Bewegungen des untern Lebens von statten gehen, hegt in sich selbst sein eignes Recht und seine Ordnung; es hat seine eigne inwohnende Naturseele, die unter viele unabhängige Organe ihre bildenden und erhalten¬ den Instinkte vertheilt, und ihre selbstige und unabhän¬ gige Gedankenfolge und Ideenverbindung hat, in ihr aber wie im Traume den Gesetzen der allgemeinen Natur¬ nothwendigkeit unterliegt. Das Andere aber in dem die Sinne und alle willkührlichen Bewegungen des höhern Organisms wirken, ist auch an eine höhere geistige Herrschaft angewiesen; statt jenes dunkeln Instinktes ist es eine selbstbewußte Anschauung und eine sich be¬ stimmende freye Willenskraft, die alle Verrichtungen ordnet und beschließt; die Bewegungen erfolgen also nicht in jener zum Voraus bestimmten Wiederkehr, sie sind nur mittelbar an äußere Naturverhältnisse ge¬ knüpft; dafür aber ist es jene höhere Willkühr, der sie unbedingt sich unterordnen, und die sie nur von oben herab also beherrscht, daß alle Theile in Eins verbunden, bis ins Einzelnste ihr zugängig sind. Beyde durch leitende Zwischenorgane verknüpft, sich wechsel¬ seitig kräftigend und belebend, erhaltend und übend, er¬ nährend und begeistigend, bilden erst jenes in sich geschlossene freythätige Ganze, das als das höchste Kunstwerk der Schöpfung uns erscheint.
Jenes Erste aber, was wir aufgezählt, wird mehr von der Natur jenes Realen an sich haben, also ei¬ gentlich das vorherrschende Element des Staates seyn: das Zweite aber dem Idealen näher stehend, wird auch als das mehr kirchliche Element erscheinen: in der Kirche selbst aber wird jenes mehr die protestan¬ tische, dieses die katholische Richtung in sich tragen,
Bewegungen des untern Lebens von ſtatten gehen, hegt in ſich ſelbſt ſein eignes Recht und ſeine Ordnung; es hat ſeine eigne inwohnende Naturſeele, die unter viele unabhängige Organe ihre bildenden und erhalten¬ den Inſtinkte vertheilt, und ihre ſelbſtige und unabhän¬ gige Gedankenfolge und Ideenverbindung hat, in ihr aber wie im Traume den Geſetzen der allgemeinen Natur¬ nothwendigkeit unterliegt. Das Andere aber in dem die Sinne und alle willkührlichen Bewegungen des höhern Organisms wirken, iſt auch an eine höhere geiſtige Herrſchaft angewieſen; ſtatt jenes dunkeln Inſtinktes iſt es eine ſelbſtbewußte Anſchauung und eine ſich be¬ ſtimmende freye Willenskraft, die alle Verrichtungen ordnet und beſchließt; die Bewegungen erfolgen alſo nicht in jener zum Voraus beſtimmten Wiederkehr, ſie ſind nur mittelbar an äußere Naturverhältniſſe ge¬ knüpft; dafür aber iſt es jene höhere Willkühr, der ſie unbedingt ſich unterordnen, und die ſie nur von oben herab alſo beherrſcht, daß alle Theile in Eins verbunden, bis ins Einzelnſte ihr zugängig ſind. Beyde durch leitende Zwiſchenorgane verknüpft, ſich wechſel¬ ſeitig kräftigend und belebend, erhaltend und übend, er¬ nährend und begeiſtigend, bilden erſt jenes in ſich geſchloſſene freythätige Ganze, das als das höchſte Kunſtwerk der Schöpfung uns erſcheint.
Jenes Erſte aber, was wir aufgezählt, wird mehr von der Natur jenes Realen an ſich haben, alſo ei¬ gentlich das vorherrſchende Element des Staates ſeyn: das Zweite aber dem Idealen näher ſtehend, wird auch als das mehr kirchliche Element erſcheinen: in der Kirche ſelbſt aber wird jenes mehr die proteſtan¬ tiſche, dieſes die katholiſche Richtung in ſich tragen,
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Bewegungen des untern Lebens von ſtatten gehen,
hegt in ſich ſelbſt ſein eignes Recht und ſeine Ordnung;
es hat ſeine eigne inwohnende Naturſeele, die unter
viele unabhängige Organe ihre bildenden und erhalten¬
den Inſtinkte vertheilt, und ihre ſelbſtige und unabhän¬
gige Gedankenfolge und Ideenverbindung hat, in ihr aber
wie im Traume den Geſetzen der allgemeinen Natur¬
nothwendigkeit unterliegt. Das Andere aber in dem die
Sinne und alle willkührlichen Bewegungen des höhern
Organisms wirken, iſt auch an eine höhere geiſtige
Herrſchaft angewieſen; ſtatt jenes dunkeln Inſtinktes
iſt es eine ſelbſtbewußte Anſchauung und eine ſich be¬
ſtimmende freye Willenskraft, die alle Verrichtungen
ordnet und beſchließt; die Bewegungen erfolgen alſo
nicht in jener zum Voraus beſtimmten Wiederkehr,
ſie ſind nur mittelbar an äußere Naturverhältniſſe ge¬
knüpft; dafür aber iſt es jene höhere Willkühr, der
ſie unbedingt ſich unterordnen, und die ſie nur von
oben herab alſo beherrſcht, daß alle Theile in Eins
verbunden, bis ins Einzelnſte ihr zugängig ſind. Beyde
durch leitende Zwiſchenorgane verknüpft, ſich wechſel¬
ſeitig kräftigend und belebend, erhaltend und übend, er¬
nährend und begeiſtigend, bilden erſt jenes in ſich
geſchloſſene freythätige Ganze, das als das höchſte
Kunſtwerk der Schöpfung uns erſcheint.
Jenes Erſte aber, was wir aufgezählt, wird mehr
von der Natur jenes Realen an ſich haben, alſo ei¬
gentlich das vorherrſchende Element des Staates ſeyn:
das Zweite aber dem Idealen näher ſtehend, wird
auch als das mehr kirchliche Element erſcheinen: in
der Kirche ſelbſt aber wird jenes mehr die proteſtan¬
tiſche, dieſes die katholiſche Richtung in ſich tragen,
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Görres, Joseph von: Teutschland und die Revolution. Koblenz, 1819, S. 150. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/goerres_revolution_1819/158>, abgerufen am 10.08.2024.
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