Gutzkow, Karl: Die Zeitgenossen. 1. Bd. 2. Aufl. Pforzheim, 1842.entschieden grob bei vorkommenden Fällen, daß man erstaunt, wie sich dieser Mann über alle Rücksichten hinwegsetzt. Er hat sich sogar ein eigenes philosophisches System erfunden. Allein, wenn alle Weisheit, selbst die Afterweisheit, die Scholastik bisher noch immer einen gewissen Jnhalt in ihren Formeln gehabt hat, wenn selbst an den kahlsten Begriffen der Philosophie von ihren Aposteln noch immer einiges concrete Fleisch, eine gewisse Natürlichkeit gelassen wurde, so hat Lord Abstrakt in seine Theorie nur Schattenbilder, nur Dreiecke und Quadrate aufgenommen. Wo andere Menschen von dem höchsten Gut und von dem vorzüglichsten Prinzip der Moral sprechen, da sieht er nur Katheten und Hypotenusen. Jch frug ihn einmal: Mylord, glauben Sie denn an die Unsterblichkeit der Seele? Trocken, kalt und ernst sah er mich an und antwortete nach einigen Sekunden mit hohem Pathos: Die grade Linie ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten! Was er sich hiebei gedacht hat, weiß ich nicht. Jch habe nie wieder mit ihm gesprochen. Trotz dieser Ausnahmen beweist die Geschichte, daß zwar Leib, Seele und Geist selten in gleicher Harmonie gefunden werden, daß aber aus ihrem mehr oder weniger entschiedenen Zusammenhange das Leben des Einzelnen und der Völker gebildet wird. Bald blühten Epochen, wo der Leib die Oberhand hatte, wie im Alterthum, in jener Zeit der schönen, plastischgerundeten Formen, in jener Zeit der Vermenschlichung und der entschieden grob bei vorkommenden Fällen, daß man erstaunt, wie sich dieser Mann über alle Rücksichten hinwegsetzt. Er hat sich sogar ein eigenes philosophisches System erfunden. Allein, wenn alle Weisheit, selbst die Afterweisheit, die Scholastik bisher noch immer einen gewissen Jnhalt in ihren Formeln gehabt hat, wenn selbst an den kahlsten Begriffen der Philosophie von ihren Aposteln noch immer einiges concrete Fleisch, eine gewisse Natürlichkeit gelassen wurde, so hat Lord Abstrakt in seine Theorie nur Schattenbilder, nur Dreiecke und Quadrate aufgenommen. Wo andere Menschen von dem höchsten Gut und von dem vorzüglichsten Prinzip der Moral sprechen, da sieht er nur Katheten und Hypotenusen. Jch frug ihn einmal: Mylord, glauben Sie denn an die Unsterblichkeit der Seele? Trocken, kalt und ernst sah er mich an und antwortete nach einigen Sekunden mit hohem Pathos: Die grade Linie ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten! Was er sich hiebei gedacht hat, weiß ich nicht. Jch habe nie wieder mit ihm gesprochen. Trotz dieser Ausnahmen beweist die Geschichte, daß zwar Leib, Seele und Geist selten in gleicher Harmonie gefunden werden, daß aber aus ihrem mehr oder weniger entschiedenen Zusammenhange das Leben des Einzelnen und der Völker gebildet wird. Bald blühten Epochen, wo der Leib die Oberhand hatte, wie im Alterthum, in jener Zeit der schönen, plastischgerundeten Formen, in jener Zeit der Vermenschlichung und der <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0205" n="177"/> entschieden grob bei vorkommenden Fällen, daß man erstaunt, wie sich dieser Mann über alle Rücksichten hinwegsetzt. Er hat sich sogar ein eigenes philosophisches System erfunden. Allein, wenn alle Weisheit, selbst die Afterweisheit, die Scholastik bisher noch immer einen gewissen Jnhalt in ihren Formeln gehabt hat, wenn selbst an den kahlsten Begriffen der Philosophie von ihren Aposteln noch immer einiges concrete Fleisch, eine gewisse Natürlichkeit gelassen wurde, so hat Lord Abstrakt in seine Theorie nur Schattenbilder, nur Dreiecke und Quadrate aufgenommen. Wo andere Menschen von dem höchsten Gut und von dem vorzüglichsten Prinzip der Moral sprechen, da sieht er nur Katheten und Hypotenusen. Jch frug ihn einmal: Mylord, glauben Sie denn an die Unsterblichkeit der Seele? Trocken, kalt und ernst sah er mich an und antwortete nach einigen Sekunden mit hohem Pathos: Die grade Linie ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten! Was er sich hiebei gedacht hat, weiß ich nicht. Jch habe nie wieder mit ihm gesprochen.</p> <p>Trotz dieser Ausnahmen beweist die Geschichte, daß zwar Leib, Seele und Geist selten in gleicher Harmonie gefunden werden, daß aber aus ihrem mehr oder weniger entschiedenen Zusammenhange das Leben des Einzelnen und der Völker gebildet wird. Bald blühten Epochen, wo der Leib die Oberhand hatte, wie im Alterthum, in jener Zeit der schönen, plastischgerundeten Formen, in jener Zeit der Vermenschlichung und der </p> </div> </body> </text> </TEI> [177/0205]
entschieden grob bei vorkommenden Fällen, daß man erstaunt, wie sich dieser Mann über alle Rücksichten hinwegsetzt. Er hat sich sogar ein eigenes philosophisches System erfunden. Allein, wenn alle Weisheit, selbst die Afterweisheit, die Scholastik bisher noch immer einen gewissen Jnhalt in ihren Formeln gehabt hat, wenn selbst an den kahlsten Begriffen der Philosophie von ihren Aposteln noch immer einiges concrete Fleisch, eine gewisse Natürlichkeit gelassen wurde, so hat Lord Abstrakt in seine Theorie nur Schattenbilder, nur Dreiecke und Quadrate aufgenommen. Wo andere Menschen von dem höchsten Gut und von dem vorzüglichsten Prinzip der Moral sprechen, da sieht er nur Katheten und Hypotenusen. Jch frug ihn einmal: Mylord, glauben Sie denn an die Unsterblichkeit der Seele? Trocken, kalt und ernst sah er mich an und antwortete nach einigen Sekunden mit hohem Pathos: Die grade Linie ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten! Was er sich hiebei gedacht hat, weiß ich nicht. Jch habe nie wieder mit ihm gesprochen.
Trotz dieser Ausnahmen beweist die Geschichte, daß zwar Leib, Seele und Geist selten in gleicher Harmonie gefunden werden, daß aber aus ihrem mehr oder weniger entschiedenen Zusammenhange das Leben des Einzelnen und der Völker gebildet wird. Bald blühten Epochen, wo der Leib die Oberhand hatte, wie im Alterthum, in jener Zeit der schönen, plastischgerundeten Formen, in jener Zeit der Vermenschlichung und der
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| Zitationshilfe: | Gutzkow, Karl: Die Zeitgenossen. 1. Bd. 2. Aufl. Pforzheim, 1842, S. 177. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gutzkow_zeitgenossen01_1842/205>, abgerufen am 23.09.2024. |


