[Gutzkow, Karl]: Briefe eines Narren an eine Närrin. Hamburg, 1832.Augen der Gewalthaber weggeschafft. Nun aber ergriff mich jene große Frage, die ich mich erinnere, in einem Briefe an Dich einmal früher angedeutet zu haben, über das Poetische im Liberalismus, ob der Hahn die Lilien aufwiege. Die Lehre, daß die Poesie nur im Sonnenglanze des Königthums blühe, ist alt, aber welcher Irrthum ist nicht alt! Gellert und Gleim sind freilich auch Leute. Dieser wäre nichts gewesen, ohne die siebenjährigen Thaten eines königlichen Helden, Jener wurde Alles durch den bekannten Gaul, in dem nur ein später gebornes Geschlecht, das da lacht, wo die Alten gerührt weinten, Ironie sehen konnte. Homer scheint uns Nichts ohne die edlen Geschlechter des Landes, Ossian Nichts ohne Fingal, Tasso's Leiden sehr wenig ohne den Florentinischen Hof; was ist die ganze deutsche Literatur ohne das Großherzogthum Sachsen-Weimar-Eisenach! Das Ringen dieser Zeit nach Freiheit scheint uns eine nackte, todte Abstraction und eine zu weite Entfernung vom Ziele unserer Illusionen, obschon wir damit nicht sagen wollen, daß wir mitten in der Poesie des Lebens sitzen. Wir freuen uns nur dann des Lebens, wenn wir seine Erscheinungen zu Gegenständen unserer Reflexion machen können. Wir sprechen weniger von Wundern, Thaten, Begebenheiten, als von den Versen Augen der Gewalthaber weggeschafft. Nun aber ergriff mich jene große Frage, die ich mich erinnere, in einem Briefe an Dich einmal früher angedeutet zu haben, über das Poetische im Liberalismus, ob der Hahn die Lilien aufwiege. Die Lehre, daß die Poesie nur im Sonnenglanze des Königthums blühe, ist alt, aber welcher Irrthum ist nicht alt! Gellert und Gleim sind freilich auch Leute. Dieser wäre nichts gewesen, ohne die siebenjährigen Thaten eines königlichen Helden, Jener wurde Alles durch den bekannten Gaul, in dem nur ein später gebornes Geschlecht, das da lacht, wo die Alten gerührt weinten, Ironie sehen konnte. Homer scheint uns Nichts ohne die edlen Geschlechter des Landes, Ossian Nichts ohne Fingal, Tasso’s Leiden sehr wenig ohne den Florentinischen Hof; was ist die ganze deutsche Literatur ohne das Großherzogthum Sachsen-Weimar-Eisenach! Das Ringen dieser Zeit nach Freiheit scheint uns eine nackte, todte Abstraction und eine zu weite Entfernung vom Ziele unserer Illusionen, obschon wir damit nicht sagen wollen, daß wir mitten in der Poesie des Lebens sitzen. Wir freuen uns nur dann des Lebens, wenn wir seine Erscheinungen zu Gegenständen unserer Reflexion machen können. Wir sprechen weniger von Wundern, Thaten, Begebenheiten, als von den Versen <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0061" n="48"/> Augen der Gewalthaber weggeschafft. Nun aber ergriff mich jene große Frage, die ich mich erinnere, in einem Briefe an Dich einmal früher angedeutet zu haben, über das Poetische im Liberalismus, <ref xml:id="TEXTobderHahnBISaufwiege" target="BrN4E.htm#ERLobderHahnBISaufwiege">ob der Hahn die Lilien aufwiege</ref>.</p> <p>Die Lehre, daß die Poesie nur im Sonnenglanze des Königthums blühe, ist alt, aber welcher Irrthum ist nicht alt! Gellert und Gleim sind freilich auch Leute. <ref xml:id="TEXTDieserwaereBISkoeniglichenHelden" target="BrN4E.htm#ERLDieserwaereBISkoeniglichenHelden">Dieser wäre nichts gewesen, ohne die siebenjährigen Thaten eines königlichen Helden</ref>, <ref xml:id="TEXTJenerwurdeAllesBISGaul" target="BrN4E.htm#ERLJenerwurdeAllesBISGaul">Jener wurde Alles durch den bekannten Gaul</ref>, in dem nur ein später gebornes Geschlecht, das da lacht, wo die Alten gerührt weinten, Ironie sehen konnte. Homer scheint uns Nichts ohne die edlen Geschlechter des Landes, <ref xml:id="TEXTOssianNichtsohneFingal" target="BrN4E.htm#ERLOssianNichtsohneFingal">Ossian Nichts ohne Fingal</ref>, Tasso’s Leiden sehr wenig ohne den Florentinischen Hof; <ref xml:id="TEXTwasistdieganzeBISEisenach" target="BrN4E.htm#ERLwasistdieganzeBISEisenach">was ist die ganze deutsche Literatur ohne das Großherzogthum Sachsen-Weimar-Eisenach!</ref> Das Ringen dieser Zeit nach Freiheit scheint uns eine nackte, todte Abstraction und eine zu weite Entfernung vom Ziele unserer Illusionen, obschon wir damit nicht sagen wollen, daß wir mitten in der Poesie des Lebens sitzen. Wir freuen uns nur dann des Lebens, wenn wir seine Erscheinungen zu Gegenständen unserer Reflexion machen können. Wir sprechen weniger von Wundern, Thaten, Begebenheiten, als von den Versen </p> </div> </body> </text> </TEI> [48/0061]
Augen der Gewalthaber weggeschafft. Nun aber ergriff mich jene große Frage, die ich mich erinnere, in einem Briefe an Dich einmal früher angedeutet zu haben, über das Poetische im Liberalismus, ob der Hahn die Lilien aufwiege.
Die Lehre, daß die Poesie nur im Sonnenglanze des Königthums blühe, ist alt, aber welcher Irrthum ist nicht alt! Gellert und Gleim sind freilich auch Leute. Dieser wäre nichts gewesen, ohne die siebenjährigen Thaten eines königlichen Helden, Jener wurde Alles durch den bekannten Gaul, in dem nur ein später gebornes Geschlecht, das da lacht, wo die Alten gerührt weinten, Ironie sehen konnte. Homer scheint uns Nichts ohne die edlen Geschlechter des Landes, Ossian Nichts ohne Fingal, Tasso’s Leiden sehr wenig ohne den Florentinischen Hof; was ist die ganze deutsche Literatur ohne das Großherzogthum Sachsen-Weimar-Eisenach! Das Ringen dieser Zeit nach Freiheit scheint uns eine nackte, todte Abstraction und eine zu weite Entfernung vom Ziele unserer Illusionen, obschon wir damit nicht sagen wollen, daß wir mitten in der Poesie des Lebens sitzen. Wir freuen uns nur dann des Lebens, wenn wir seine Erscheinungen zu Gegenständen unserer Reflexion machen können. Wir sprechen weniger von Wundern, Thaten, Begebenheiten, als von den Versen
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| Zitationshilfe: | [Gutzkow, Karl]: Briefe eines Narren an eine Närrin. Hamburg, 1832, S. 48. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gutzkow_narren_1832/61>, abgerufen am 26.09.2024. |


