So wird ferner derjenige Vertrag, wo- durch jemand auf den Fall, wenn er ſeine Schuldigkeit auf die gehoͤrige Art nicht erfuͤllen wuͤrde, ſich verwill- kuͤhret, daß er ſodann gewiſſer Anſpruͤche oder Befug- niſſe verluſtig ſeyn, und einem andern eine gewiſſe Ver- bindlichkeit, die ihm ſonſt obgelegen haben wuͤrde, erlaſ- ſen haben wolle, lex commiſſoria, der commiſſori- ſche Vertrag, genennt. Man ſetze, daß ein Kauf ſub lege commiſſoria ſey geſchloſſen worden; haͤlt nun der Kaͤufer nicht mit der Bezahlung inne, ſo verliehrt er ſein Recht aus dem Kaufcontract, und der Ver- kaͤufer iſt an den Handel nicht mehr gebunden: doch davon unten in Tit. ff. de lege commiſſoria (Lib. XVIII. Tit. 3) ein mehreres 2) Bedeutet Lex auch ſoviel als eine Bedingung, unter welcher etwas geſchiehet, oder geſchehen iſt; z. B. Qui fundum ea lege emerat, ut ſoluta pecunia traderetur ei poſſeſſio etc., L. 78. §. 2. D. de contr. emt. vend. Ferner Ea lege fundum lo- cavi, ut etc. ſagt L. 51. D. locati. Es kann auch ſoviel als Beſtimmung oder Modification eines Han- dels heiſſen. Bekannt iſt der juriſtiſche Satz, pacta dant legem contractui, L. 7. §. 5. D. de pactis, d. i. die

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/glueck_pandecten01_1790
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/glueck_pandecten01_1790/67
Zitationshilfe: Glück, Christian Friedrich von: Versuch einer ausführlichen Erläuterung der Pandecten nach Hellfeld ein Commentar für meine Zuhörer. Erlangen, 1790, S. 47. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/glueck_pandecten01_1790/67>, abgerufen am 26.06.2022.