man bey den Gebeinen Luthers in Wittenberg den Jahrestag der Reformation gefeyert, da fuhr der Geist des Reformators, -- zürnend, daß man dieselbe Reformation an Haupt und Gliedern, die er der Kirche angesonnen, gutheiße, aber vom Staat, an den sie jetzt die Zeit gesinne, abweisen wolle, und so ein zweytes furchtbares Gericht über Teutschland ziehe, -- auf die Wartburg, wo einige hundert Jüng¬ linge, in einer der Seinigen verwandteren Gesinnung, dieselbe Feyer zu begehen sich versammelt hatten. Was am Tage in meist würdiger, anständiger Hal¬ tung vorgefallen, ist der Welt bekannt geworden; auch wie am Abend, nach dem Vorgange des Reforma¬ tors, die Symbole der alten Knechtschaft, und eine Anzahl Bücher, zum kleinsten Theil unschicklich gewählt, größtentheils aber längst von der Nation verurtheilt und gerichtet, den Flammen übergeben wurden.
Die Handlung konnte allerdings ein heilsames Nach¬ denken wecken, wie nach Verlauf dreyer Jahrhun¬ derte gleiche Verhältnisse, die gleiche Erscheinung zu¬ rückgebracht; man konnte an den Fehlern, die damals die herrschende Kirche gemacht, eine warnende Lehre für die eigne Handlungsweise nehmen; aber gegen das Symptom der verborgenen Krankheit blind zu wüthen, mochte wenig frommen; noch wollte es sich geziemen, mit den Jünglingen um eine That zu rech¬ ten, die nur wichtig wurde durch die Folge, die man ihr geben wollte. Aber statt in besonnener Ruhe die Sache zu nehmen, für was sie gelten konnte; zu lo¬ ben, was des Lobes würdig war, und was mißfiel, etwa mit heiterer Ironie abzuweisen, ließ man sich
man bey den Gebeinen Luthers in Wittenberg den Jahrestag der Reformation gefeyert, da fuhr der Geiſt des Reformators, — zürnend, daß man dieſelbe Reformation an Haupt und Gliedern, die er der Kirche angeſonnen, gutheiße, aber vom Staat, an den ſie jetzt die Zeit geſinne, abweiſen wolle, und ſo ein zweytes furchtbares Gericht über Teutſchland ziehe, — auf die Wartburg, wo einige hundert Jüng¬ linge, in einer der Seinigen verwandteren Geſinnung, dieſelbe Feyer zu begehen ſich verſammelt hatten. Was am Tage in meiſt würdiger, anſtändiger Hal¬ tung vorgefallen, iſt der Welt bekannt geworden; auch wie am Abend, nach dem Vorgange des Reforma¬ tors, die Symbole der alten Knechtſchaft, und eine Anzahl Bücher, zum kleinſten Theil unſchicklich gewählt, größtentheils aber längſt von der Nation verurtheilt und gerichtet, den Flammen übergeben wurden.
Die Handlung konnte allerdings ein heilſames Nach¬ denken wecken, wie nach Verlauf dreyer Jahrhun¬ derte gleiche Verhältniſſe, die gleiche Erſcheinung zu¬ rückgebracht; man konnte an den Fehlern, die damals die herrſchende Kirche gemacht, eine warnende Lehre für die eigne Handlungsweiſe nehmen; aber gegen das Symptom der verborgenen Krankheit blind zu wüthen, mochte wenig frommen; noch wollte es ſich geziemen, mit den Jünglingen um eine That zu rech¬ ten, die nur wichtig wurde durch die Folge, die man ihr geben wollte. Aber ſtatt in beſonnener Ruhe die Sache zu nehmen, für was ſie gelten konnte; zu lo¬ ben, was des Lobes würdig war, und was mißfiel, etwa mit heiterer Ironie abzuweiſen, ließ man ſich
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[103/0111]
man bey den Gebeinen Luthers in Wittenberg den
Jahrestag der Reformation gefeyert, da fuhr der
Geiſt des Reformators, — zürnend, daß man dieſelbe
Reformation an Haupt und Gliedern, die er der
Kirche angeſonnen, gutheiße, aber vom Staat, an
den ſie jetzt die Zeit geſinne, abweiſen wolle, und ſo
ein zweytes furchtbares Gericht über Teutſchland
ziehe, — auf die Wartburg, wo einige hundert Jüng¬
linge, in einer der Seinigen verwandteren Geſinnung,
dieſelbe Feyer zu begehen ſich verſammelt hatten.
Was am Tage in meiſt würdiger, anſtändiger Hal¬
tung vorgefallen, iſt der Welt bekannt geworden; auch
wie am Abend, nach dem Vorgange des Reforma¬
tors, die Symbole der alten Knechtſchaft, und eine
Anzahl Bücher, zum kleinſten Theil unſchicklich gewählt,
größtentheils aber längſt von der Nation verurtheilt
und gerichtet, den Flammen übergeben wurden.
Die Handlung konnte allerdings ein heilſames Nach¬
denken wecken, wie nach Verlauf dreyer Jahrhun¬
derte gleiche Verhältniſſe, die gleiche Erſcheinung zu¬
rückgebracht; man konnte an den Fehlern, die damals
die herrſchende Kirche gemacht, eine warnende Lehre
für die eigne Handlungsweiſe nehmen; aber gegen
das Symptom der verborgenen Krankheit blind zu
wüthen, mochte wenig frommen; noch wollte es ſich
geziemen, mit den Jünglingen um eine That zu rech¬
ten, die nur wichtig wurde durch die Folge, die man
ihr geben wollte. Aber ſtatt in beſonnener Ruhe die
Sache zu nehmen, für was ſie gelten konnte; zu lo¬
ben, was des Lobes würdig war, und was mißfiel,
etwa mit heiterer Ironie abzuweiſen, ließ man ſich
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Görres, Joseph von: Teutschland und die Revolution. Koblenz, 1819, S. 103. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/goerres_revolution_1819/111>, abgerufen am 10.08.2024.
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