der Democratie und in ihren Vertretern sitzt; und ein Geburtsadel, der von oben herab und aus der Vergangenheit herüberkommend, durch die Autorität gesetzt, als Wehrstand hauptsächlich beym stehenden Heere, in bürgerlichen Verhältnissen in den Hofstel¬ len um die Person des Fürsten, bey der von oben herab delegirten Beamtenwelt, und unter den erblichen Vertretern seine Stellung hat. Da die Volkswahl eben so oft die Geburt, wie die Wahl des Fürsten das Verdienst treffen kann, so werden beyde Elemente sich vollkommen in allen diesen Institutionen kreuzen. Eben so wird der Lehrstand in seinem zwiefachen Charakter sich erst ergänzen, wenn einerseits der Cle¬ rus als Bewahrer der Glaubenslehre, fußend auf Schrift und Tradition, das Esoterische, die Ueberliefe¬ rung vergangener Zeiten pflegt; aber das Exoterische, die Resultate der Erfahrung und Speculation in den Wissenschaften nicht ausschließt, sie vielmehr als die reale Seite der Religion anerkennt; und indem er ihre Pfleger, wie es eben in der alten Zeit gewesen, als Genossen grüßt, nicht blos lebt in der Vergan¬ genheit, sondern auch mit der Gegenwart sich in einen lebendigen Verkehr versetzt: ein Verhältniß, das frey¬ lich anderwärts unmöglich scheinen mag, bey der Rich¬ tung aber, die die teutsche Philosophie in letzter Zeit genommen, als etwas durchaus Rationelles sich wohl begründet zeigt.
In dieser zweygliedrigen Dreyheit der Stände wer¬ den alsdann die beyden Elemente des Staates aufs vollkommenste sich durchdringen; die Autorität von oben herabgehend als Ausdruck der Majestät einerseits
der Democratie und in ihren Vertretern ſitzt; und ein Geburtsadel, der von oben herab und aus der Vergangenheit herüberkommend, durch die Autorität geſetzt, als Wehrſtand hauptſächlich beym ſtehenden Heere, in bürgerlichen Verhältniſſen in den Hofſtel¬ len um die Perſon des Fürſten, bey der von oben herab delegirten Beamtenwelt, und unter den erblichen Vertretern ſeine Stellung hat. Da die Volkswahl eben ſo oft die Geburt, wie die Wahl des Fürſten das Verdienſt treffen kann, ſo werden beyde Elemente ſich vollkommen in allen dieſen Inſtitutionen kreuzen. Eben ſo wird der Lehrſtand in ſeinem zwiefachen Charakter ſich erſt ergänzen, wenn einerſeits der Cle¬ rus als Bewahrer der Glaubenslehre, fußend auf Schrift und Tradition, das Eſoteriſche, die Ueberliefe¬ rung vergangener Zeiten pflegt; aber das Exoteriſche, die Reſultate der Erfahrung und Speculation in den Wiſſenſchaften nicht ausſchließt, ſie vielmehr als die reale Seite der Religion anerkennt; und indem er ihre Pfleger, wie es eben in der alten Zeit geweſen, als Genoſſen grüßt, nicht blos lebt in der Vergan¬ genheit, ſondern auch mit der Gegenwart ſich in einen lebendigen Verkehr verſetzt: ein Verhältniß, das frey¬ lich anderwärts unmöglich ſcheinen mag, bey der Rich¬ tung aber, die die teutſche Philoſophie in letzter Zeit genommen, als etwas durchaus Rationelles ſich wohl begründet zeigt.
In dieſer zweygliedrigen Dreyheit der Stände wer¬ den alsdann die beyden Elemente des Staates aufs vollkommenſte ſich durchdringen; die Autorität von oben herabgehend als Ausdruck der Majeſtät einerſeits
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[188/0196]
der Democratie und in ihren Vertretern ſitzt; und
ein Geburtsadel, der von oben herab und aus der
Vergangenheit herüberkommend, durch die Autorität
geſetzt, als Wehrſtand hauptſächlich beym ſtehenden
Heere, in bürgerlichen Verhältniſſen in den Hofſtel¬
len um die Perſon des Fürſten, bey der von oben
herab delegirten Beamtenwelt, und unter den erblichen
Vertretern ſeine Stellung hat. Da die Volkswahl
eben ſo oft die Geburt, wie die Wahl des Fürſten
das Verdienſt treffen kann, ſo werden beyde Elemente
ſich vollkommen in allen dieſen Inſtitutionen kreuzen.
Eben ſo wird der Lehrſtand in ſeinem zwiefachen
Charakter ſich erſt ergänzen, wenn einerſeits der Cle¬
rus als Bewahrer der Glaubenslehre, fußend auf
Schrift und Tradition, das Eſoteriſche, die Ueberliefe¬
rung vergangener Zeiten pflegt; aber das Exoteriſche,
die Reſultate der Erfahrung und Speculation in den
Wiſſenſchaften nicht ausſchließt, ſie vielmehr als die
reale Seite der Religion anerkennt; und indem er
ihre Pfleger, wie es eben in der alten Zeit geweſen,
als Genoſſen grüßt, nicht blos lebt in der Vergan¬
genheit, ſondern auch mit der Gegenwart ſich in einen
lebendigen Verkehr verſetzt: ein Verhältniß, das frey¬
lich anderwärts unmöglich ſcheinen mag, bey der Rich¬
tung aber, die die teutſche Philoſophie in letzter Zeit
genommen, als etwas durchaus Rationelles ſich wohl
begründet zeigt.
In dieſer zweygliedrigen Dreyheit der Stände wer¬
den alsdann die beyden Elemente des Staates aufs
vollkommenſte ſich durchdringen; die Autorität von
oben herabgehend als Ausdruck der Majeſtät einerſeits
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Görres, Joseph von: Teutschland und die Revolution. Koblenz, 1819, S. 188. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/goerres_revolution_1819/196>, abgerufen am 10.08.2024.
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