ideale Seite des einzelnen Kirchengliedes knüpft, und nun durch den innern Zwiespalt der menschlichen Natur hinreichend von der realen Staatsgewalt sich scheidet, deren Brennpunkt denn auch collectiv keineswegs mit dem Kirchlichen zusammenfällt. Alle andern divergen¬ ten Richtungen, ausgehend entweder von vorgefaßten Meynungen, einseitigen Ansichten, oder befangener Sinnesart, und hervorgerufen durch irgend ein beson¬ deres Interesse, oder auch ein übelunterrichtetes Wohl¬ meynen, sind, eben weil sie verworren, auch in sich nichtig, reiben sich unter einander auf, und werden nicht von der Geschichte aufgenommen, die nur was in die große Strömung ihrer jedesmaligen Bewegung eintritt, anerkennt.
Diese Betrachtungen führen uns zum zweyten großen Gegensatze, Grund einer andern Entzweyung in dieser Zeit, dem nämlich, der zwischen dem monar¬ chischen und demokratischen Prinzip besteht, und in dem das Verhältniß der Regierung zum Volke zu ermitteln, aufgegeben ist. Das Alterthum in all sei¬ nem Thun und Bilden von einem richtigen Naturin¬ stinkt geleitet, hatte größtentheils unbewußt die Gesell¬ schaft, selbst eine Gemeinschaft lebendiger, organischer Individuen, nach den Gesetzen und in den Formen des organischen Lebens geordnet und gestaltet; so daß die Bildungskraft, austretend aus dem Besondern in das Gesammte, in ihm immer nur den Typus des einzel¬ nen Organisms reproduzirte. Es giebt aber in diesem, wie zweyerley Gesetze und zweyerley Lebensverrichtun¬ gen, so auch gleichviel Systeme, das Automati¬ sche und das Willkührliche. Jenes in dem der Schlag des Herzens und aller Pulse und alle andern
ideale Seite des einzelnen Kirchengliedes knüpft, und nun durch den innern Zwieſpalt der menſchlichen Natur hinreichend von der realen Staatsgewalt ſich ſcheidet, deren Brennpunkt denn auch collectiv keineswegs mit dem Kirchlichen zuſammenfällt. Alle andern divergen¬ ten Richtungen, ausgehend entweder von vorgefaßten Meynungen, einſeitigen Anſichten, oder befangener Sinnesart, und hervorgerufen durch irgend ein beſon¬ deres Intereſſe, oder auch ein übelunterrichtetes Wohl¬ meynen, ſind, eben weil ſie verworren, auch in ſich nichtig, reiben ſich unter einander auf, und werden nicht von der Geſchichte aufgenommen, die nur was in die große Strömung ihrer jedesmaligen Bewegung eintritt, anerkennt.
Dieſe Betrachtungen führen uns zum zweyten großen Gegenſatze, Grund einer andern Entzweyung in dieſer Zeit, dem nämlich, der zwiſchen dem monar¬ chiſchen und demokratiſchen Prinzip beſteht, und in dem das Verhältniß der Regierung zum Volke zu ermitteln, aufgegeben iſt. Das Alterthum in all ſei¬ nem Thun und Bilden von einem richtigen Naturin¬ ſtinkt geleitet, hatte größtentheils unbewußt die Geſell¬ ſchaft, ſelbſt eine Gemeinſchaft lebendiger, organiſcher Individuen, nach den Geſetzen und in den Formen des organiſchen Lebens geordnet und geſtaltet; ſo daß die Bildungskraft, austretend aus dem Beſondern in das Geſammte, in ihm immer nur den Typus des einzel¬ nen Organisms reproduzirte. Es giebt aber in dieſem, wie zweyerley Geſetze und zweyerley Lebensverrichtun¬ gen, ſo auch gleichviel Syſteme, das Automati¬ ſche und das Willkührliche. Jenes in dem der Schlag des Herzens und aller Pulſe und alle andern
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ideale Seite des einzelnen Kirchengliedes knüpft, und
nun durch den innern Zwieſpalt der menſchlichen Natur
hinreichend von der realen Staatsgewalt ſich ſcheidet,
deren Brennpunkt denn auch collectiv keineswegs mit
dem Kirchlichen zuſammenfällt. Alle andern divergen¬
ten Richtungen, ausgehend entweder von vorgefaßten
Meynungen, einſeitigen Anſichten, oder befangener
Sinnesart, und hervorgerufen durch irgend ein beſon¬
deres Intereſſe, oder auch ein übelunterrichtetes Wohl¬
meynen, ſind, eben weil ſie verworren, auch in ſich
nichtig, reiben ſich unter einander auf, und werden
nicht von der Geſchichte aufgenommen, die nur was
in die große Strömung ihrer jedesmaligen Bewegung
eintritt, anerkennt.
Dieſe Betrachtungen führen uns zum zweyten
großen Gegenſatze, Grund einer andern Entzweyung
in dieſer Zeit, dem nämlich, der zwiſchen dem monar¬
chiſchen und demokratiſchen Prinzip beſteht, und
in dem das Verhältniß der Regierung zum Volke zu
ermitteln, aufgegeben iſt. Das Alterthum in all ſei¬
nem Thun und Bilden von einem richtigen Naturin¬
ſtinkt geleitet, hatte größtentheils unbewußt die Geſell¬
ſchaft, ſelbſt eine Gemeinſchaft lebendiger, organiſcher
Individuen, nach den Geſetzen und in den Formen des
organiſchen Lebens geordnet und geſtaltet; ſo daß die
Bildungskraft, austretend aus dem Beſondern in das
Geſammte, in ihm immer nur den Typus des einzel¬
nen Organisms reproduzirte. Es giebt aber in dieſem,
wie zweyerley Geſetze und zweyerley Lebensverrichtun¬
gen, ſo auch gleichviel Syſteme, das Automati¬
ſche und das Willkührliche. Jenes in dem der
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Görres, Joseph von: Teutschland und die Revolution. Koblenz, 1819, S. 149. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/goerres_revolution_1819/157>, abgerufen am 10.08.2024.
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