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Görres, Joseph: Die teutschen Volksbücher. Heidelberg, 1807.

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wie waren die Völker nicht kräftige junge Stämme
noch, nichts Welkes, nichts Kränkelndes, alles
saftig, frisch und voll, alle Pulse rege schlagend, alle
Quellen rasch aufsprudelnd, Alles bis in die Extreme hin
lebendig! Der Norden hatte früher seine kalten Stürme
ausgesendet, wie Schneegestöber hatten die mitternächt-
lichen Nationen über den Süden sich hingegossen, dunkel
zog sich's um die bleiche Sonne her, da gieng der
Erdgeist zur tiefen Behausung nieder, da wo in gewölb-
ter Halle das Centralfeuer brennt, und legte sich,
während außen die Orkane heulten, zum Schlafe
nieder; die Erde aber erstarrte, als wäre sie zum
Magnetberge geworden, und es wollten nicht mehr die
Lebensquellen in den Adern rinnen, und der Blumen-
flor des Alterthums verwelkte, und die Zugvögel such-
ten an den Wendekreisen eine wärmere Sonne auf.
Aber die Fluthen hatten sich verlaufen, die Stürme
hatten ausgetobt, der Schnee war weggeschmolzen,
wie die lauen Winde wiederkehrten, und war befruch-
tend in die Erde eingedrungen; der Archeus war
gewekt von dem harmonischen Zusammenklange der
Gestirne, wieder hervorgegangen, und hatte das Leben
mit hinaufgebracht in unendlich vielen jungen Knospen
und Keimen; und es brauste in allem Geäder wieder,
und die Todtenkälte war gewichen, und der Winter-

wie waren die Völker nicht kräftige junge Stämme
noch, nichts Welkes, nichts Kränkelndes, alles
ſaftig, friſch und voll, alle Pulſe rege ſchlagend, alle
Quellen raſch aufſprudelnd, Alles bis in die Extreme hin
lebendig! Der Norden hatte früher ſeine kalten Stürme
ausgeſendet, wie Schneegeſtöber hatten die mitternächt-
lichen Nationen über den Süden ſich hingegoſſen, dunkel
zog ſich’s um die bleiche Sonne her, da gieng der
Erdgeiſt zur tiefen Behauſung nieder, da wo in gewölb-
ter Halle das Centralfeuer brennt, und legte ſich,
während außen die Orkane heulten, zum Schlafe
nieder; die Erde aber erſtarrte, als wäre ſie zum
Magnetberge geworden, und es wollten nicht mehr die
Lebensquellen in den Adern rinnen, und der Blumen-
flor des Alterthums verwelkte, und die Zugvögel ſuch-
ten an den Wendekreiſen eine wärmere Sonne auf.
Aber die Fluthen hatten ſich verlaufen, die Stürme
hatten ausgetobt, der Schnee war weggeſchmolzen,
wie die lauen Winde wiederkehrten, und war befruch-
tend in die Erde eingedrungen; der Archeus war
gewekt von dem harmoniſchen Zuſammenklange der
Geſtirne, wieder hervorgegangen, und hatte das Leben
mit hinaufgebracht in unendlich vielen jungen Knospen
und Keimen; und es brauſte in allem Geäder wieder,
und die Todtenkälte war gewichen, und der Winter-

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[273[271]/0289] wie waren die Völker nicht kräftige junge Stämme noch, nichts Welkes, nichts Kränkelndes, alles ſaftig, friſch und voll, alle Pulſe rege ſchlagend, alle Quellen raſch aufſprudelnd, Alles bis in die Extreme hin lebendig! Der Norden hatte früher ſeine kalten Stürme ausgeſendet, wie Schneegeſtöber hatten die mitternächt- lichen Nationen über den Süden ſich hingegoſſen, dunkel zog ſich’s um die bleiche Sonne her, da gieng der Erdgeiſt zur tiefen Behauſung nieder, da wo in gewölb- ter Halle das Centralfeuer brennt, und legte ſich, während außen die Orkane heulten, zum Schlafe nieder; die Erde aber erſtarrte, als wäre ſie zum Magnetberge geworden, und es wollten nicht mehr die Lebensquellen in den Adern rinnen, und der Blumen- flor des Alterthums verwelkte, und die Zugvögel ſuch- ten an den Wendekreiſen eine wärmere Sonne auf. Aber die Fluthen hatten ſich verlaufen, die Stürme hatten ausgetobt, der Schnee war weggeſchmolzen, wie die lauen Winde wiederkehrten, und war befruch- tend in die Erde eingedrungen; der Archeus war gewekt von dem harmoniſchen Zuſammenklange der Geſtirne, wieder hervorgegangen, und hatte das Leben mit hinaufgebracht in unendlich vielen jungen Knospen und Keimen; und es brauſte in allem Geäder wieder, und die Todtenkälte war gewichen, und der Winter-

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Zitationshilfe: Görres, Joseph: Die teutschen Volksbücher. Heidelberg, 1807, S. 273[271]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/goerres_volksbuecher_1807/289>, abgerufen am 14.08.2022.