[Gutzkow, Karl]: Briefe eines Narren an eine Närrin. Hamburg, 1832.ohne ihn zu lieben. Jener ist für mich mehr Person, dieser mehr Begebenheit. Wenn die Zeit, in welche die Blüthe dieser beiden Männer fiel, nicht noch so reiche Beziehung auf die Interessen der Gegenwart hätte, so würde sich das Maß ihrer Schätzung in dem billigsten Urtheile auflösen. Aber noch mehr! sie verschmähen diesen Ausweg einer Versöhnung. Obschon sie Kinder ihrer Zeit waren, wollten sie doch höher stehen als sie, und brachen hochmüthig genug den Stab über ihre Zeitgenossen. Sie glaubten, in Jahrhunderten zu leben, die erst kommen würden, das war eine Thorheit. Wenn sie ihre Zeit verdammten, weil sie nicht jede Begegnung zu einer Begrüßung, jede Begrüßung zur Weihe eines Ehrenkranzes machte, so war dies lächerliche Eitelkeit. Nicht wahr, Du kluges Weib, Du wirst den Irrthum einer versalzenen Suppe gegen Deine Mägde mit Nachdruck berichtigen, Dich aber nie deshalb aus Deinem Hause heraus wünschen? Hat in der That ein Luther für unser Jahrhundert gelebt, ein Cäsar Schlachten gewonnen, um in der Zeit der Völkerwanderung seine Triumphzüge zu feiern? In Berlin gibt es einen berühmten Mann, Namens F. Förster, der die Kunst versteht, das Todte lebendig zu machen. In Erwartung des ohne ihn zu lieben. Jener ist für mich mehr Person, dieser mehr Begebenheit. Wenn die Zeit, in welche die Blüthe dieser beiden Männer fiel, nicht noch so reiche Beziehung auf die Interessen der Gegenwart hätte, so würde sich das Maß ihrer Schätzung in dem billigsten Urtheile auflösen. Aber noch mehr! sie verschmähen diesen Ausweg einer Versöhnung. Obschon sie Kinder ihrer Zeit waren, wollten sie doch höher stehen als sie, und brachen hochmüthig genug den Stab über ihre Zeitgenossen. Sie glaubten, in Jahrhunderten zu leben, die erst kommen würden, das war eine Thorheit. Wenn sie ihre Zeit verdammten, weil sie nicht jede Begegnung zu einer Begrüßung, jede Begrüßung zur Weihe eines Ehrenkranzes machte, so war dies lächerliche Eitelkeit. Nicht wahr, Du kluges Weib, Du wirst den Irrthum einer versalzenen Suppe gegen Deine Mägde mit Nachdruck berichtigen, Dich aber nie deshalb aus Deinem Hause heraus wünschen? Hat in der That ein Luther für unser Jahrhundert gelebt, ein Cäsar Schlachten gewonnen, um in der Zeit der Völkerwanderung seine Triumphzüge zu feiern? In Berlin gibt es einen berühmten Mann, Namens F. Förster, der die Kunst versteht, das Todte lebendig zu machen. In Erwartung des <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><ref xml:id="TEXTDerGeistBISmehrBegegebenheit" target="BrN4E.htm#ERLDerGeistBISmehrBegegebenheit"><pb facs="#f0069" n="56"/> ohne ihn zu lieben. Jener ist für mich mehr Person, dieser mehr Begebenheit</ref>.</p> <p>Wenn die Zeit, in welche die Blüthe dieser beiden Männer fiel, nicht noch so reiche Beziehung auf die Interessen der Gegenwart hätte, so würde sich das Maß ihrer Schätzung in dem billigsten Urtheile auflösen. Aber noch mehr! sie verschmähen diesen Ausweg einer Versöhnung. Obschon sie Kinder ihrer Zeit waren, wollten sie doch höher stehen als sie, und brachen hochmüthig genug den Stab über ihre Zeitgenossen. Sie glaubten, in Jahrhunderten zu leben, die erst kommen würden, das war eine Thorheit. Wenn sie ihre Zeit verdammten, weil sie nicht jede Begegnung zu einer Begrüßung, jede Begrüßung zur Weihe eines Ehrenkranzes machte, so war dies lächerliche Eitelkeit. Nicht wahr, Du kluges Weib, Du wirst den Irrthum einer versalzenen Suppe gegen Deine Mägde mit Nachdruck berichtigen, Dich aber nie deshalb aus Deinem Hause heraus wünschen? Hat in der That ein Luther für unser Jahrhundert gelebt, ein Cäsar Schlachten gewonnen, um in der Zeit der Völkerwanderung seine Triumphzüge zu feiern?</p> <p>In Berlin gibt es einen berühmten Mann, Namens <ref xml:id="TEXTFFoersterBISzumachen" target="BrN4E.htm#ERLFFoersterBISzumachen">F. Förster, der die Kunst versteht, das Todte lebendig zu machen</ref>. In Erwartung des </p> </div> </body> </text> </TEI> [56/0069]
ohne ihn zu lieben. Jener ist für mich mehr Person, dieser mehr Begebenheit.
Wenn die Zeit, in welche die Blüthe dieser beiden Männer fiel, nicht noch so reiche Beziehung auf die Interessen der Gegenwart hätte, so würde sich das Maß ihrer Schätzung in dem billigsten Urtheile auflösen. Aber noch mehr! sie verschmähen diesen Ausweg einer Versöhnung. Obschon sie Kinder ihrer Zeit waren, wollten sie doch höher stehen als sie, und brachen hochmüthig genug den Stab über ihre Zeitgenossen. Sie glaubten, in Jahrhunderten zu leben, die erst kommen würden, das war eine Thorheit. Wenn sie ihre Zeit verdammten, weil sie nicht jede Begegnung zu einer Begrüßung, jede Begrüßung zur Weihe eines Ehrenkranzes machte, so war dies lächerliche Eitelkeit. Nicht wahr, Du kluges Weib, Du wirst den Irrthum einer versalzenen Suppe gegen Deine Mägde mit Nachdruck berichtigen, Dich aber nie deshalb aus Deinem Hause heraus wünschen? Hat in der That ein Luther für unser Jahrhundert gelebt, ein Cäsar Schlachten gewonnen, um in der Zeit der Völkerwanderung seine Triumphzüge zu feiern?
In Berlin gibt es einen berühmten Mann, Namens F. Förster, der die Kunst versteht, das Todte lebendig zu machen. In Erwartung des
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| Zitationshilfe: | [Gutzkow, Karl]: Briefe eines Narren an eine Närrin. Hamburg, 1832, S. 56. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gutzkow_narren_1832/69>, abgerufen am 26.09.2024. |


