Goethe, Johann Wolfgang von: Faust. Eine Tragödie. Tübingen, 1808.
Ist's nöthig Worten nachzujagen? Ja, eure Reden, die so blinkend sind, In denen ihr der Menschheit Schnitzel kräuselt, Sind unerquicklich wie der Nebelwind, Der herbstlich durch die dürren Blätter säuselt! Wagner. Ach Gott! die Kunst ist lang; Und kurz ist unser Leben. Mir wird, bey meinem kritischen Bestreben, Doch oft um Kopf und Busen bang'. Wie schwer sind nicht die Mittel zu erwerben, Durch die man zu den Quellen steigt! Und eh' man nur den halben Weg erreicht, Muß wohl ein armer Teufel sterben. Faust. Das Pergament, ist das der heilge Bronnen, Woraus ein Trunk den Durst auf ewig stillt? Erquickung hast du nicht gewonnen, Wenn sie dir nicht aus eigner Seele quillt. Wagner. Verzeiht! es ist ein groß Ergetzen, Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen;
Iſt’s noͤthig Worten nachzujagen? Ja, eure Reden, die ſo blinkend ſind, In denen ihr der Menſchheit Schnitzel kraͤuſelt, Sind unerquicklich wie der Nebelwind, Der herbſtlich durch die duͤrren Blaͤtter ſaͤuſelt! Wagner. Ach Gott! die Kunſt iſt lang; Und kurz iſt unſer Leben. Mir wird, bey meinem kritiſchen Beſtreben, Doch oft um Kopf und Buſen bang’. Wie ſchwer ſind nicht die Mittel zu erwerben, Durch die man zu den Quellen ſteigt! Und eh’ man nur den halben Weg erreicht, Muß wohl ein armer Teufel ſterben. Fauſt. Das Pergament, iſt das der heilge Bronnen, Woraus ein Trunk den Durſt auf ewig ſtillt? Erquickung haſt du nicht gewonnen, Wenn ſie dir nicht aus eigner Seele quillt. Wagner. Verzeiht! es iſt ein groß Ergetzen, Sich in den Geiſt der Zeiten zu verſetzen; <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <sp who="#FAU"> <p><pb facs="#f0050" n="44"/> Iſt’s noͤthig Worten nachzujagen?<lb/> Ja, eure Reden, die ſo blinkend ſind,<lb/> In denen ihr der Menſchheit Schnitzel kraͤuſelt,<lb/> Sind unerquicklich wie der Nebelwind,<lb/> Der herbſtlich durch die duͤrren Blaͤtter ſaͤuſelt!</p> </sp><lb/> <sp who="#WAG"> <speaker><hi rendition="#g">Wagner</hi>.</speaker><lb/> <p>Ach Gott! die Kunſt iſt lang;<lb/> Und kurz iſt unſer Leben.<lb/> Mir wird, bey meinem kritiſchen Beſtreben,<lb/> Doch oft um Kopf und Buſen bang’.<lb/> Wie ſchwer ſind nicht die Mittel zu erwerben,<lb/> Durch die man zu den Quellen ſteigt!<lb/> Und eh’ man nur den halben Weg erreicht,<lb/> Muß wohl ein armer Teufel ſterben.</p> </sp><lb/> <sp who="#FAU"> <speaker><hi rendition="#g">Fauſt</hi>.</speaker><lb/> <p>Das Pergament, iſt das der heilge Bronnen,<lb/> Woraus ein Trunk den Durſt auf ewig ſtillt?<lb/> Erquickung haſt du nicht gewonnen,<lb/> Wenn ſie dir nicht aus eigner Seele quillt.</p> </sp><lb/> <sp who="#WAG"> <speaker><hi rendition="#g">Wagner</hi>.</speaker><lb/> <p>Verzeiht! es iſt ein groß Ergetzen,<lb/> Sich in den Geiſt der Zeiten zu verſetzen;<lb/></p> </sp> </div> </div> </body> </text> </TEI> [44/0050]
Iſt’s noͤthig Worten nachzujagen?
Ja, eure Reden, die ſo blinkend ſind,
In denen ihr der Menſchheit Schnitzel kraͤuſelt,
Sind unerquicklich wie der Nebelwind,
Der herbſtlich durch die duͤrren Blaͤtter ſaͤuſelt!
Wagner.
Ach Gott! die Kunſt iſt lang;
Und kurz iſt unſer Leben.
Mir wird, bey meinem kritiſchen Beſtreben,
Doch oft um Kopf und Buſen bang’.
Wie ſchwer ſind nicht die Mittel zu erwerben,
Durch die man zu den Quellen ſteigt!
Und eh’ man nur den halben Weg erreicht,
Muß wohl ein armer Teufel ſterben.
Fauſt.
Das Pergament, iſt das der heilge Bronnen,
Woraus ein Trunk den Durſt auf ewig ſtillt?
Erquickung haſt du nicht gewonnen,
Wenn ſie dir nicht aus eigner Seele quillt.
Wagner.
Verzeiht! es iſt ein groß Ergetzen,
Sich in den Geiſt der Zeiten zu verſetzen;
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| Zitationshilfe: | Goethe, Johann Wolfgang von: Faust. Eine Tragödie. Tübingen, 1808, S. 44. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/goethe_faust01_1808/50>, abgerufen am 26.09.2024. |


