genommen, bald aber durch mehrseitige Ansicht be¬ richtigt, und nach Befund gemildert oder noch geschärft, bleibt es selten auf die Dauer ungerecht, wenn auch, nach Art der oft getäuschten zum höchsten erbitterten Zeit oft lieblos und allzu wegwerfend gegen Einzelne.
In diesem scharfen Todtengericht der Lebenden sind alle jene gedruckten Lügen für nichts geachtet; alle schöne Phrasen werden der damit verkleideten Wahr¬ heit ausgezogen; die da wandeln in ihrem Dünkel, in den weiten Mantel der menschlichen Eitelkeit ge¬ schlagen, sind gezeichnet mit den Namen, die das Urtheil ihnen zugesprochen; Thaten und Begebenheiten, die sich im Verborgenen glauben, sind vor aller Welt aufgedeckt; nur die Betheiligten sind selten da¬ von unterrichtet, wenn nicht etwa das eigene Gewis¬ sen sie dunkel mahnt, und sie nun eine Gegenrede ohne vorhergegangene Aufforderung versuchen. Diese Vehm wird härter und schärfer in dem Maaße, wie die Presse mehr gefesselt oder vergiftet wird, und zwar größentheils zum Nachtheil deren, die diesen Zwang oder die Verfälschung üben, und sich nun nicht ein¬ mal vertheidigen können. So manche Ereignisse, die unerklärlich scheinen, lassen nur durch die Kenntniß dieser überlieferten Volksmeinung sich deuten und be¬ greiflich machen.
Unter den verschiednen Bewegungen aber, die die bisher berührten Begebenheiten und Ereignisse veranlaßt hatten, theilten sich die sogenannten Libe¬ ralen, die in den Jahren der Befreyung nur im All¬ gemeinen über die nothwendige Herbeyführung eines bessern, würdigern Zustandes in Teutschland einver¬
genommen, bald aber durch mehrſeitige Anſicht be¬ richtigt, und nach Befund gemildert oder noch geſchärft, bleibt es ſelten auf die Dauer ungerecht, wenn auch, nach Art der oft getäuſchten zum höchſten erbitterten Zeit oft lieblos und allzu wegwerfend gegen Einzelne.
In dieſem ſcharfen Todtengericht der Lebenden ſind alle jene gedruckten Lügen für nichts geachtet; alle ſchöne Phraſen werden der damit verkleideten Wahr¬ heit ausgezogen; die da wandeln in ihrem Dünkel, in den weiten Mantel der menſchlichen Eitelkeit ge¬ ſchlagen, ſind gezeichnet mit den Namen, die das Urtheil ihnen zugeſprochen; Thaten und Begebenheiten, die ſich im Verborgenen glauben, ſind vor aller Welt aufgedeckt; nur die Betheiligten ſind ſelten da¬ von unterrichtet, wenn nicht etwa das eigene Gewiſ¬ ſen ſie dunkel mahnt, und ſie nun eine Gegenrede ohne vorhergegangene Aufforderung verſuchen. Dieſe Vehm wird härter und ſchärfer in dem Maaße, wie die Preſſe mehr gefeſſelt oder vergiftet wird, und zwar größentheils zum Nachtheil deren, die dieſen Zwang oder die Verfälſchung üben, und ſich nun nicht ein¬ mal vertheidigen können. So manche Ereigniſſe, die unerklärlich ſcheinen, laſſen nur durch die Kenntniß dieſer überlieferten Volksmeinung ſich deuten und be¬ greiflich machen.
Unter den verſchiednen Bewegungen aber, die die bisher berührten Begebenheiten und Ereigniſſe veranlaßt hatten, theilten ſich die ſogenannten Libe¬ ralen, die in den Jahren der Befreyung nur im All¬ gemeinen über die nothwendige Herbeyführung eines beſſern, würdigern Zuſtandes in Teutſchland einver¬
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genommen, bald aber durch mehrſeitige Anſicht be¬
richtigt, und nach Befund gemildert oder noch geſchärft,
bleibt es ſelten auf die Dauer ungerecht, wenn auch,
nach Art der oft getäuſchten zum höchſten erbitterten
Zeit oft lieblos und allzu wegwerfend gegen Einzelne.
In dieſem ſcharfen Todtengericht der Lebenden ſind
alle jene gedruckten Lügen für nichts geachtet; alle
ſchöne Phraſen werden der damit verkleideten Wahr¬
heit ausgezogen; die da wandeln in ihrem Dünkel,
in den weiten Mantel der menſchlichen Eitelkeit ge¬
ſchlagen, ſind gezeichnet mit den Namen, die das
Urtheil ihnen zugeſprochen; Thaten und Begebenheiten,
die ſich im Verborgenen glauben, ſind vor aller
Welt aufgedeckt; nur die Betheiligten ſind ſelten da¬
von unterrichtet, wenn nicht etwa das eigene Gewiſ¬
ſen ſie dunkel mahnt, und ſie nun eine Gegenrede
ohne vorhergegangene Aufforderung verſuchen. Dieſe
Vehm wird härter und ſchärfer in dem Maaße, wie
die Preſſe mehr gefeſſelt oder vergiftet wird, und zwar
größentheils zum Nachtheil deren, die dieſen Zwang
oder die Verfälſchung üben, und ſich nun nicht ein¬
mal vertheidigen können. So manche Ereigniſſe, die
unerklärlich ſcheinen, laſſen nur durch die Kenntniß
dieſer überlieferten Volksmeinung ſich deuten und be¬
greiflich machen.
Unter den verſchiednen Bewegungen aber, die
die bisher berührten Begebenheiten und Ereigniſſe
veranlaßt hatten, theilten ſich die ſogenannten Libe¬
ralen, die in den Jahren der Befreyung nur im All¬
gemeinen über die nothwendige Herbeyführung eines
beſſern, würdigern Zuſtandes in Teutſchland einver¬
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Görres, Joseph von: Teutschland und die Revolution. Koblenz, 1819, S. 85. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/goerres_revolution_1819/93>, abgerufen am 10.08.2024.
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