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Gottsched, Johann Christoph: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. Leipzig, 1730.

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Des II Theils IV Capitel
Noch eins, gepriesnes Paar, du wirst es mir verzeihen!
Jch gebe dir den Gruß an meine Gönner mit.
Jch weiß, es nützet sehr und muß mir wohl gedeyhen,
Wenn solch ein Paar, als ihr, dort meinen Platz vertritt.
VII. Elegie
im Nahmen einer Schwester an ihren Bruder, als er
Doctor wurde.
GEliebter! dieses Blatt voll schwesterlicher Zeilen
Soll itzt vom Elbestrom zu deinem Saal-Athen,
Aus Sachsens Residentz, zum Musen-Hügel eilen,
Wo Themis fertig steht dich freudig zu erhöhn.
O könnte Lust und Wunsch mir Tauben-Flügel schencken!
Jch flöge wie ein Pfeil nach diesem Pindus zu:
Jch wollte dich erfreut in Schwester-Arme schrencken,
Und sprechen: Brüderchen, wie herrlich prangest du!
Fürwahr Asträens Crantz, der deine Scheitel schmücket,
Und dein Verdienst belohnt, steht dir so artig an;
Daß niemand, der dich sieht, von deinem Blick bestricket,
Wie wohl du ihm gefällst, genug beschreiben kan.
Jch sehe schon im Geist die angenehmen Minen,
Wie sie dein Doctor-Hut gedoppelt lieblich macht;
Dein Wesen, so mir zwar stets Anmuths-voll geschienen,
Doch itzt noch eins so schön aus deinen Augen lacht.
Ach! wüste nur mein Reim die Bilder zu entwerfen,
Die mein erfreuter Geist gleich als im Traume sieht:
So sollte sich zugleich die stumpfe Feder schärfen,
Die deinen Abriß hier mit dunckeln Strichen zieht.
Jch schriebe von dem Witz, den du bißher erwiesen,
Da dich die Lindenstadt und Helmstädt in sich schloß:
Jch schriebe, wie man dich und deinen Fleiß gepriesen,
Wenn der gelehrte Schweiß von deiner Stirne floß:
Jch schriebe von dem Schmertz, den meine Brust empfunden,
Da die Entfernung dich so lang von uns getrennt:
Jch schriebe von der Lust der hochbeliebten Stunden,
Wenn mich ein Brief von dir, mein Schwesterchen, genennt:
Jch schriebe noch weit mehr, von unsrer treuen Liebe,
Die wir von Jugend auf einander uns erzeigt;
Und schlösse denn daraus die Krafft der starcken Triebe,
Dadurch die Freude mich dir Glück zu wünschen neigt.
O daß mein Vater nicht den Tag erleben sollen,
Der seines Sohnes Haupt mit neuer Würde schmückt!
Mein Vater, den ich gern vom Tode retten wollen,
Als ihm des Höchsten Hand die Augen zugedrückt.
Wie
Des II Theils IV Capitel
Noch eins, geprieſnes Paar, du wirſt es mir verzeihen!
Jch gebe dir den Gruß an meine Goͤnner mit.
Jch weiß, es nuͤtzet ſehr und muß mir wohl gedeyhen,
Wenn ſolch ein Paar, als ihr, dort meinen Platz vertritt.
VII. Elegie
im Nahmen einer Schweſter an ihren Bruder, als er
Doctor wurde.
GEliebter! dieſes Blatt voll ſchweſterlicher Zeilen
Soll itzt vom Elbeſtrom zu deinem Saal-Athen,
Aus Sachſens Reſidentz, zum Muſen-Huͤgel eilen,
Wo Themis fertig ſteht dich freudig zu erhoͤhn.
O koͤnnte Luſt und Wunſch mir Tauben-Fluͤgel ſchencken!
Jch floͤge wie ein Pfeil nach dieſem Pindus zu:
Jch wollte dich erfreut in Schweſter-Arme ſchrencken,
Und ſprechen: Bruͤderchen, wie herrlich prangeſt du!
Fuͤrwahr Aſtraͤens Crantz, der deine Scheitel ſchmuͤcket,
Und dein Verdienſt belohnt, ſteht dir ſo artig an;
Daß niemand, der dich ſieht, von deinem Blick beſtricket,
Wie wohl du ihm gefaͤllſt, genug beſchreiben kan.
Jch ſehe ſchon im Geiſt die angenehmen Minen,
Wie ſie dein Doctor-Hut gedoppelt lieblich macht;
Dein Weſen, ſo mir zwar ſtets Anmuths-voll geſchienen,
Doch itzt noch eins ſo ſchoͤn aus deinen Augen lacht.
Ach! wuͤſte nur mein Reim die Bilder zu entwerfen,
Die mein erfreuter Geiſt gleich als im Traume ſieht:
So ſollte ſich zugleich die ſtumpfe Feder ſchaͤrfen,
Die deinen Abriß hier mit dunckeln Strichen zieht.
Jch ſchriebe von dem Witz, den du bißher erwieſen,
Da dich die Lindenſtadt und Helmſtaͤdt in ſich ſchloß:
Jch ſchriebe, wie man dich und deinen Fleiß geprieſen,
Wenn der gelehrte Schweiß von deiner Stirne floß:
Jch ſchriebe von dem Schmertz, den meine Bruſt empfunden,
Da die Entfernung dich ſo lang von uns getrennt:
Jch ſchriebe von der Luſt der hochbeliebten Stunden,
Wenn mich ein Brief von dir, mein Schweſterchen, genennt:
Jch ſchriebe noch weit mehr, von unſrer treuen Liebe,
Die wir von Jugend auf einander uns erzeigt;
Und ſchloͤſſe denn daraus die Krafft der ſtarcken Triebe,
Dadurch die Freude mich dir Gluͤck zu wuͤnſchen neigt.
O daß mein Vater nicht den Tag erleben ſollen,
Der ſeines Sohnes Haupt mit neuer Wuͤrde ſchmuͤckt!
Mein Vater, den ich gern vom Tode retten wollen,
Als ihm des Hoͤchſten Hand die Augen zugedruͤckt.
Wie
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[432/0460] Des II Theils IV Capitel Noch eins, geprieſnes Paar, du wirſt es mir verzeihen! Jch gebe dir den Gruß an meine Goͤnner mit. Jch weiß, es nuͤtzet ſehr und muß mir wohl gedeyhen, Wenn ſolch ein Paar, als ihr, dort meinen Platz vertritt. VII. Elegie im Nahmen einer Schweſter an ihren Bruder, als er Doctor wurde. GEliebter! dieſes Blatt voll ſchweſterlicher Zeilen Soll itzt vom Elbeſtrom zu deinem Saal-Athen, Aus Sachſens Reſidentz, zum Muſen-Huͤgel eilen, Wo Themis fertig ſteht dich freudig zu erhoͤhn. O koͤnnte Luſt und Wunſch mir Tauben-Fluͤgel ſchencken! Jch floͤge wie ein Pfeil nach dieſem Pindus zu: Jch wollte dich erfreut in Schweſter-Arme ſchrencken, Und ſprechen: Bruͤderchen, wie herrlich prangeſt du! Fuͤrwahr Aſtraͤens Crantz, der deine Scheitel ſchmuͤcket, Und dein Verdienſt belohnt, ſteht dir ſo artig an; Daß niemand, der dich ſieht, von deinem Blick beſtricket, Wie wohl du ihm gefaͤllſt, genug beſchreiben kan. Jch ſehe ſchon im Geiſt die angenehmen Minen, Wie ſie dein Doctor-Hut gedoppelt lieblich macht; Dein Weſen, ſo mir zwar ſtets Anmuths-voll geſchienen, Doch itzt noch eins ſo ſchoͤn aus deinen Augen lacht. Ach! wuͤſte nur mein Reim die Bilder zu entwerfen, Die mein erfreuter Geiſt gleich als im Traume ſieht: So ſollte ſich zugleich die ſtumpfe Feder ſchaͤrfen, Die deinen Abriß hier mit dunckeln Strichen zieht. Jch ſchriebe von dem Witz, den du bißher erwieſen, Da dich die Lindenſtadt und Helmſtaͤdt in ſich ſchloß: Jch ſchriebe, wie man dich und deinen Fleiß geprieſen, Wenn der gelehrte Schweiß von deiner Stirne floß: Jch ſchriebe von dem Schmertz, den meine Bruſt empfunden, Da die Entfernung dich ſo lang von uns getrennt: Jch ſchriebe von der Luſt der hochbeliebten Stunden, Wenn mich ein Brief von dir, mein Schweſterchen, genennt: Jch ſchriebe noch weit mehr, von unſrer treuen Liebe, Die wir von Jugend auf einander uns erzeigt; Und ſchloͤſſe denn daraus die Krafft der ſtarcken Triebe, Dadurch die Freude mich dir Gluͤck zu wuͤnſchen neigt. O daß mein Vater nicht den Tag erleben ſollen, Der ſeines Sohnes Haupt mit neuer Wuͤrde ſchmuͤckt! Mein Vater, den ich gern vom Tode retten wollen, Als ihm des Hoͤchſten Hand die Augen zugedruͤckt. Wie

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Zitationshilfe: Gottsched, Johann Christoph: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. Leipzig, 1730, S. 432. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gottsched_versuch_1730/460>, abgerufen am 11.04.2021.