wieder hervorzuziehen, und so ein neues Teutschland aus dem Verderben des Alten zu restauriren.
Die andere Parthey, die dieser bald entgegen trat, urtheilte aus anderem Gesichtspunkt: Was soll uns dies alte Teutschland, was sollen diese Lappen alter Herrlichkeit, die zu ihrer Zeit gut gewesen, weil sie auf ihre Zeit gegründet war, aber nun auf immer hingeschwunden; was soll dieser Aberglauben, der mit den Gebeinen alter Helden und Heiligen seinen Göz¬ zendienst zu treiben affektirt? Was haben diese Ritter in unserer Zeit zu suchen; ihr Geist ist nicht mehr unter uns, ihre Burgen stehen gebrochen auf Berg und Hügel; jene alten Münster sind verrödet, ein an¬ derer Glaube ist in sie eingewandert. Jene Institu¬ tionen und Landesordnungen mögen paßlich gewesen seyn für ihre Jahrhunderte; aber ihr Schutt und ihre Trümmer, die noch in der Gesellschaft stehen ge¬ blieben, sind ihr zur Ueberlast, und ihre Pergamente modern in den Archiven; was wir sehen, ist Leibei¬ genschaft, Reich der Gewalt und des Aberglaubens, drückende Feudalität, und in finsterer Nacht des Mit¬ telalters umwandelnd wie im Hades, die Gestalten einiger großen Männer, die kein Todtenopfer herauf¬ beschwören wird. Zwey ungeheure Begebenheiten, die auch der Geschichte angehören, haben durch eine un¬ übersteigliche Kluft von ihnen uns geschieden, die Re¬ formation und die Revolution; seither ist wirklich ein anderes Volk eingewandert, neu in Sitte, Gesinnung und Denkungsart, mit andern Rechten und Bedürf¬ nissen; seither ist eine neue Welt an die Stelle des untergegangenen Mittelalters aus den Fluten aufge¬
wieder hervorzuziehen, und ſo ein neues Teutſchland aus dem Verderben des Alten zu reſtauriren.
Die andere Parthey, die dieſer bald entgegen trat, urtheilte aus anderem Geſichtspunkt: Was ſoll uns dies alte Teutſchland, was ſollen dieſe Lappen alter Herrlichkeit, die zu ihrer Zeit gut geweſen, weil ſie auf ihre Zeit gegründet war, aber nun auf immer hingeſchwunden; was ſoll dieſer Aberglauben, der mit den Gebeinen alter Helden und Heiligen ſeinen Göz¬ zendienſt zu treiben affektirt? Was haben dieſe Ritter in unſerer Zeit zu ſuchen; ihr Geiſt iſt nicht mehr unter uns, ihre Burgen ſtehen gebrochen auf Berg und Hügel; jene alten Münſter ſind verrödet, ein an¬ derer Glaube iſt in ſie eingewandert. Jene Inſtitu¬ tionen und Landesordnungen mögen paßlich geweſen ſeyn für ihre Jahrhunderte; aber ihr Schutt und ihre Trümmer, die noch in der Geſellſchaft ſtehen ge¬ blieben, ſind ihr zur Ueberlaſt, und ihre Pergamente modern in den Archiven; was wir ſehen, iſt Leibei¬ genſchaft, Reich der Gewalt und des Aberglaubens, drückende Feudalität, und in finſterer Nacht des Mit¬ telalters umwandelnd wie im Hades, die Geſtalten einiger großen Männer, die kein Todtenopfer herauf¬ beſchwören wird. Zwey ungeheure Begebenheiten, die auch der Geſchichte angehören, haben durch eine un¬ überſteigliche Kluft von ihnen uns geſchieden, die Re¬ formation und die Revolution; ſeither iſt wirklich ein anderes Volk eingewandert, neu in Sitte, Geſinnung und Denkungsart, mit andern Rechten und Bedürf¬ niſſen; ſeither iſt eine neue Welt an die Stelle des untergegangenen Mittelalters aus den Fluten aufge¬
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[88/0096]
wieder hervorzuziehen, und ſo ein neues Teutſchland
aus dem Verderben des Alten zu reſtauriren.
Die andere Parthey, die dieſer bald entgegen trat,
urtheilte aus anderem Geſichtspunkt: Was ſoll uns
dies alte Teutſchland, was ſollen dieſe Lappen alter
Herrlichkeit, die zu ihrer Zeit gut geweſen, weil ſie
auf ihre Zeit gegründet war, aber nun auf immer
hingeſchwunden; was ſoll dieſer Aberglauben, der mit
den Gebeinen alter Helden und Heiligen ſeinen Göz¬
zendienſt zu treiben affektirt? Was haben dieſe Ritter
in unſerer Zeit zu ſuchen; ihr Geiſt iſt nicht mehr
unter uns, ihre Burgen ſtehen gebrochen auf Berg
und Hügel; jene alten Münſter ſind verrödet, ein an¬
derer Glaube iſt in ſie eingewandert. Jene Inſtitu¬
tionen und Landesordnungen mögen paßlich geweſen
ſeyn für ihre Jahrhunderte; aber ihr Schutt und
ihre Trümmer, die noch in der Geſellſchaft ſtehen ge¬
blieben, ſind ihr zur Ueberlaſt, und ihre Pergamente
modern in den Archiven; was wir ſehen, iſt Leibei¬
genſchaft, Reich der Gewalt und des Aberglaubens,
drückende Feudalität, und in finſterer Nacht des Mit¬
telalters umwandelnd wie im Hades, die Geſtalten
einiger großen Männer, die kein Todtenopfer herauf¬
beſchwören wird. Zwey ungeheure Begebenheiten, die
auch der Geſchichte angehören, haben durch eine un¬
überſteigliche Kluft von ihnen uns geſchieden, die Re¬
formation und die Revolution; ſeither iſt wirklich ein
anderes Volk eingewandert, neu in Sitte, Geſinnung
und Denkungsart, mit andern Rechten und Bedürf¬
niſſen; ſeither iſt eine neue Welt an die Stelle des
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Görres, Joseph von: Teutschland und die Revolution. Koblenz, 1819, S. 88. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/goerres_revolution_1819/96>, abgerufen am 10.08.2024.
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