Harsdörffer, Georg Philipp: Poetischer Trichter. Bd. 3. Nürnberg, 1653.Von den Bildereyen. Wachsamkeit bedeutet/ kommet solches von sei-ner natürlichen Eigenschaft her. Wann das Aug die Weißheit bedeutet/ ist solches/ Theils seiner Eigenschaft/ Theils auch nach der Verglei- chung in der Egyptier Bilder Lehre beyzumessen: Es kan aber eben dieses Aug die Geilheit/ und den Neid bemerken. Das Wintergrün (hedera) be- deutet den fail gebottnen Wein/ nach der Men- schen Beliebung: seiner Natur nach ehliche Liebe; weil es sich stark an den Baumen hält/ und ihn gleichsam umarmet. Es hat aber doch auch be- sagtes Wintergrün einen Vergleichung mit dem Wein/ in dem er an einem Pfal oder Stämmer will auferzogen und geheget werden. Und ob wol das Epheu oder Wintergrün kalter und der Wein warmer Natur ist/ so hat man doch eben deßwegen Kräntze darvon gemachet/ und solche bey Gastereyen aufgesetzet/ damit der Wein das Haubt nicht erhitzen soll. Bey uns bedeutet ein ausgehenktes Krauthaubt den Most oder neu- en Wein/ vielleicht aus besagter Ursache/ weil alles Kraut und Köhl die Trunkenheit hindert/ und kälter/ wie der Wein hitzet; deßwegen auch beede nicht neben einander wachsen wollen und eines deß andern Safft an sich ziehet. Die Geret- schafft bedeuten das/ warzu sie gebrauchet wer- den/ als die Pflugschar den Feldbau/ die Waf- fen
Von den Bildereyen. Wachſamkeit bedeutet/ kommet ſolches von ſei-ner natuͤrlichen Eigenſchaft her. Wann das Aug die Weißheit bedeutet/ iſt ſolches/ Theils ſeiner Eigenſchaft/ Theils auch nach der Verglei- chung in der Egyptier Bilder Lehre beyzumeſſen: Es kan aber eben dieſes Aug die Geilheit/ und den Neid bemerken. Das Wintergruͤn (hedera) be- deutet den fail gebottnen Wein/ nach der Men- ſchen Beliebung: ſeiner Natur nach ehliche Liebe; weil es ſich ſtark an den Baumen haͤlt/ und ihn gleichſam umarmet. Es hat aber doch auch be- ſagtes Wintergruͤn einẽ Vergleichung mit dem Wein/ in dem er an einem Pfal oder Staͤmmer will auferzogen und geheget werden. Und ob wol das Epheu oder Wintergruͤn kalter und der Wein warmer Natur iſt/ ſo hat man doch eben deßwegen Kraͤntze darvon gemachet/ und ſolche bey Gaſtereyen aufgeſetzet/ damit der Wein das Haubt nicht erhitzen ſoll. Bey uns bedeutet ein ausgehenktes Krauthaubt den Moſt oder neu- en Wein/ vielleicht aus beſagter Urſache/ weil alles Kraut und Koͤhl die Trunkenheit hindert/ und kaͤlter/ wie der Wein hitzet; deßwegen auch beede nicht neben einander wachſen wollen und eines deß andern Safft an ſich ziehet. Die Geret- ſchafft bedeuten das/ warzu ſie gebrauchet wer- den/ als die Pflugſchar den Feldbau/ die Waf- fen
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Von den Bildereyen.
Wachſamkeit bedeutet/ kommet ſolches von ſei-
ner natuͤrlichen Eigenſchaft her. Wann das
Aug die Weißheit bedeutet/ iſt ſolches/ Theils
ſeiner Eigenſchaft/ Theils auch nach der Verglei-
chung in der Egyptier Bilder Lehre beyzumeſſen:
Es kan aber eben dieſes Aug die Geilheit/ und den
Neid bemerken. Das Wintergruͤn (hedera) be-
deutet den fail gebottnen Wein/ nach der Men-
ſchen Beliebung: ſeiner Natur nach ehliche Liebe;
weil es ſich ſtark an den Baumen haͤlt/ und ihn
gleichſam umarmet. Es hat aber doch auch be-
ſagtes Wintergruͤn einẽ Vergleichung mit dem
Wein/ in dem er an einem Pfal oder Staͤmmer
will auferzogen und geheget werden. Und ob wol
das Epheu oder Wintergruͤn kalter und der
Wein warmer Natur iſt/ ſo hat man doch eben
deßwegen Kraͤntze darvon gemachet/ und ſolche
bey Gaſtereyen aufgeſetzet/ damit der Wein das
Haubt nicht erhitzen ſoll. Bey uns bedeutet ein
ausgehenktes Krauthaubt den Moſt oder neu-
en Wein/ vielleicht aus beſagter Urſache/ weil
alles Kraut und Koͤhl die Trunkenheit hindert/
und kaͤlter/ wie der Wein hitzet; deßwegen auch
beede nicht neben einander wachſen wollen und
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| Zitationshilfe: | Harsdörffer, Georg Philipp: Poetischer Trichter. Bd. 3. Nürnberg, 1653, S. 109. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/harsdoerffer_trichter03_1653/141>, abgerufen am 06.08.2024. |


