[Gutzkow, Karl]: Briefe eines Narren an eine Närrin. Hamburg, 1832.Buch kauft, und morgen das befolgen muß, was es darin gelesen hat. Es will Anklänge an den Augenblick, doch es scheut sich, sich wieder mitten in den leidenschaftlichen Kampf der Parteien versetzt zu sehen. Es will Ernst als Scherz vorgetragen wissen. Wer nun in der That die Kunst besitzt, durch irgend eine untergelegte Diction, etwa daß er einen Narren an eine Närrin Briefe schreiben ließe, seine Stellung zu den Parteien nur versteckt durch den Schleier des Indifferentismus anzudeuten, der mag sich schmeicheln, hier und da seinen freundlichen Leser zu finden. Aber unnatürlich bleibt darum doch dieses Verhältniß, und beweist, wie weit wir die Franzosen im Leichtsinn übertroffen haben. Der Leser hebt sich lachend von seinem Morgensitze, verläßt sein Neglige, wirft den Amtsrock über die Schulter und officielle Falten ins Gesicht, und kaum auf seinem Beamtensessel, gewöhnlich einem Schraubstuhle, angelangt, decretirt er dem vorher so liebenswürdigen Autor ein Halseisen--des Princips wegen. Unsere Zeit ist zum Märtyrerthum nicht mehr gemacht. Wenn es zwar an treuen Seelen nicht fehlen möchte, die sich gern für die erkannte Wahrheit hingäben, so fehlt den Gegnern doch der Muth, durch offene Gewaltthat die Partei zu reizen und ihren Willen mit Leidenschaft durchzu- Buch kauft, und morgen das befolgen muß, was es darin gelesen hat. Es will Anklänge an den Augenblick, doch es scheut sich, sich wieder mitten in den leidenschaftlichen Kampf der Parteien versetzt zu sehen. Es will Ernst als Scherz vorgetragen wissen. Wer nun in der That die Kunst besitzt, durch irgend eine untergelegte Diction, etwa daß er einen Narren an eine Närrin Briefe schreiben ließe, seine Stellung zu den Parteien nur versteckt durch den Schleier des Indifferentismus anzudeuten, der mag sich schmeicheln, hier und da seinen freundlichen Leser zu finden. Aber unnatürlich bleibt darum doch dieses Verhältniß, und beweist, wie weit wir die Franzosen im Leichtsinn übertroffen haben. Der Leser hebt sich lachend von seinem Morgensitze, verläßt sein Negligé, wirft den Amtsrock über die Schulter und officielle Falten ins Gesicht, und kaum auf seinem Beamtensessel, gewöhnlich einem Schraubstuhle, angelangt, decretirt er dem vorher so liebenswürdigen Autor ein Halseisen—des Princips wegen. Unsere Zeit ist zum Märtyrerthum nicht mehr gemacht. Wenn es zwar an treuen Seelen nicht fehlen möchte, die sich gern für die erkannte Wahrheit hingäben, so fehlt den Gegnern doch der Muth, durch offene Gewaltthat die Partei zu reizen und ihren Willen mit Leidenschaft durchzu- <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0053" n="40"/> Buch kauft, und morgen das befolgen muß, was es darin gelesen hat. Es will Anklänge an den Augenblick, doch es scheut sich, sich wieder mitten in den leidenschaftlichen Kampf der Parteien versetzt zu sehen. Es will Ernst als Scherz vorgetragen wissen. Wer nun in der That die Kunst besitzt, durch irgend eine untergelegte Diction, etwa daß er einen Narren an eine Närrin Briefe schreiben ließe, seine Stellung zu den Parteien nur versteckt durch den Schleier des Indifferentismus anzudeuten, der mag sich schmeicheln, hier und da seinen freundlichen Leser zu finden. Aber unnatürlich bleibt darum doch dieses Verhältniß, und beweist, wie weit wir die Franzosen im Leichtsinn übertroffen haben. Der Leser hebt sich lachend von seinem Morgensitze, verläßt sein Negligé, wirft den Amtsrock über die Schulter und officielle Falten ins Gesicht, und kaum auf seinem Beamtensessel, gewöhnlich einem Schraubstuhle, angelangt, <ref xml:id="TEXTdecretirtBISHalseisen" target="BrN3E.htm#ERLdecretirtBISHalseisen">decretirt er dem vorher so liebenswürdigen Autor ein Halseisen</ref>—des Princips wegen.</p> <p>Unsere Zeit ist zum Märtyrerthum nicht mehr gemacht. Wenn es zwar an treuen Seelen nicht fehlen möchte, die sich gern für die erkannte Wahrheit hingäben, so fehlt den Gegnern doch der Muth, durch offene Gewaltthat die Partei zu reizen und ihren Willen mit Leidenschaft durchzu- </p> </div> </body> </text> </TEI> [40/0053]
Buch kauft, und morgen das befolgen muß, was es darin gelesen hat. Es will Anklänge an den Augenblick, doch es scheut sich, sich wieder mitten in den leidenschaftlichen Kampf der Parteien versetzt zu sehen. Es will Ernst als Scherz vorgetragen wissen. Wer nun in der That die Kunst besitzt, durch irgend eine untergelegte Diction, etwa daß er einen Narren an eine Närrin Briefe schreiben ließe, seine Stellung zu den Parteien nur versteckt durch den Schleier des Indifferentismus anzudeuten, der mag sich schmeicheln, hier und da seinen freundlichen Leser zu finden. Aber unnatürlich bleibt darum doch dieses Verhältniß, und beweist, wie weit wir die Franzosen im Leichtsinn übertroffen haben. Der Leser hebt sich lachend von seinem Morgensitze, verläßt sein Negligé, wirft den Amtsrock über die Schulter und officielle Falten ins Gesicht, und kaum auf seinem Beamtensessel, gewöhnlich einem Schraubstuhle, angelangt, decretirt er dem vorher so liebenswürdigen Autor ein Halseisen—des Princips wegen.
Unsere Zeit ist zum Märtyrerthum nicht mehr gemacht. Wenn es zwar an treuen Seelen nicht fehlen möchte, die sich gern für die erkannte Wahrheit hingäben, so fehlt den Gegnern doch der Muth, durch offene Gewaltthat die Partei zu reizen und ihren Willen mit Leidenschaft durchzu-
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| Zitationshilfe: | [Gutzkow, Karl]: Briefe eines Narren an eine Närrin. Hamburg, 1832, S. 40. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gutzkow_narren_1832/53>, abgerufen am 26.09.2024. |


