chen Stimmen, die laut geworden, die Zulassung ei¬ niger Glieder des Adels tadelten, so bewiesen sie da¬ durch, daß sie im Getriebe der Zeit, durch die sie sich durchgewunden, zwar den Sinn für Recht gar sehr geschärft, das Gefühl für die natürliche Billig¬ keit aber, in demselben Verhältnisse verloren hatten. Dasselbe erwies sich in dem größtentheils unvernünftigen Geschrey, das man gegen den Schritt, den der niederlän¬ dische Adel in wohlmeinender und lauterer Absicht für sich gethan, so wie gegen die Schrift, die er bey dieser Gelegenheit dem Kanzler übergab, erhoben. Da man die Billigkeit der Gesinnungen, die er in jener Schrift an Tag gelegt, nicht anfechten konnte; verkroch sich der Argwohn hinter einen vorgeblichen Mystizism im Style, der das geheime Arg verbergen sollte; und indem man mit republicanischem Stolze den Beystand einer Körperschaft ausgeschlagen, die nie mehr bey uns der gemeinen Freyheit gefährlich werden mag, hatte man zugleich, übereilt verzichtend auf das alte Recht, das ihre, wie die Ansprüche des dritten Stan¬ des begründete, sich allein der Gnade auf Discretion hingegeben; und da man selbst nicht Billigkeit geübt, auch des Anspruchs auf gleiche Billigkeit von Seite der anderwärts mächtigern Aristocratie sich begeben.
Von jenem Augenblicke an begründete sich inzwi¬ schen in der Meinung der Glaube von einem wirklich eingetretenen Rückschritt in den Grundsätzen der Re¬ gierung, und alles, was seither geschah, mußte die¬ sem Glauben Nahrung geben. Die Gründung der Uni¬ versität von Bonn und der vielversprechende Ausgang der Arbeiten der Immediat-Justiz-Commission wurde
chen Stimmen, die laut geworden, die Zulaſſung ei¬ niger Glieder des Adels tadelten, ſo bewieſen ſie da¬ durch, daß ſie im Getriebe der Zeit, durch die ſie ſich durchgewunden, zwar den Sinn für Recht gar ſehr geſchärft, das Gefühl für die natürliche Billig¬ keit aber, in demſelben Verhältniſſe verloren hatten. Dasſelbe erwies ſich in dem größtentheils unvernünftigen Geſchrey, das man gegen den Schritt, den der niederlän¬ diſche Adel in wohlmeinender und lauterer Abſicht für ſich gethan, ſo wie gegen die Schrift, die er bey dieſer Gelegenheit dem Kanzler übergab, erhoben. Da man die Billigkeit der Geſinnungen, die er in jener Schrift an Tag gelegt, nicht anfechten konnte; verkroch ſich der Argwohn hinter einen vorgeblichen Myſtizism im Style, der das geheime Arg verbergen ſollte; und indem man mit republicaniſchem Stolze den Beyſtand einer Körperſchaft ausgeſchlagen, die nie mehr bey uns der gemeinen Freyheit gefährlich werden mag, hatte man zugleich, übereilt verzichtend auf das alte Recht, das ihre, wie die Anſprüche des dritten Stan¬ des begründete, ſich allein der Gnade auf Discretion hingegeben; und da man ſelbſt nicht Billigkeit geübt, auch des Anſpruchs auf gleiche Billigkeit von Seite der anderwärts mächtigern Ariſtocratie ſich begeben.
Von jenem Augenblicke an begründete ſich inzwi¬ ſchen in der Meinung der Glaube von einem wirklich eingetretenen Rückſchritt in den Grundſätzen der Re¬ gierung, und alles, was ſeither geſchah, mußte die¬ ſem Glauben Nahrung geben. Die Gründung der Uni¬ verſität von Bonn und der vielverſprechende Ausgang der Arbeiten der Immediat-Juſtiz-Commiſſion wurde
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chen Stimmen, die laut geworden, die Zulaſſung ei¬
niger Glieder des Adels tadelten, ſo bewieſen ſie da¬
durch, daß ſie im Getriebe der Zeit, durch die ſie
ſich durchgewunden, zwar den Sinn für Recht gar
ſehr geſchärft, das Gefühl für die natürliche Billig¬
keit aber, in demſelben Verhältniſſe verloren hatten.
Dasſelbe erwies ſich in dem größtentheils unvernünftigen
Geſchrey, das man gegen den Schritt, den der niederlän¬
diſche Adel in wohlmeinender und lauterer Abſicht für ſich
gethan, ſo wie gegen die Schrift, die er bey dieſer
Gelegenheit dem Kanzler übergab, erhoben. Da man
die Billigkeit der Geſinnungen, die er in jener Schrift
an Tag gelegt, nicht anfechten konnte; verkroch ſich
der Argwohn hinter einen vorgeblichen Myſtizism im
Style, der das geheime Arg verbergen ſollte; und
indem man mit republicaniſchem Stolze den Beyſtand
einer Körperſchaft ausgeſchlagen, die nie mehr bey
uns der gemeinen Freyheit gefährlich werden mag,
hatte man zugleich, übereilt verzichtend auf das alte
Recht, das ihre, wie die Anſprüche des dritten Stan¬
des begründete, ſich allein der Gnade auf Discretion
hingegeben; und da man ſelbſt nicht Billigkeit geübt,
auch des Anſpruchs auf gleiche Billigkeit von Seite
der anderwärts mächtigern Ariſtocratie ſich begeben.
Von jenem Augenblicke an begründete ſich inzwi¬
ſchen in der Meinung der Glaube von einem wirklich
eingetretenen Rückſchritt in den Grundſätzen der Re¬
gierung, und alles, was ſeither geſchah, mußte die¬
ſem Glauben Nahrung geben. Die Gründung der Uni¬
verſität von Bonn und der vielverſprechende Ausgang
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Görres, Joseph von: Teutschland und die Revolution. Koblenz, 1819, S. 71. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/goerres_revolution_1819/79>, abgerufen am 10.08.2024.
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