des Mittelalters im teutschen Kaiserreiche die Folge dieses Bundes.
In dem Uebermuthe und dem Drange einer solchen Zeit hatte eine Classe von Staatsmännern sich ausge¬ bildet, ganz anderer Art als so Manche, die im Nor¬ den aus der Periode vor jener großen Bewegung noch übrig geblieben, oder auch seither allenfalls in ihren Grundsätzen erwachsen sind. Wie Diese, Sclaven des Herkommens, das Bestehende allein anerkennen, und vor allem Werdenden eine tiefe Scheu in der Seele tragen; so erkennen und achten Jene kein Seyn und keine Vergangenheit, und hassen alles Positive, das ihrer unruhigen Thätigkeit hemmend entgegentritt. Während die Einen nicht zu rühren wagen an das Ueberlieferte, und mit den Leichen des in seinem Al¬ ter Erstorbenen sich bis zur Verwesung schleppend, als Leibeigene dienen auf dem Hofgut, an das eine keckere Vorzeit sie gefestet; halten die Andern alles Gewe¬ sene dem Tode heimgefallen, sich aber für Herren der Gegenwart, und zu Tyrannen der Zukunft sich beru¬ fen. Kinder des Tages, der sie geboren, verneinend Alles, was vorhin gewesen, hoffen sie doch, daß ihr Wille bejahend seyn werde für das Kommende, dem sie selbst wieder ein Vergangenes geworden, und das Morgen mit dem gleichen Rechte sie negirt, wie sie das Gestern vernichteten. Schaltend nach freyester Willkühr mit allem Vorhandnen, von dem Jene sich bemeistern lassen, werfen sie in unaufhörlicher Umkehr die Dinge durcheinander; wie die Gedanken wechseln in des Menschen Brust, so muß ihre Welt sich mit den Flüchtigen umgestalten; in geilem Bildungstrieb
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des Mittelalters im teutſchen Kaiſerreiche die Folge dieſes Bundes.
In dem Uebermuthe und dem Drange einer ſolchen Zeit hatte eine Claſſe von Staatsmännern ſich ausge¬ bildet, ganz anderer Art als ſo Manche, die im Nor¬ den aus der Periode vor jener großen Bewegung noch übrig geblieben, oder auch ſeither allenfalls in ihren Grundſätzen erwachſen ſind. Wie Dieſe, Sclaven des Herkommens, das Beſtehende allein anerkennen, und vor allem Werdenden eine tiefe Scheu in der Seele tragen; ſo erkennen und achten Jene kein Seyn und keine Vergangenheit, und haſſen alles Poſitive, das ihrer unruhigen Thätigkeit hemmend entgegentritt. Während die Einen nicht zu rühren wagen an das Ueberlieferte, und mit den Leichen des in ſeinem Al¬ ter Erſtorbenen ſich bis zur Verweſung ſchleppend, als Leibeigene dienen auf dem Hofgut, an das eine keckere Vorzeit ſie gefeſtet; halten die Andern alles Gewe¬ ſene dem Tode heimgefallen, ſich aber für Herren der Gegenwart, und zu Tyrannen der Zukunft ſich beru¬ fen. Kinder des Tages, der ſie geboren, verneinend Alles, was vorhin geweſen, hoffen ſie doch, daß ihr Wille bejahend ſeyn werde für das Kommende, dem ſie ſelbſt wieder ein Vergangenes geworden, und das Morgen mit dem gleichen Rechte ſie negirt, wie ſie das Geſtern vernichteten. Schaltend nach freyeſter Willkühr mit allem Vorhandnen, von dem Jene ſich bemeiſtern laſſen, werfen ſie in unaufhörlicher Umkehr die Dinge durcheinander; wie die Gedanken wechſeln in des Menſchen Bruſt, ſo muß ihre Welt ſich mit den Flüchtigen umgeſtalten; in geilem Bildungstrieb
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des Mittelalters im teutſchen Kaiſerreiche die Folge
dieſes Bundes.
In dem Uebermuthe und dem Drange einer ſolchen
Zeit hatte eine Claſſe von Staatsmännern ſich ausge¬
bildet, ganz anderer Art als ſo Manche, die im Nor¬
den aus der Periode vor jener großen Bewegung noch
übrig geblieben, oder auch ſeither allenfalls in ihren
Grundſätzen erwachſen ſind. Wie Dieſe, Sclaven des
Herkommens, das Beſtehende allein anerkennen, und
vor allem Werdenden eine tiefe Scheu in der Seele
tragen; ſo erkennen und achten Jene kein Seyn und
keine Vergangenheit, und haſſen alles Poſitive, das
ihrer unruhigen Thätigkeit hemmend entgegentritt.
Während die Einen nicht zu rühren wagen an das
Ueberlieferte, und mit den Leichen des in ſeinem Al¬
ter Erſtorbenen ſich bis zur Verweſung ſchleppend, als
Leibeigene dienen auf dem Hofgut, an das eine keckere
Vorzeit ſie gefeſtet; halten die Andern alles Gewe¬
ſene dem Tode heimgefallen, ſich aber für Herren der
Gegenwart, und zu Tyrannen der Zukunft ſich beru¬
fen. Kinder des Tages, der ſie geboren, verneinend
Alles, was vorhin geweſen, hoffen ſie doch, daß ihr
Wille bejahend ſeyn werde für das Kommende, dem
ſie ſelbſt wieder ein Vergangenes geworden, und das
Morgen mit dem gleichen Rechte ſie negirt, wie ſie
das Geſtern vernichteten. Schaltend nach freyeſter
Willkühr mit allem Vorhandnen, von dem Jene ſich
bemeiſtern laſſen, werfen ſie in unaufhörlicher Umkehr
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Görres, Joseph von: Teutschland und die Revolution. Koblenz, 1819, S. 49. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/goerres_revolution_1819/57>, abgerufen am 10.08.2024.
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