Kaisers; so nennt man also noch in dieser Zeit deinen Namen und die Reben blühen noch, die Karl einst pflanzte in seinem Engelheim? Weiß man denn auch von Roland noch et¬ was auf der Welt, und von dem großen Ka¬ rolus, seinem Meister?"
"Das müßt Ihr den Menschen dort fra¬ gen," erwiederte Judas, "wir geben uns mit der Erde nicht mehr ab. Er nennt sich Doc¬ tor und Magister, und muß Euch Bescheid ge¬ ben können über sein Geschlecht."
Der Riese richtete sein Auge fragend auf mich und ich antwortete: "Edler Paladin! Zwar ist die Menschheit in dieser Zeit lau und schlecht geworden, ist mit dem hohlen Schädel an die Gegenwart genagelt und blickt nicht vor, nicht rückwärts, aber so elend sind wir doch nicht geworden, daß wir nicht der großen, herrlichen Gestalten gedächten, die einst über unsere Vatererde gingen und ihren Schatten
Kaiſers; ſo nennt man alſo noch in dieſer Zeit deinen Namen und die Reben bluͤhen noch, die Karl einſt pflanzte in ſeinem Engelheim? Weiß man denn auch von Roland noch et¬ was auf der Welt, und von dem großen Ka¬ rolus, ſeinem Meiſter?“
„Das muͤßt Ihr den Menſchen dort fra¬ gen,“ erwiederte Judas, „wir geben uns mit der Erde nicht mehr ab. Er nennt ſich Doc¬ tor und Magiſter, und muß Euch Beſcheid ge¬ ben koͤnnen uͤber ſein Geſchlecht.“
Der Rieſe richtete ſein Auge fragend auf mich und ich antwortete: „Edler Paladin! Zwar iſt die Menſchheit in dieſer Zeit lau und ſchlecht geworden, iſt mit dem hohlen Schaͤdel an die Gegenwart genagelt und blickt nicht vor, nicht ruͤckwaͤrts, aber ſo elend ſind wir doch nicht geworden, daß wir nicht der großen, herrlichen Geſtalten gedaͤchten, die einſt uͤber unſere Vatererde gingen und ihren Schatten
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[104/0110]
Kaiſers; ſo nennt man alſo noch in dieſer Zeit
deinen Namen und die Reben bluͤhen noch,
die Karl einſt pflanzte in ſeinem Engelheim?
Weiß man denn auch von Roland noch et¬
was auf der Welt, und von dem großen Ka¬
rolus, ſeinem Meiſter?“
„Das muͤßt Ihr den Menſchen dort fra¬
gen,“ erwiederte Judas, „wir geben uns mit
der Erde nicht mehr ab. Er nennt ſich Doc¬
tor und Magiſter, und muß Euch Beſcheid ge¬
ben koͤnnen uͤber ſein Geſchlecht.“
Der Rieſe richtete ſein Auge fragend auf
mich und ich antwortete: „Edler Paladin!
Zwar iſt die Menſchheit in dieſer Zeit lau und
ſchlecht geworden, iſt mit dem hohlen Schaͤdel
an die Gegenwart genagelt und blickt nicht
vor, nicht ruͤckwaͤrts, aber ſo elend ſind wir
doch nicht geworden, daß wir nicht der großen,
herrlichen Geſtalten gedaͤchten, die einſt uͤber
unſere Vatererde gingen und ihren Schatten
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Hauff, Wilhelm: Phantasien im Bremer Rathskeller. Stuttgart, 1827, S. 104. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hauff_phantasien_1827/110>, abgerufen am 10.08.2024.
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