Gutzkow, Karl: Die neuen Serapionsbrüder. Bd. 3. Breslau, 1877.nicht beschwören? Wen betrügt man denn? Herr Gott im Himmel, wen anders als den Zeitgeist, diesen dummen, abgeschmackten, lächerlichen Popanz! Sieh', sieh', sieh'! sagte Wolny ironisch. So beurtheilen Sie jetzt Ihren alten Busenfreund? Aber zur Sache! sprach er dann ernster. Sie wollen, wie ich verstehe, noch einen Betrug mehr auf den alten setzen! Das ist ja herrlich ersonnen! Und wohlwollende Richter, wie deren in Amerika für Geld und gute Worte zu haben sind, sollen auch dem Publikum das erwünschte Gesicht machen und es anfahren: Was beliebt? Was wünschen Sie? Nein, Lieber, soweit sind wir noch nicht. Wie gesagt: Ich liebe den aufs Aeußerste getriebenen "Kampf um's Recht" gar nicht. Unrecht dulden ist zuweilen etwas außerordentlich Edles. Aber jetzt - jetzt lasse ich mich auf keine Durchstechereien ein -! Ich wüßte auch gar nicht, warum? Etwa um Rabe, meinen Stiefsohn? Sie, lieber Ehlerdt, verfolgen ja wohl lieber die politische Carriere! Ehlerdt überhörte diese Bemerkung und suchte Wolny durch Erinnerung an seine Verwandtschaftsverhältnisse zu Rabe zu rühren. O sähen Sie Rabe jetzt -! Die Natur hat ihm eine furchtbare Nemesis gegeben! Er ist gestraft für seinen Muttermord, wenn er diesen vollzog! Immer nicht beschwören? Wen betrügt man denn? Herr Gott im Himmel, wen anders als den Zeitgeist, diesen dummen, abgeschmackten, lächerlichen Popanz! Sieh’, sieh’, sieh’! sagte Wolny ironisch. So beurtheilen Sie jetzt Ihren alten Busenfreund? Aber zur Sache! sprach er dann ernster. Sie wollen, wie ich verstehe, noch einen Betrug mehr auf den alten setzen! Das ist ja herrlich ersonnen! Und wohlwollende Richter, wie deren in Amerika für Geld und gute Worte zu haben sind, sollen auch dem Publikum das erwünschte Gesicht machen und es anfahren: Was beliebt? Was wünschen Sie? Nein, Lieber, soweit sind wir noch nicht. Wie gesagt: Ich liebe den aufs Aeußerste getriebenen „Kampf um’s Recht“ gar nicht. Unrecht dulden ist zuweilen etwas außerordentlich Edles. Aber jetzt – jetzt lasse ich mich auf keine Durchstechereien ein –! Ich wüßte auch gar nicht, warum? Etwa um Rabe, meinen Stiefsohn? Sie, lieber Ehlerdt, verfolgen ja wohl lieber die politische Carrière! Ehlerdt überhörte diese Bemerkung und suchte Wolny durch Erinnerung an seine Verwandtschaftsverhältnisse zu Rabe zu rühren. O sähen Sie Rabe jetzt –! Die Natur hat ihm eine furchtbare Nemesis gegeben! Er ist gestraft für seinen Muttermord, wenn er diesen vollzog! Immer <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0222" n="216"/> nicht beschwören? Wen betrügt man denn? Herr Gott im Himmel, wen anders als den Zeitgeist, diesen dummen, abgeschmackten, lächerlichen Popanz!</p> <p>Sieh’, sieh’, sieh’! sagte Wolny ironisch. So beurtheilen Sie jetzt Ihren alten Busenfreund? Aber zur Sache! sprach er dann ernster. Sie wollen, wie ich verstehe, noch einen Betrug mehr auf den alten setzen! Das ist ja herrlich ersonnen! Und wohlwollende Richter, wie deren in Amerika für Geld und gute Worte zu haben sind, sollen auch dem Publikum das erwünschte Gesicht machen und es anfahren: Was beliebt? Was wünschen Sie? Nein, Lieber, soweit sind wir noch nicht. Wie gesagt: Ich liebe den aufs Aeußerste getriebenen „Kampf um’s Recht“ gar nicht. Unrecht dulden ist zuweilen etwas außerordentlich Edles. Aber jetzt – jetzt lasse ich mich auf keine Durchstechereien ein –! Ich wüßte auch gar nicht, warum? Etwa um Rabe, meinen Stiefsohn? Sie, lieber Ehlerdt, verfolgen ja wohl lieber die politische Carrière!</p> <p>Ehlerdt überhörte diese Bemerkung und suchte Wolny durch Erinnerung an seine Verwandtschaftsverhältnisse zu Rabe zu rühren.</p> <p>O sähen Sie Rabe jetzt –! Die Natur hat ihm eine furchtbare Nemesis gegeben! Er ist gestraft für seinen Muttermord, wenn er diesen vollzog! Immer </p> </div> </body> </text> </TEI> [216/0222]
nicht beschwören? Wen betrügt man denn? Herr Gott im Himmel, wen anders als den Zeitgeist, diesen dummen, abgeschmackten, lächerlichen Popanz!
Sieh’, sieh’, sieh’! sagte Wolny ironisch. So beurtheilen Sie jetzt Ihren alten Busenfreund? Aber zur Sache! sprach er dann ernster. Sie wollen, wie ich verstehe, noch einen Betrug mehr auf den alten setzen! Das ist ja herrlich ersonnen! Und wohlwollende Richter, wie deren in Amerika für Geld und gute Worte zu haben sind, sollen auch dem Publikum das erwünschte Gesicht machen und es anfahren: Was beliebt? Was wünschen Sie? Nein, Lieber, soweit sind wir noch nicht. Wie gesagt: Ich liebe den aufs Aeußerste getriebenen „Kampf um’s Recht“ gar nicht. Unrecht dulden ist zuweilen etwas außerordentlich Edles. Aber jetzt – jetzt lasse ich mich auf keine Durchstechereien ein –! Ich wüßte auch gar nicht, warum? Etwa um Rabe, meinen Stiefsohn? Sie, lieber Ehlerdt, verfolgen ja wohl lieber die politische Carrière!
Ehlerdt überhörte diese Bemerkung und suchte Wolny durch Erinnerung an seine Verwandtschaftsverhältnisse zu Rabe zu rühren.
O sähen Sie Rabe jetzt –! Die Natur hat ihm eine furchtbare Nemesis gegeben! Er ist gestraft für seinen Muttermord, wenn er diesen vollzog! Immer
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| Zitationshilfe: | Gutzkow, Karl: Die neuen Serapionsbrüder. Bd. 3. Breslau, 1877, S. 216. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gutzkow_serapionsbrueder03_1877/222>, abgerufen am 25.09.2024. |


