Goethe, Johann Wolfgang von: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Bd. 1. Tübingen, 1811.als eine offene Flamme. Die Sonne war als eine offene Flamme. Die Sonne war <TEI> <text> <body> <p><pb facs="#f0103" n="87"/> als eine offene Flamme. Die Sonne war<lb/> ſchon laͤngſt aufgegangen, aber Nachbarhaͤu¬<lb/> ſer verdeckten den Oſten. Endlich erſchien ſie<lb/> uͤber den Daͤchern; ſogleich ward ein Brenn¬<lb/> glas zur Hand genommen, und die in einer<lb/> ſchoͤnen Porzellanſchale auf dem Gipfel ſte¬<lb/> henden Raͤucherkerzen angezuͤndet. Alles<lb/> gelang nach Wunſch, und die Andacht war<lb/> vollkommen. Der Altar blieb als eine be¬<lb/> ſondre Zierde des Zimmers, das man ihm<lb/> im neuen Hauſe eingeraͤumt hatte, ſtehen.<lb/> Jedermann ſah darin nur eine wohlaufgeputz¬<lb/> te Naturalienſammlung; der Knabe hingegen<lb/> wußte beſſer was er verſchwieg. Er ſehnte<lb/> ſich nach der Wiederholung jener Feyerlich¬<lb/> keit. Ungluͤcklicherweiſe war eben, als die ge¬<lb/> legenſte Sonne hervorſtieg, die Porzellantaſſe<lb/> nicht bey der Hand; er ſtellte die Raͤucher¬<lb/> kerzchen unmittelbar auf die obere Flaͤche des<lb/> Muſikpultes; ſie wurden angezuͤndet, und die<lb/> Andacht war ſo groß, daß der Prieſter nicht<lb/> merkte, welchen Schaden ſein Opfer anrichte¬<lb/></p> </body> </text> </TEI> [87/0103]
als eine offene Flamme. Die Sonne war
ſchon laͤngſt aufgegangen, aber Nachbarhaͤu¬
ſer verdeckten den Oſten. Endlich erſchien ſie
uͤber den Daͤchern; ſogleich ward ein Brenn¬
glas zur Hand genommen, und die in einer
ſchoͤnen Porzellanſchale auf dem Gipfel ſte¬
henden Raͤucherkerzen angezuͤndet. Alles
gelang nach Wunſch, und die Andacht war
vollkommen. Der Altar blieb als eine be¬
ſondre Zierde des Zimmers, das man ihm
im neuen Hauſe eingeraͤumt hatte, ſtehen.
Jedermann ſah darin nur eine wohlaufgeputz¬
te Naturalienſammlung; der Knabe hingegen
wußte beſſer was er verſchwieg. Er ſehnte
ſich nach der Wiederholung jener Feyerlich¬
keit. Ungluͤcklicherweiſe war eben, als die ge¬
legenſte Sonne hervorſtieg, die Porzellantaſſe
nicht bey der Hand; er ſtellte die Raͤucher¬
kerzchen unmittelbar auf die obere Flaͤche des
Muſikpultes; ſie wurden angezuͤndet, und die
Andacht war ſo groß, daß der Prieſter nicht
merkte, welchen Schaden ſein Opfer anrichte¬
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| Zitationshilfe: | Goethe, Johann Wolfgang von: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Bd. 1. Tübingen, 1811, S. 87. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/goethe_leben01_1811/103>, abgerufen am 10.08.2024. |


