Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Gottsched, Johann Christoph: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. Leipzig, 1730.

Bild:
<< vorherige Seite

Von dogmatischen Poesien.

Und deines Schöpfers Macht, die dich so sehr erhoben
Und alles wohlgemacht, mit reger Seelen loben?

Vom Mißbrauch der Zeit
Auf Hn. M. Friedr. Otto Menckens Magister-
Promotion. 1725.
DJe Schatten-reiche Nacht, die der enschlafnen Welt,
Jn Träumen offtermahls was Wahres vorgestellt,
Umfieng mich neulich kaum mit ihren schwartzen Banden,
So war, wie mich bedünckt, ein Schrecken-Bild vorhanden,
Ein Bild, das meinem Geist sehr seltne Dinge wieß.
Ein Sturm, der mit Gewalt von Osten auf mich bließ,
Der Nebel, Staub und Dampf und Wolcken mit sich führte,
Und alles, was sein Hauch in freyer Lufft berührte,
Mit ungestümer Krafft zur Erden niederschlug;
Ein Sturm, dem auch so gar ein strenger Adler-Flug
Nicht unbezwinglich schien, erhub ein starckes Brausen.
Jch zitterte vor Angst, der Lüffte rauhes Sausen
Durchdrang mir Ohr und Hertz, das Schrecken nahm mich ein,
Es schien, ich sollte selbst ein Spiel der Winde seyn:
Die Füße wanckten mir, mir bebten alle Glieder,
Und der erstarrte Leib fiel endlich krafftloß nieder.
Mein Auge kehrte sich der Himmels-Gegend zu,
Woher der Sonnen-Ball nach überstandner Ruh,
Mit neuen Strahlen kommt, den Erdkreiß zu erquicken;
Und da war, unverhofft, was seltnes zu erblicken.
Jch sah und sah doch nicht; die Weite blendte mich,
Doch endlich näherte ein fernes Wesen sich.
Kein Strom kan je so schnell in engen Ufern fliessen;
Kein abgedrückter Pfeil kan so geschwinde schiessen;
Ein Wetter-Strahl ist kaum so schleunig von Natur;
Als dieses Cörpers Last auf leichten Lüfften fuhr.
Es schien, er würde bald den Augen kennbar werden;
Doch eh ich ihn noch sah, so sanck er schon zur Erden.
Der Boden schütterte von eines Riesen Fall,
Die starck bewegte Lufft gab einen lauten Schall,
Der Greis bewegte noch sein rauschendes Gefieder,
Die Flügel schwungen sich und fielen endlich nieder.
Mit ihren Regungen war auch der Sturm gestillt,
Und ich betrachtete diß ungewohnte Bild.
Sein finstrer Anblick war ein Zeuge vieler Jahre,
Das Haupt umgab der Schnee der langgewachsnen Haare,
Der Bart, der dem Gesicht ein scheußlich Ansehn gab,
Hieng zottigt und verwirrt bis auf die Brust herab.
Der
L l 3

Von dogmatiſchen Poeſien.

Und deines Schoͤpfers Macht, die dich ſo ſehr erhoben
Und alles wohlgemacht, mit reger Seelen loben?

Vom Mißbrauch der Zeit
Auf Hn. M. Friedr. Otto Menckens Magiſter-
Promotion. 1725.
DJe Schatten-reiche Nacht, die der enſchlafnen Welt,
Jn Traͤumen offtermahls was Wahres vorgeſtellt,
Umfieng mich neulich kaum mit ihren ſchwartzen Banden,
So war, wie mich beduͤnckt, ein Schrecken-Bild vorhanden,
Ein Bild, das meinem Geiſt ſehr ſeltne Dinge wieß.
Ein Sturm, der mit Gewalt von Oſten auf mich bließ,
Der Nebel, Staub und Dampf und Wolcken mit ſich fuͤhrte,
Und alles, was ſein Hauch in freyer Lufft beruͤhrte,
Mit ungeſtuͤmer Krafft zur Erden niederſchlug;
Ein Sturm, dem auch ſo gar ein ſtrenger Adler-Flug
Nicht unbezwinglich ſchien, erhub ein ſtarckes Brauſen.
Jch zitterte vor Angſt, der Luͤffte rauhes Sauſen
Durchdrang mir Ohr und Hertz, das Schrecken nahm mich ein,
Es ſchien, ich ſollte ſelbſt ein Spiel der Winde ſeyn:
Die Fuͤße wanckten mir, mir bebten alle Glieder,
Und der erſtarrte Leib fiel endlich krafftloß nieder.
Mein Auge kehrte ſich der Himmels-Gegend zu,
Woher der Sonnen-Ball nach uͤberſtandner Ruh,
Mit neuen Strahlen kommt, den Erdkreiß zu erquicken;
Und da war, unverhofft, was ſeltnes zu erblicken.
Jch ſah und ſah doch nicht; die Weite blendte mich,
Doch endlich naͤherte ein fernes Weſen ſich.
Kein Strom kan je ſo ſchnell in engen Ufern flieſſen;
Kein abgedruͤckter Pfeil kan ſo geſchwinde ſchieſſen;
Ein Wetter-Strahl iſt kaum ſo ſchleunig von Natur;
Als dieſes Coͤrpers Laſt auf leichten Luͤfften fuhr.
Es ſchien, er wuͤrde bald den Augen kennbar werden;
Doch eh ich ihn noch ſah, ſo ſanck er ſchon zur Erden.
Der Boden ſchuͤtterte von eines Rieſen Fall,
Die ſtarck bewegte Lufft gab einen lauten Schall,
Der Greis bewegte noch ſein rauſchendes Gefieder,
Die Fluͤgel ſchwungen ſich und fielen endlich nieder.
Mit ihren Regungen war auch der Sturm geſtillt,
Und ich betrachtete diß ungewohnte Bild.
Sein finſtrer Anblick war ein Zeuge vieler Jahre,
Das Haupt umgab der Schnee der langgewachſnen Haare,
Der Bart, der dem Geſicht ein ſcheußlich Anſehn gab,
Hieng zottigt und verwirrt bis auf die Bruſt herab.
Der
L l 3
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <lg type="poem">
              <lg n="49">
                <l>
                  <pb facs="#f0561" n="533"/>
                  <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#b">Von dogmati&#x017F;chen Poe&#x017F;ien.</hi> </fw>
                </l><lb/>
                <l>Und deines Scho&#x0364;pfers Macht, die dich &#x017F;o &#x017F;ehr erhoben</l><lb/>
                <l>Und alles wohlgemacht, mit reger Seelen loben?</l>
              </lg>
            </lg>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#b">Vom Mißbrauch der Zeit<lb/>
Auf Hn. <hi rendition="#aq">M.</hi> Friedr. Otto Menckens Magi&#x017F;ter-<lb/>
Promotion. 1725.</hi> </head><lb/>
            <lg type="poem">
              <lg n="50">
                <l><hi rendition="#in">D</hi>Je Schatten-reiche Nacht, die der en&#x017F;chlafnen Welt,</l><lb/>
                <l>Jn Tra&#x0364;umen offtermahls was Wahres vorge&#x017F;tellt,</l><lb/>
                <l>Umfieng mich neulich kaum mit ihren &#x017F;chwartzen Banden,</l><lb/>
                <l>So war, wie mich bedu&#x0364;nckt, ein Schrecken-Bild vorhanden,</l><lb/>
                <l>Ein Bild, das meinem Gei&#x017F;t &#x017F;ehr &#x017F;eltne Dinge wieß.</l><lb/>
                <l>Ein Sturm, der mit Gewalt von O&#x017F;ten auf mich bließ,</l><lb/>
                <l>Der Nebel, Staub und Dampf und Wolcken mit &#x017F;ich fu&#x0364;hrte,</l><lb/>
                <l>Und alles, was &#x017F;ein Hauch in freyer Lufft beru&#x0364;hrte,</l><lb/>
                <l>Mit unge&#x017F;tu&#x0364;mer Krafft zur Erden nieder&#x017F;chlug;</l><lb/>
                <l>Ein Sturm, dem auch &#x017F;o gar ein &#x017F;trenger Adler-Flug</l><lb/>
                <l>Nicht unbezwinglich &#x017F;chien, erhub ein &#x017F;tarckes Brau&#x017F;en.</l><lb/>
                <l>Jch zitterte vor Ang&#x017F;t, der Lu&#x0364;ffte rauhes Sau&#x017F;en</l><lb/>
                <l>Durchdrang mir Ohr und Hertz, das Schrecken nahm mich ein,</l><lb/>
                <l>Es &#x017F;chien, ich &#x017F;ollte &#x017F;elb&#x017F;t ein Spiel der Winde &#x017F;eyn:</l><lb/>
                <l>Die Fu&#x0364;ße wanckten mir, mir bebten alle Glieder,</l><lb/>
                <l>Und der er&#x017F;tarrte Leib fiel endlich krafftloß nieder.</l>
              </lg><lb/>
              <lg n="51">
                <l>Mein Auge kehrte &#x017F;ich der Himmels-Gegend zu,</l><lb/>
                <l>Woher der Sonnen-Ball nach u&#x0364;ber&#x017F;tandner Ruh,</l><lb/>
                <l>Mit neuen Strahlen kommt, den Erdkreiß zu erquicken;</l><lb/>
                <l>Und da war, unverhofft, was &#x017F;eltnes zu erblicken.</l><lb/>
                <l>Jch &#x017F;ah und &#x017F;ah doch nicht; die Weite blendte mich,</l><lb/>
                <l>Doch endlich na&#x0364;herte ein fernes We&#x017F;en &#x017F;ich.</l><lb/>
                <l>Kein Strom kan je &#x017F;o &#x017F;chnell in engen Ufern flie&#x017F;&#x017F;en;</l><lb/>
                <l>Kein abgedru&#x0364;ckter Pfeil kan &#x017F;o ge&#x017F;chwinde &#x017F;chie&#x017F;&#x017F;en;</l><lb/>
                <l>Ein Wetter-Strahl i&#x017F;t kaum &#x017F;o &#x017F;chleunig von Natur;</l><lb/>
                <l>Als die&#x017F;es Co&#x0364;rpers La&#x017F;t auf leichten Lu&#x0364;fften fuhr.</l><lb/>
                <l>Es &#x017F;chien, er wu&#x0364;rde bald den Augen kennbar werden;</l><lb/>
                <l>Doch eh ich ihn noch &#x017F;ah, &#x017F;o &#x017F;anck er &#x017F;chon zur Erden.</l>
              </lg><lb/>
              <lg n="52">
                <l>Der Boden &#x017F;chu&#x0364;tterte von eines Rie&#x017F;en Fall,</l><lb/>
                <l>Die &#x017F;tarck bewegte Lufft gab einen lauten Schall,</l><lb/>
                <l>Der Greis bewegte noch &#x017F;ein rau&#x017F;chendes Gefieder,</l><lb/>
                <l>Die Flu&#x0364;gel &#x017F;chwungen &#x017F;ich und fielen endlich nieder.</l><lb/>
                <l>Mit ihren Regungen war auch der Sturm ge&#x017F;tillt,</l><lb/>
                <l>Und ich betrachtete diß ungewohnte Bild.</l><lb/>
                <l>Sein fin&#x017F;trer Anblick war ein Zeuge vieler Jahre,</l><lb/>
                <l>Das Haupt umgab der Schnee der langgewach&#x017F;nen Haare,</l><lb/>
                <l>Der Bart, der dem Ge&#x017F;icht ein &#x017F;cheußlich An&#x017F;ehn gab,</l><lb/>
                <l>Hieng zottigt und verwirrt bis auf die Bru&#x017F;t herab.<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">L l 3</fw><fw place="bottom" type="catch">Der</fw><lb/></l>
              </lg>
            </lg>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[533/0561] Von dogmatiſchen Poeſien. Und deines Schoͤpfers Macht, die dich ſo ſehr erhoben Und alles wohlgemacht, mit reger Seelen loben? Vom Mißbrauch der Zeit Auf Hn. M. Friedr. Otto Menckens Magiſter- Promotion. 1725. DJe Schatten-reiche Nacht, die der enſchlafnen Welt, Jn Traͤumen offtermahls was Wahres vorgeſtellt, Umfieng mich neulich kaum mit ihren ſchwartzen Banden, So war, wie mich beduͤnckt, ein Schrecken-Bild vorhanden, Ein Bild, das meinem Geiſt ſehr ſeltne Dinge wieß. Ein Sturm, der mit Gewalt von Oſten auf mich bließ, Der Nebel, Staub und Dampf und Wolcken mit ſich fuͤhrte, Und alles, was ſein Hauch in freyer Lufft beruͤhrte, Mit ungeſtuͤmer Krafft zur Erden niederſchlug; Ein Sturm, dem auch ſo gar ein ſtrenger Adler-Flug Nicht unbezwinglich ſchien, erhub ein ſtarckes Brauſen. Jch zitterte vor Angſt, der Luͤffte rauhes Sauſen Durchdrang mir Ohr und Hertz, das Schrecken nahm mich ein, Es ſchien, ich ſollte ſelbſt ein Spiel der Winde ſeyn: Die Fuͤße wanckten mir, mir bebten alle Glieder, Und der erſtarrte Leib fiel endlich krafftloß nieder. Mein Auge kehrte ſich der Himmels-Gegend zu, Woher der Sonnen-Ball nach uͤberſtandner Ruh, Mit neuen Strahlen kommt, den Erdkreiß zu erquicken; Und da war, unverhofft, was ſeltnes zu erblicken. Jch ſah und ſah doch nicht; die Weite blendte mich, Doch endlich naͤherte ein fernes Weſen ſich. Kein Strom kan je ſo ſchnell in engen Ufern flieſſen; Kein abgedruͤckter Pfeil kan ſo geſchwinde ſchieſſen; Ein Wetter-Strahl iſt kaum ſo ſchleunig von Natur; Als dieſes Coͤrpers Laſt auf leichten Luͤfften fuhr. Es ſchien, er wuͤrde bald den Augen kennbar werden; Doch eh ich ihn noch ſah, ſo ſanck er ſchon zur Erden. Der Boden ſchuͤtterte von eines Rieſen Fall, Die ſtarck bewegte Lufft gab einen lauten Schall, Der Greis bewegte noch ſein rauſchendes Gefieder, Die Fluͤgel ſchwungen ſich und fielen endlich nieder. Mit ihren Regungen war auch der Sturm geſtillt, Und ich betrachtete diß ungewohnte Bild. Sein finſtrer Anblick war ein Zeuge vieler Jahre, Das Haupt umgab der Schnee der langgewachſnen Haare, Der Bart, der dem Geſicht ein ſcheußlich Anſehn gab, Hieng zottigt und verwirrt bis auf die Bruſt herab. Der L l 3

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/gottsched_versuch_1730
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/gottsched_versuch_1730/561
Zitationshilfe: Gottsched, Johann Christoph: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. Leipzig, 1730, S. 533. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gottsched_versuch_1730/561>, abgerufen am 16.04.2021.