Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Hamann, Johann Georg]: Sokratische Denkwürdigkeiten. Amsterdam [i. e. Königsberg], 1759.

Bild:
<< vorherige Seite


Erster Abschnitt.

Sokrates hatte nicht umsonst einen
Bildhauer und eine Wehmutter zu
Eltern gehabt. Sein Unterricht ist jederzeit
mit den Hebammenkünsten verglichen wor-
den. Man vergnügt sich noch diesen Ein-
fall zu wiederholen, ohne daß man selbigen
als das Saamkorn einer fruchtbaren Wahr-
heit hätte aufgehen lassen. Dieser Ausdruck
ist nicht blos tropisch, sondern zugleich ein
Knäuel vortreflicher Begriffe, die jeder Leh-
rer zum Leitfaden in der Erziehung des Ver-
standes nöthig hat. Wie der Mensch nach
der Gleichheit Gottes erschaffen worden, so
scheint der Leib eine Figur oder Bild der
Seelen
zu seyn. *) Wenn uns unser Gebein
verholen ist, weil wir im Verborgenen ge-
macht, weil wir gebildet werden unten in der

Erde;
*) Siehe die folgende Anmerkung.


Erſter Abſchnitt.

Sokrates hatte nicht umſonſt einen
Bildhauer und eine Wehmutter zu
Eltern gehabt. Sein Unterricht iſt jederzeit
mit den Hebammenkuͤnſten verglichen wor-
den. Man vergnuͤgt ſich noch dieſen Ein-
fall zu wiederholen, ohne daß man ſelbigen
als das Saamkorn einer fruchtbaren Wahr-
heit haͤtte aufgehen laſſen. Dieſer Ausdruck
iſt nicht blos tropiſch, ſondern zugleich ein
Knaͤuel vortreflicher Begriffe, die jeder Leh-
rer zum Leitfaden in der Erziehung des Ver-
ſtandes noͤthig hat. Wie der Menſch nach
der Gleichheit Gottes erſchaffen worden, ſo
ſcheint der Leib eine Figur oder Bild der
Seelen
zu ſeyn. *) Wenn uns unſer Gebein
verholen iſt, weil wir im Verborgenen ge-
macht, weil wir gebildet werden unten in der

Erde;
*) Siehe die folgende Anmerkung.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0032" n="[28]"/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#b">Er&#x017F;ter Ab&#x017F;chnitt.</hi> </head><lb/>
            <p><hi rendition="#in">S</hi>okrates hatte nicht um&#x017F;on&#x017F;t einen<lb/>
Bildhauer und eine Wehmutter zu<lb/>
Eltern gehabt. Sein Unterricht i&#x017F;t jederzeit<lb/>
mit den Hebammenku&#x0364;n&#x017F;ten verglichen wor-<lb/>
den. Man vergnu&#x0364;gt &#x017F;ich noch die&#x017F;en Ein-<lb/>
fall zu wiederholen, ohne daß man &#x017F;elbigen<lb/>
als das Saamkorn einer fruchtbaren Wahr-<lb/>
heit ha&#x0364;tte aufgehen la&#x017F;&#x017F;en. Die&#x017F;er Ausdruck<lb/>
i&#x017F;t nicht blos tropi&#x017F;ch, &#x017F;ondern zugleich ein<lb/><hi rendition="#fr">Kna&#x0364;uel</hi> vortreflicher Begriffe, die jeder Leh-<lb/>
rer zum Leitfaden in der Erziehung des Ver-<lb/>
&#x017F;tandes no&#x0364;thig hat. Wie der Men&#x017F;ch nach<lb/>
der Gleichheit Gottes er&#x017F;chaffen worden, &#x017F;o<lb/>
&#x017F;cheint <hi rendition="#fr">der Leib eine Figur oder Bild der<lb/>
Seelen</hi> zu &#x017F;eyn. <note place="foot" n="*)">Siehe die folgende Anmerkung.</note> Wenn uns un&#x017F;er Gebein<lb/>
verholen i&#x017F;t, weil wir im Verborgenen ge-<lb/>
macht, weil wir gebildet werden unten in der<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">Erde;</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[28]/0032] Erſter Abſchnitt. Sokrates hatte nicht umſonſt einen Bildhauer und eine Wehmutter zu Eltern gehabt. Sein Unterricht iſt jederzeit mit den Hebammenkuͤnſten verglichen wor- den. Man vergnuͤgt ſich noch dieſen Ein- fall zu wiederholen, ohne daß man ſelbigen als das Saamkorn einer fruchtbaren Wahr- heit haͤtte aufgehen laſſen. Dieſer Ausdruck iſt nicht blos tropiſch, ſondern zugleich ein Knaͤuel vortreflicher Begriffe, die jeder Leh- rer zum Leitfaden in der Erziehung des Ver- ſtandes noͤthig hat. Wie der Menſch nach der Gleichheit Gottes erſchaffen worden, ſo ſcheint der Leib eine Figur oder Bild der Seelen zu ſeyn. *) Wenn uns unſer Gebein verholen iſt, weil wir im Verborgenen ge- macht, weil wir gebildet werden unten in der Erde; *) Siehe die folgende Anmerkung.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/hamann_denkwuerdigkeiten_1759
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/hamann_denkwuerdigkeiten_1759/32
Zitationshilfe: [Hamann, Johann Georg]: Sokratische Denkwürdigkeiten. Amsterdam [i. e. Königsberg], 1759, S. [28]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hamann_denkwuerdigkeiten_1759/32>, abgerufen am 28.02.2021.