[Gutzkow, Karl]: Briefe eines Narren an eine Närrin. Hamburg, 1832.furt schon die Kinder im Mutterleibe nicht mehr verschont blieben, wird hinter Landsberg, wo es schon ins Polnische geht, durch unsern feinen Vorschub die Nachricht daraus: "Man hat: noch ist Polen nicht verloren gesungen"! Herr Spieker, Sie sind entsetzlich! in einer Nacht können Sie dem preußischen Staate das Garaus machen. Ist es Ihnen wirklich nur um die schnelle Beförderung der Nachrichten zu thun, so adressir' ich Sie an meine liebenswürdige Freundin. Zwar ist sie weit entfernt, in ihr Glaubensbekenntniß die politischen Gesinnungen Ew. Herrlichkeit aufgenommen zu haben, doch besitzt sie so viel redlichen und rechtlichen Sinn, daß sie nur das wiedergeben würde, was ihr Ohr vernommen, ihr Auge gesehen hat. Ich bin da nicht so; aus Liebe zur Wahrheit gehör' ich zur Opposition, und weil ich zur Opposition gehöre, halt' ich seinen absichtlichen Irrthum für zulässig. Man braucht kein Jesuit zu sein, und kann doch von dem Satze ausgehen, daß der Zweck die Mittel heilige. Sie erlauben mir, diesen Gegenstand etwas zu verfolgen. In Wien gibt es ein Bild, wo der Wolf den Gänsen predigt; das ist lächerlich: ebenso kenn' ich einen Kupferstich von dem genialen Disteli, wo ein Has zum Fuchs zur Beichte kommt. Aber furt schon die Kinder im Mutterleibe nicht mehr verschont blieben, wird hinter Landsberg, wo es schon ins Polnische geht, durch unsern feinen Vorschub die Nachricht daraus: "Man hat: noch ist Polen nicht verloren gesungen"! Herr Spieker, Sie sind entsetzlich! in einer Nacht können Sie dem preußischen Staate das Garaus machen. Ist es Ihnen wirklich nur um die schnelle Beförderung der Nachrichten zu thun, so adressir’ ich Sie an meine liebenswürdige Freundin. Zwar ist sie weit entfernt, in ihr Glaubensbekenntniß die politischen Gesinnungen Ew. Herrlichkeit aufgenommen zu haben, doch besitzt sie so viel redlichen und rechtlichen Sinn, daß sie nur das wiedergeben würde, was ihr Ohr vernommen, ihr Auge gesehen hat. Ich bin da nicht so; aus Liebe zur Wahrheit gehör’ ich zur Opposition, und weil ich zur Opposition gehöre, halt’ ich seinen absichtlichen Irrthum für zulässig. Man braucht kein Jesuit zu sein, und kann doch von dem Satze ausgehen, daß der Zweck die Mittel heilige. Sie erlauben mir, diesen Gegenstand etwas zu verfolgen. In Wien gibt es ein Bild, wo der Wolf den Gänsen predigt; das ist lächerlich: ebenso kenn’ ich einen Kupferstich von dem genialen Disteli, wo ein Has zum Fuchs zur Beichte kommt. Aber <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0199" n="186"/> furt schon die Kinder im Mutterleibe nicht mehr verschont blieben, wird hinter Landsberg, wo es schon ins Polnische geht, durch unsern feinen Vorschub die Nachricht daraus: "Man hat: <hi rendition="#g">noch ist Polen nicht verloren</hi> gesungen"!</p> <p>Herr Spieker, Sie sind entsetzlich! in einer Nacht können Sie dem preußischen Staate das Garaus machen. Ist es Ihnen wirklich nur um die schnelle Beförderung der Nachrichten zu thun, so adressir’ ich Sie an meine liebenswürdige Freundin. Zwar ist sie weit entfernt, in ihr Glaubensbekenntniß die politischen Gesinnungen Ew. Herrlichkeit aufgenommen zu haben, doch besitzt sie so viel redlichen und rechtlichen Sinn, daß sie nur das wiedergeben würde, was ihr Ohr vernommen, ihr Auge gesehen hat. Ich bin da nicht so; aus Liebe zur Wahrheit gehör’ ich zur Opposition, und weil ich zur Opposition gehöre, halt’ ich seinen absichtlichen Irrthum für zulässig. Man braucht kein Jesuit zu sein, und kann doch von dem Satze ausgehen, daß der Zweck die Mittel heilige. Sie erlauben mir, diesen Gegenstand etwas zu verfolgen.</p> <p>In Wien gibt es ein Bild, wo der Wolf den Gänsen predigt; das ist lächerlich: ebenso kenn’ ich einen Kupferstich von dem genialen Disteli, wo ein Has zum Fuchs zur Beichte kommt. Aber </p> </div> </body> </text> </TEI> [186/0199]
furt schon die Kinder im Mutterleibe nicht mehr verschont blieben, wird hinter Landsberg, wo es schon ins Polnische geht, durch unsern feinen Vorschub die Nachricht daraus: "Man hat: noch ist Polen nicht verloren gesungen"!
Herr Spieker, Sie sind entsetzlich! in einer Nacht können Sie dem preußischen Staate das Garaus machen. Ist es Ihnen wirklich nur um die schnelle Beförderung der Nachrichten zu thun, so adressir’ ich Sie an meine liebenswürdige Freundin. Zwar ist sie weit entfernt, in ihr Glaubensbekenntniß die politischen Gesinnungen Ew. Herrlichkeit aufgenommen zu haben, doch besitzt sie so viel redlichen und rechtlichen Sinn, daß sie nur das wiedergeben würde, was ihr Ohr vernommen, ihr Auge gesehen hat. Ich bin da nicht so; aus Liebe zur Wahrheit gehör’ ich zur Opposition, und weil ich zur Opposition gehöre, halt’ ich seinen absichtlichen Irrthum für zulässig. Man braucht kein Jesuit zu sein, und kann doch von dem Satze ausgehen, daß der Zweck die Mittel heilige. Sie erlauben mir, diesen Gegenstand etwas zu verfolgen.
In Wien gibt es ein Bild, wo der Wolf den Gänsen predigt; das ist lächerlich: ebenso kenn’ ich einen Kupferstich von dem genialen Disteli, wo ein Has zum Fuchs zur Beichte kommt. Aber
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| Zitationshilfe: | [Gutzkow, Karl]: Briefe eines Narren an eine Närrin. Hamburg, 1832, S. 186. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gutzkow_narren_1832/199>, abgerufen am 25.09.2024. |


