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Gottsched, Johann Christoph: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. Leipzig, 1730.

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Von Oden, oder Liedern.
Schlug ein Meister in Gedichten
Dort sein künstlich Seyten-Spiel:
Hier verewigt sie dein Kiel,
Jn unsterblichen Geschichten.
Da du Deutschlands alte Thaten
Aus der Vorwelt Nebel zeuchst,
Und der Helden Lob erreichst;
Wird dir auch ein Buch gerathen,
Wo uns dein erhabner Geist,
Deiner Gattin Abriß weist.
Schreibe dann mit regen Sinnen,
Was vorlängst dein Hertz empfand,
Als es sich zu ihr gewandt,
Jhre Liebe zu gewinnen.
Schreibe von den reinen Küssen,
Die dich sieben Jahr ergetzt;
Schreibe was dich itzt verletzt,
Da sie dir der Tod entrissen:
Dieß ist einzig, grosser Mann,
Was Dich wieder trösten kan.
Dann erhebe dich von neuen
Deinen Aemtern nachzugehn,
Und den Musen vorzustehn,
Die sich deiner Aufsicht freuen.
Kommst du nun an unsre Linden,
Wo der Künste Wohnplatz ist,
Deren Haupt und Schmuck du bist;
So laß deinen Schmertz verschwinden:
Regt er aber dennoch sich,
O so denck auch einst an mich.
Auf der regierenden Fürstin zu Schwartzburg-Sonders-
hausen Geburts-Fest, in fremdem Nahmen.
DEr schönste Lentz kan nicht so sehr
Die aufgelebte Welt erquicken;
Wenn Sonn und Wärme mehr und mehr
Dem Norder-Pole näher rücken:
Des Monden voller Frühlings-Schein,
Kan nie so schön und heiter seyn,
Nie Hertz und Augen so ergetzen:
Als dieses Festes Pracht und Lust,
Durchlauchte Fürstin! unsre Brust
Jn Freud und Wonne weiß zu setzen.
Der
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Von Oden, oder Liedern.
Schlug ein Meiſter in Gedichten
Dort ſein kuͤnſtlich Seyten-Spiel:
Hier verewigt ſie dein Kiel,
Jn unſterblichen Geſchichten.
Da du Deutſchlands alte Thaten
Aus der Vorwelt Nebel zeuchſt,
Und der Helden Lob erreichſt;
Wird dir auch ein Buch gerathen,
Wo uns dein erhabner Geiſt,
Deiner Gattin Abriß weiſt.
Schreibe dann mit regen Sinnen,
Was vorlaͤngſt dein Hertz empfand,
Als es ſich zu ihr gewandt,
Jhre Liebe zu gewinnen.
Schreibe von den reinen Kuͤſſen,
Die dich ſieben Jahr ergetzt;
Schreibe was dich itzt verletzt,
Da ſie dir der Tod entriſſen:
Dieß iſt einzig, groſſer Mann,
Was Dich wieder troͤſten kan.
Dann erhebe dich von neuen
Deinen Aemtern nachzugehn,
Und den Muſen vorzuſtehn,
Die ſich deiner Aufſicht freuen.
Kommſt du nun an unſre Linden,
Wo der Kuͤnſte Wohnplatz iſt,
Deren Haupt und Schmuck du biſt;
So laß deinen Schmertz verſchwinden:
Regt er aber dennoch ſich,
O ſo denck auch einſt an mich.
Auf der regierenden Fuͤrſtin zu Schwartzburg-Sonders-
hauſen Geburts-Feſt, in fremdem Nahmen.
DEr ſchoͤnſte Lentz kan nicht ſo ſehr
Die aufgelebte Welt erquicken;
Wenn Sonn und Waͤrme mehr und mehr
Dem Norder-Pole naͤher ruͤcken:
Des Monden voller Fruͤhlings-Schein,
Kan nie ſo ſchoͤn und heiter ſeyn,
Nie Hertz und Augen ſo ergetzen:
Als dieſes Feſtes Pracht und Luſt,
Durchlauchte Fuͤrſtin! unſre Bruſt
Jn Freud und Wonne weiß zu ſetzen.
Der
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[341/0369] Von Oden, oder Liedern. Schlug ein Meiſter in Gedichten Dort ſein kuͤnſtlich Seyten-Spiel: Hier verewigt ſie dein Kiel, Jn unſterblichen Geſchichten. Da du Deutſchlands alte Thaten Aus der Vorwelt Nebel zeuchſt, Und der Helden Lob erreichſt; Wird dir auch ein Buch gerathen, Wo uns dein erhabner Geiſt, Deiner Gattin Abriß weiſt. Schreibe dann mit regen Sinnen, Was vorlaͤngſt dein Hertz empfand, Als es ſich zu ihr gewandt, Jhre Liebe zu gewinnen. Schreibe von den reinen Kuͤſſen, Die dich ſieben Jahr ergetzt; Schreibe was dich itzt verletzt, Da ſie dir der Tod entriſſen: Dieß iſt einzig, groſſer Mann, Was Dich wieder troͤſten kan. Dann erhebe dich von neuen Deinen Aemtern nachzugehn, Und den Muſen vorzuſtehn, Die ſich deiner Aufſicht freuen. Kommſt du nun an unſre Linden, Wo der Kuͤnſte Wohnplatz iſt, Deren Haupt und Schmuck du biſt; So laß deinen Schmertz verſchwinden: Regt er aber dennoch ſich, O ſo denck auch einſt an mich. Auf der regierenden Fuͤrſtin zu Schwartzburg-Sonders- hauſen Geburts-Feſt, in fremdem Nahmen. DEr ſchoͤnſte Lentz kan nicht ſo ſehr Die aufgelebte Welt erquicken; Wenn Sonn und Waͤrme mehr und mehr Dem Norder-Pole naͤher ruͤcken: Des Monden voller Fruͤhlings-Schein, Kan nie ſo ſchoͤn und heiter ſeyn, Nie Hertz und Augen ſo ergetzen: Als dieſes Feſtes Pracht und Luſt, Durchlauchte Fuͤrſtin! unſre Bruſt Jn Freud und Wonne weiß zu ſetzen. Der Y 3

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Zitationshilfe: Gottsched, Johann Christoph: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. Leipzig, 1730, S. 341. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gottsched_versuch_1730/369>, abgerufen am 10.04.2021.