in dumpfen, leeren Träumen brütet, die andere hy¬ persthenisch in phantastischen, ausschweifenden Deli¬ rien sich abgemüdet:
Wie es zu den Zeiten des rheinischen Bundes in den Bundesstaaten gehalten worden, ist noch im frischen Angedenken, und es ist zugleich unnütz und gehässig, die Erinnerung an diese widerwärtigen Er¬ eignisse wieder aufzuwecken. Als das Reich Napoleons zum Sturz gekommen, und die Meinung gegen jene Höfe sich mit Heftigkeit erhob; da bildete sich an ih¬ nen eine Reaction, die aus dem Conflicte sehr ver¬ schiedenartiger Motive sich entwickelte. Die süße Ge¬ wohnheit der bisher geübten Willkühr kam mit den neuen Ansprüchen der Zeit in harten Widerspruch; wäh¬ rend die Gutwilligkeit, die am Teutschen sich schwer verläugnet, wohl fühlend den Stachel des Gewissens, mit dem gekränkten Stolze kämpfte, der seine Conse¬ quenz gegen die neu einbrechende Ordnung der Dinge zu vertheidigen sich bestrebte, und mit Erbitterung die ungestüme Mahnung alter Schuld abwies, bey der man, vielleicht weniger als billig war, auf die Macht der Umstände, in die sie verwickelt waren, Rücksicht nahm.
In diesem Gedränge bothen jene Staatsmänner der zweyten Classe, die früher die Umkehr nach Napoleo¬ nischen Grundsätzen geleitet hatten, eine bequeme Aus¬ kunft an, indem sie, gleich dem Meister nach der Rückkehr, sich mit dem nöthigen Vorbehalt auf die liberale Seite warfen. Indem man der Zeit einige wirkliche unabweisliche Einräumungen gestattete, war jenem guten Willen genug gethan, das Gewissen zur
in dumpfen, leeren Träumen brütet, die andere hy¬ perſtheniſch in phantaſtiſchen, ausſchweifenden Deli¬ rien ſich abgemüdet:
Wie es zu den Zeiten des rheiniſchen Bundes in den Bundesſtaaten gehalten worden, iſt noch im friſchen Angedenken, und es iſt zugleich unnütz und gehäſſig, die Erinnerung an dieſe widerwärtigen Er¬ eigniſſe wieder aufzuwecken. Als das Reich Napoleons zum Sturz gekommen, und die Meinung gegen jene Höfe ſich mit Heftigkeit erhob; da bildete ſich an ih¬ nen eine Reaction, die aus dem Conflicte ſehr ver¬ ſchiedenartiger Motive ſich entwickelte. Die ſüße Ge¬ wohnheit der bisher geübten Willkühr kam mit den neuen Anſprüchen der Zeit in harten Widerſpruch; wäh¬ rend die Gutwilligkeit, die am Teutſchen ſich ſchwer verläugnet, wohl fühlend den Stachel des Gewiſſens, mit dem gekränkten Stolze kämpfte, der ſeine Conſe¬ quenz gegen die neu einbrechende Ordnung der Dinge zu vertheidigen ſich beſtrebte, und mit Erbitterung die ungeſtüme Mahnung alter Schuld abwies, bey der man, vielleicht weniger als billig war, auf die Macht der Umſtände, in die ſie verwickelt waren, Rückſicht nahm.
In dieſem Gedränge bothen jene Staatsmänner der zweyten Claſſe, die früher die Umkehr nach Napoleo¬ niſchen Grundſätzen geleitet hatten, eine bequeme Aus¬ kunft an, indem ſie, gleich dem Meiſter nach der Rückkehr, ſich mit dem nöthigen Vorbehalt auf die liberale Seite warfen. Indem man der Zeit einige wirkliche unabweisliche Einräumungen geſtattete, war jenem guten Willen genug gethan, das Gewiſſen zur
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[52/0060]
in dumpfen, leeren Träumen brütet, die andere hy¬
perſtheniſch in phantaſtiſchen, ausſchweifenden Deli¬
rien ſich abgemüdet:
Wie es zu den Zeiten des rheiniſchen Bundes
in den Bundesſtaaten gehalten worden, iſt noch im
friſchen Angedenken, und es iſt zugleich unnütz und
gehäſſig, die Erinnerung an dieſe widerwärtigen Er¬
eigniſſe wieder aufzuwecken. Als das Reich Napoleons
zum Sturz gekommen, und die Meinung gegen jene
Höfe ſich mit Heftigkeit erhob; da bildete ſich an ih¬
nen eine Reaction, die aus dem Conflicte ſehr ver¬
ſchiedenartiger Motive ſich entwickelte. Die ſüße Ge¬
wohnheit der bisher geübten Willkühr kam mit den
neuen Anſprüchen der Zeit in harten Widerſpruch; wäh¬
rend die Gutwilligkeit, die am Teutſchen ſich ſchwer
verläugnet, wohl fühlend den Stachel des Gewiſſens,
mit dem gekränkten Stolze kämpfte, der ſeine Conſe¬
quenz gegen die neu einbrechende Ordnung der Dinge
zu vertheidigen ſich beſtrebte, und mit Erbitterung
die ungeſtüme Mahnung alter Schuld abwies, bey
der man, vielleicht weniger als billig war, auf die
Macht der Umſtände, in die ſie verwickelt waren,
Rückſicht nahm.
In dieſem Gedränge bothen jene Staatsmänner der
zweyten Claſſe, die früher die Umkehr nach Napoleo¬
niſchen Grundſätzen geleitet hatten, eine bequeme Aus¬
kunft an, indem ſie, gleich dem Meiſter nach der
Rückkehr, ſich mit dem nöthigen Vorbehalt auf die
liberale Seite warfen. Indem man der Zeit einige
wirkliche unabweisliche Einräumungen geſtattete, war
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Görres, Joseph von: Teutschland und die Revolution. Koblenz, 1819, S. 52. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/goerres_revolution_1819/60>, abgerufen am 10.08.2024.
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