[Gutzkow, Karl]: Briefe eines Narren an eine Närrin. Hamburg, 1832.am meisten ihr eigenes Gegentheil. Welch kindliche Thorheit der Deutschen, die in dicken Bänden noch immer die Zulässigkeit der Nothlüge bezweifeln! Wenn die polnischen Unterofficiere im Beginn der Revolution nicht dadurch ihren Muth bewiesen hätten, daß sie auszusprengen wagten, all' ihre Cameraden würden von den russischen Regimentern niedergemetzelt, würde dann noch die Geschichte unserer Zeit Wunder haben aufweisen können? Und Du, Geliebte, wolltest ohne Falsch die Wünsche einer Partei erfüllen, die Dich höhnen wird, wenn sie Dich benutzt hat? Du wolltest so ganz Himmel und Tugend sein, um Andere ihr höllisches Spiel mit Dir treiben zu lassen? Darum sollte die Wahrheit Anstand nehmen, in die irdischen Wohnungen und Herzen herabzusteigen, und ihrer Gegner Gestalt und Farbe anzunehmen, damit ihr hier unten nichts bliebe, als gestoßen und geschunden zu werden, und darauf ihre Hoffnung zu richten, daß einst das Gute belohnt und das Böse bestraft werde? Nein, Freundin, bei jenem tödtlichen Hasse, den Du mir einst bei den Altären der Hausgötter gegen die Römer hast schwören müssen, an meiner Seite wirst Du streiten, keinen Fuß weiter treten, den ich mit meinem rauchenden Stahle nicht erobert hätte, mit ihm nicht behaupten könnte! Siehe, um meine am meisten ihr eigenes Gegentheil. Welch kindliche Thorheit der Deutschen, die in dicken Bänden noch immer die Zulässigkeit der Nothlüge bezweifeln! Wenn die polnischen Unterofficiere im Beginn der Revolution nicht dadurch ihren Muth bewiesen hätten, daß sie auszusprengen wagten, all’ ihre Cameraden würden von den russischen Regimentern niedergemetzelt, würde dann noch die Geschichte unserer Zeit Wunder haben aufweisen können? Und Du, Geliebte, wolltest ohne Falsch die Wünsche einer Partei erfüllen, die Dich höhnen wird, wenn sie Dich benutzt hat? Du wolltest so ganz Himmel und Tugend sein, um Andere ihr höllisches Spiel mit Dir treiben zu lassen? Darum sollte die Wahrheit Anstand nehmen, in die irdischen Wohnungen und Herzen herabzusteigen, und ihrer Gegner Gestalt und Farbe anzunehmen, damit ihr hier unten nichts bliebe, als gestoßen und geschunden zu werden, und darauf ihre Hoffnung zu richten, daß einst das Gute belohnt und das Böse bestraft werde? Nein, Freundin, bei jenem tödtlichen Hasse, den Du mir einst bei den Altären der Hausgötter gegen die Römer hast schwören müssen, an meiner Seite wirst Du streiten, keinen Fuß weiter treten, den ich mit meinem rauchenden Stahle nicht erobert hätte, mit ihm nicht behaupten könnte! Siehe, um meine <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0201" n="188"/> am meisten ihr eigenes Gegentheil. Welch kindliche Thorheit der Deutschen, die in dicken Bänden noch immer die Zulässigkeit der Nothlüge bezweifeln! Wenn die polnischen Unterofficiere im Beginn der Revolution nicht dadurch ihren Muth bewiesen hätten, daß sie auszusprengen wagten, all’ ihre Cameraden würden von den russischen Regimentern niedergemetzelt, würde dann noch die Geschichte unserer Zeit Wunder haben aufweisen können? Und Du, Geliebte, wolltest ohne Falsch die Wünsche einer Partei erfüllen, die Dich höhnen wird, wenn sie Dich benutzt hat? Du wolltest so ganz Himmel und Tugend sein, um Andere ihr höllisches Spiel mit Dir treiben zu lassen? Darum sollte die Wahrheit Anstand nehmen, in die irdischen Wohnungen und Herzen herabzusteigen, und ihrer Gegner Gestalt und Farbe anzunehmen, damit ihr hier unten nichts bliebe, als gestoßen und geschunden zu werden, und darauf ihre Hoffnung zu richten, daß einst das Gute belohnt und das Böse bestraft werde? Nein, Freundin, bei jenem tödtlichen Hasse, den Du mir einst bei den Altären der Hausgötter gegen die Römer hast schwören müssen, an meiner Seite wirst Du streiten, keinen Fuß weiter treten, den ich mit meinem rauchenden Stahle nicht erobert hätte, mit ihm nicht behaupten könnte! Siehe, um meine </p> </div> </body> </text> </TEI> [188/0201]
am meisten ihr eigenes Gegentheil. Welch kindliche Thorheit der Deutschen, die in dicken Bänden noch immer die Zulässigkeit der Nothlüge bezweifeln! Wenn die polnischen Unterofficiere im Beginn der Revolution nicht dadurch ihren Muth bewiesen hätten, daß sie auszusprengen wagten, all’ ihre Cameraden würden von den russischen Regimentern niedergemetzelt, würde dann noch die Geschichte unserer Zeit Wunder haben aufweisen können? Und Du, Geliebte, wolltest ohne Falsch die Wünsche einer Partei erfüllen, die Dich höhnen wird, wenn sie Dich benutzt hat? Du wolltest so ganz Himmel und Tugend sein, um Andere ihr höllisches Spiel mit Dir treiben zu lassen? Darum sollte die Wahrheit Anstand nehmen, in die irdischen Wohnungen und Herzen herabzusteigen, und ihrer Gegner Gestalt und Farbe anzunehmen, damit ihr hier unten nichts bliebe, als gestoßen und geschunden zu werden, und darauf ihre Hoffnung zu richten, daß einst das Gute belohnt und das Böse bestraft werde? Nein, Freundin, bei jenem tödtlichen Hasse, den Du mir einst bei den Altären der Hausgötter gegen die Römer hast schwören müssen, an meiner Seite wirst Du streiten, keinen Fuß weiter treten, den ich mit meinem rauchenden Stahle nicht erobert hätte, mit ihm nicht behaupten könnte! Siehe, um meine
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| Zitationshilfe: | [Gutzkow, Karl]: Briefe eines Narren an eine Närrin. Hamburg, 1832, S. 188. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gutzkow_narren_1832/201>, abgerufen am 25.09.2024. |


