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Gottsched, Johann Christoph: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. Leipzig, 1730.

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Des II Theils V Capitel

Das dich gebohren hat. Herr, soll denn ich allein,
Bey allgemeiner Lust ein stummer Zeuge seyn?
Soll meine Zunge nur bey diesem Jubel schweigen,
Und ihre Regung nicht durch heiße Wünsche zeigen?
Nein, König, bin ich gleich dein allertiefster Knecht,
Und klingt gleich dieser Reim vor hundert andern schlecht;
Soll doch dein Gnadenblick aus diesen Zeilen lesen,
Daß dieser Tag auch mir ein Freuden-Tag gewesen.

Du kennest, Gnädigster, du kennst das Ungemach,
So Neid und Eyfer mir nebst ungemeßner Rach
Vor kurzen angedroht. Ein Winck von deinen Gnaden
Weiß mich im Augenblick des Kummers zu entladen.
Der Himmel liebe dich, wie du dein Sachsen liebst,
Dem du das Leben itzt von neuem wieder giebst,
Du müssest neue Krafft in Geist und Gliedern spüren,
Und noch einmahl so lang als schon geschehn, regieren.
Verschmähe dies Geschenck von meinen Händen nicht,
Und zeige mir forthin dein göttlich Angesicht,
Mit gleicher Gnad und Huld, als ich bißher genossen;
So wird mein Glücksbaum noch mit neuen Zweigen sprossen.
II. Schreiben
An Jhre Königl. Maj. in Pohlen und Churfürstl. Durchl.
zu Sachsen. 1729.
WArum entzeucht, o Herr! da Eis die Berge deckt,
Da Frost und Reif und Schnee das starre Land noch schreckt,
Warum entzeucht dich uns Sarmatiens Verlangen?
Was zwingt dich eben itzt die Reisen anzufangen?
O Held, bist du dein selbst zu schonen nicht gewohnt;
So werde doch in dir der Sachsen Heyl geschont!
Ach Vater! schone dein! So seufzet unsre Liebe,
So ruffet Land und Stadt mit Eintracht-vollem Triebe;
Versehre durch den Frost die zarten Schenckel nicht,
Und warte doch vielmehr, bis dich ein Frühlings-Licht,
Auf Blumen, Gras und Laub zu deinem Volcke führet.
Ach Vater! schone dein! gantz Pohlen ist gerühret,
Und sorget vor dein Haupt. Es bittet vor dein Heil,
Und nahm nur neulich noch an deinen Schmertzen Theil,
Und ließ mit uns zugleich Gebet und Flehen schallen,
Als dich des Ubels Macht so hefftig angefallen.
Ach Vater! schone dein! Bewegt dich denn kein Flehn?
Muß deinen Gliedern denn durchaus Gewalt geschehn?
Wie lange bist du hart? Doch alles ist verlohren,
Der König hört uns nicht. Er eilt aus Dresdens Thoren,
Wo

Des II Theils V Capitel

Das dich gebohren hat. Herr, ſoll denn ich allein,
Bey allgemeiner Luſt ein ſtummer Zeuge ſeyn?
Soll meine Zunge nur bey dieſem Jubel ſchweigen,
Und ihre Regung nicht durch heiße Wuͤnſche zeigen?
Nein, Koͤnig, bin ich gleich dein allertiefſter Knecht,
Und klingt gleich dieſer Reim vor hundert andern ſchlecht;
Soll doch dein Gnadenblick aus dieſen Zeilen leſen,
Daß dieſer Tag auch mir ein Freuden-Tag geweſen.

Du kenneſt, Gnaͤdigſter, du kennſt das Ungemach,
So Neid und Eyfer mir nebſt ungemeßner Rach
Vor kurzen angedroht. Ein Winck von deinen Gnaden
Weiß mich im Augenblick des Kummers zu entladen.
Der Himmel liebe dich, wie du dein Sachſen liebſt,
Dem du das Leben itzt von neuem wieder giebſt,
Du muͤſſeſt neue Krafft in Geiſt und Gliedern ſpuͤren,
Und noch einmahl ſo lang als ſchon geſchehn, regieren.
Verſchmaͤhe dies Geſchenck von meinen Haͤnden nicht,
Und zeige mir forthin dein goͤttlich Angeſicht,
Mit gleicher Gnad und Huld, als ich bißher genoſſen;
So wird mein Gluͤcksbaum noch mit neuen Zweigen ſproſſen.
II. Schreiben
An Jhre Koͤnigl. Maj. in Pohlen und Churfuͤrſtl. Durchl.
zu Sachſen. 1729.
WArum entzeucht, o Herr! da Eis die Berge deckt,
Da Froſt und Reif und Schnee das ſtarre Land noch ſchreckt,
Warum entzeucht dich uns Sarmatiens Verlangen?
Was zwingt dich eben itzt die Reiſen anzufangen?
O Held, biſt du dein ſelbſt zu ſchonen nicht gewohnt;
So werde doch in dir der Sachſen Heyl geſchont!
Ach Vater! ſchone dein! So ſeufzet unſre Liebe,
So ruffet Land und Stadt mit Eintracht-vollem Triebe;
Verſehre durch den Froſt die zarten Schenckel nicht,
Und warte doch vielmehr, bis dich ein Fruͤhlings-Licht,
Auf Blumen, Gras und Laub zu deinem Volcke fuͤhret.
Ach Vater! ſchone dein! gantz Pohlen iſt geruͤhret,
Und ſorget vor dein Haupt. Es bittet vor dein Heil,
Und nahm nur neulich noch an deinen Schmertzen Theil,
Und ließ mit uns zugleich Gebet und Flehen ſchallen,
Als dich des Ubels Macht ſo hefftig angefallen.
Ach Vater! ſchone dein! Bewegt dich denn kein Flehn?
Muß deinen Gliedern denn durchaus Gewalt geſchehn?
Wie lange biſt du hart? Doch alles iſt verlohren,
Der Koͤnig hoͤrt uns nicht. Er eilt aus Dresdens Thoren,
Wo
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[444/0472] Des II Theils V Capitel Das dich gebohren hat. Herr, ſoll denn ich allein, Bey allgemeiner Luſt ein ſtummer Zeuge ſeyn? Soll meine Zunge nur bey dieſem Jubel ſchweigen, Und ihre Regung nicht durch heiße Wuͤnſche zeigen? Nein, Koͤnig, bin ich gleich dein allertiefſter Knecht, Und klingt gleich dieſer Reim vor hundert andern ſchlecht; Soll doch dein Gnadenblick aus dieſen Zeilen leſen, Daß dieſer Tag auch mir ein Freuden-Tag geweſen. Du kenneſt, Gnaͤdigſter, du kennſt das Ungemach, So Neid und Eyfer mir nebſt ungemeßner Rach Vor kurzen angedroht. Ein Winck von deinen Gnaden Weiß mich im Augenblick des Kummers zu entladen. Der Himmel liebe dich, wie du dein Sachſen liebſt, Dem du das Leben itzt von neuem wieder giebſt, Du muͤſſeſt neue Krafft in Geiſt und Gliedern ſpuͤren, Und noch einmahl ſo lang als ſchon geſchehn, regieren. Verſchmaͤhe dies Geſchenck von meinen Haͤnden nicht, Und zeige mir forthin dein goͤttlich Angeſicht, Mit gleicher Gnad und Huld, als ich bißher genoſſen; So wird mein Gluͤcksbaum noch mit neuen Zweigen ſproſſen. II. Schreiben An Jhre Koͤnigl. Maj. in Pohlen und Churfuͤrſtl. Durchl. zu Sachſen. 1729. WArum entzeucht, o Herr! da Eis die Berge deckt, Da Froſt und Reif und Schnee das ſtarre Land noch ſchreckt, Warum entzeucht dich uns Sarmatiens Verlangen? Was zwingt dich eben itzt die Reiſen anzufangen? O Held, biſt du dein ſelbſt zu ſchonen nicht gewohnt; So werde doch in dir der Sachſen Heyl geſchont! Ach Vater! ſchone dein! So ſeufzet unſre Liebe, So ruffet Land und Stadt mit Eintracht-vollem Triebe; Verſehre durch den Froſt die zarten Schenckel nicht, Und warte doch vielmehr, bis dich ein Fruͤhlings-Licht, Auf Blumen, Gras und Laub zu deinem Volcke fuͤhret. Ach Vater! ſchone dein! gantz Pohlen iſt geruͤhret, Und ſorget vor dein Haupt. Es bittet vor dein Heil, Und nahm nur neulich noch an deinen Schmertzen Theil, Und ließ mit uns zugleich Gebet und Flehen ſchallen, Als dich des Ubels Macht ſo hefftig angefallen. Ach Vater! ſchone dein! Bewegt dich denn kein Flehn? Muß deinen Gliedern denn durchaus Gewalt geſchehn? Wie lange biſt du hart? Doch alles iſt verlohren, Der Koͤnig hoͤrt uns nicht. Er eilt aus Dresdens Thoren, Wo

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Zitationshilfe: Gottsched, Johann Christoph: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. Leipzig, 1730, S. 444. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gottsched_versuch_1730/472>, abgerufen am 16.04.2021.