taucht. Die Form wird alt, das Wandelbare kömmt und geht, aber ewig grünt das junge Leben, und wie die Zeiten fließen, und die Verhältnisse wechseln immerdar, soll jedes Geschlecht sich klug anbauen in den Seinigen; jede Gegenwart muß sich auf sich selber setzen, weil sie am beßten weiß, was ihr frommt und dient, und nach eigenem Plane am gemächlichsten ihr Haus sich baut. Ist das alte Teutschland aufgelöst, dann sind die Dinge wieder zum Ursprung zurückge¬ kehrt, dahin wo noch kein Reich bestanden, und die Geschichte kann Euch wenig lehren. Wollt ihr aber bey ihr zur Schule gehen, dann nehmt die Revolution zur Lehrerin; vieler trägen Jahrhunderte Gang hat in ihr zum Kreislauf von Jahren sich beschleunigt; vor euern Augen ist die Weltgeschichte darin vorbeygegan¬ gen, und ihr habt sie gelebt und nicht gelesen; mit Herz und Sinnen habt ihr sie ergreifen können, da die des Mittelalters nur wie ein blasser Nebelfleck im Fernrohr vor Euern Augen steht.
Dieser Gegensatz ist, nur in anderem Gebiete, derselbe, der zwischen Catholizism und Protestantism besteht, und darum für den, der bescheiden forschend in die Tiefen der Geschichte und des eigenen Seyns vorgedrungen, und dabey die schlichte Einfalt des Natursinns, und die klare von vorgefaßten Meinun¬ gen und Leidenschaften ungetrübte Ansicht sich bewahrt, im innersten Grunde in seiner höhern Einheit leicht erkennbar. Wenn nämlich nicht geläugnet werden kann, daß jedes selbstständige Volk neben dem, was Allen gemein, seine besondere Eigenthümlichkeit besitzt, die sich in seiner Geschichte und seinem ganzen Bestande
taucht. Die Form wird alt, das Wandelbare kömmt und geht, aber ewig grünt das junge Leben, und wie die Zeiten fließen, und die Verhältniſſe wechſeln immerdar, ſoll jedes Geſchlecht ſich klug anbauen in den Seinigen; jede Gegenwart muß ſich auf ſich ſelber ſetzen, weil ſie am beßten weiß, was ihr frommt und dient, und nach eigenem Plane am gemächlichſten ihr Haus ſich baut. Iſt das alte Teutſchland aufgelöst, dann ſind die Dinge wieder zum Urſprung zurückge¬ kehrt, dahin wo noch kein Reich beſtanden, und die Geſchichte kann Euch wenig lehren. Wollt ihr aber bey ihr zur Schule gehen, dann nehmt die Revolution zur Lehrerin; vieler trägen Jahrhunderte Gang hat in ihr zum Kreislauf von Jahren ſich beſchleunigt; vor euern Augen iſt die Weltgeſchichte darin vorbeygegan¬ gen, und ihr habt ſie gelebt und nicht geleſen; mit Herz und Sinnen habt ihr ſie ergreifen können, da die des Mittelalters nur wie ein blaſſer Nebelfleck im Fernrohr vor Euern Augen ſteht.
Dieſer Gegenſatz iſt, nur in anderem Gebiete, derſelbe, der zwiſchen Catholizism und Proteſtantism beſteht, und darum für den, der beſcheiden forſchend in die Tiefen der Geſchichte und des eigenen Seyns vorgedrungen, und dabey die ſchlichte Einfalt des Naturſinns, und die klare von vorgefaßten Meinun¬ gen und Leidenſchaften ungetrübte Anſicht ſich bewahrt, im innerſten Grunde in ſeiner höhern Einheit leicht erkennbar. Wenn nämlich nicht geläugnet werden kann, daß jedes ſelbſtſtändige Volk neben dem, was Allen gemein, ſeine beſondere Eigenthümlichkeit beſitzt, die ſich in ſeiner Geſchichte und ſeinem ganzen Beſtande
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taucht. Die Form wird alt, das Wandelbare kömmt
und geht, aber ewig grünt das junge Leben, und
wie die Zeiten fließen, und die Verhältniſſe wechſeln
immerdar, ſoll jedes Geſchlecht ſich klug anbauen in
den Seinigen; jede Gegenwart muß ſich auf ſich ſelber
ſetzen, weil ſie am beßten weiß, was ihr frommt und
dient, und nach eigenem Plane am gemächlichſten ihr
Haus ſich baut. Iſt das alte Teutſchland aufgelöst,
dann ſind die Dinge wieder zum Urſprung zurückge¬
kehrt, dahin wo noch kein Reich beſtanden, und die
Geſchichte kann Euch wenig lehren. Wollt ihr aber
bey ihr zur Schule gehen, dann nehmt die Revolution
zur Lehrerin; vieler trägen Jahrhunderte Gang hat in
ihr zum Kreislauf von Jahren ſich beſchleunigt; vor
euern Augen iſt die Weltgeſchichte darin vorbeygegan¬
gen, und ihr habt ſie gelebt und nicht geleſen; mit
Herz und Sinnen habt ihr ſie ergreifen können, da
die des Mittelalters nur wie ein blaſſer Nebelfleck im
Fernrohr vor Euern Augen ſteht.
Dieſer Gegenſatz iſt, nur in anderem Gebiete,
derſelbe, der zwiſchen Catholizism und Proteſtantism
beſteht, und darum für den, der beſcheiden forſchend
in die Tiefen der Geſchichte und des eigenen Seyns
vorgedrungen, und dabey die ſchlichte Einfalt des
Naturſinns, und die klare von vorgefaßten Meinun¬
gen und Leidenſchaften ungetrübte Anſicht ſich bewahrt,
im innerſten Grunde in ſeiner höhern Einheit leicht
erkennbar. Wenn nämlich nicht geläugnet werden kann,
daß jedes ſelbſtſtändige Volk neben dem, was Allen
gemein, ſeine beſondere Eigenthümlichkeit beſitzt, die
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Görres, Joseph von: Teutschland und die Revolution. Koblenz, 1819, S. 89. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/goerres_revolution_1819/97>, abgerufen am 10.08.2024.
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