Sie lauschten, als sie diese Worte hörten, sie nickten sich zu und rückten näher zusam¬ men, und die entfernteren streckten die Köpfe vor, als wollten sie kein Wort verlieren. Mu¬ thiger erhob ich meine Stimme, lauter und immer lauter war mein Gesang, denn es wogte in mir wie Begeisterung, vor solchem Publicum zu singen. Die alte Rose nickte den Text mit dem Kopfe und summte den Chorus leise, leise mit, und Freude und Stolz blickte aus den Augen der Apostel. Und als ich geendet, drängten sie sich zu, drückten mir die Hände, und Andreas hauchte einen Kuß auf meine Lippen.
"Doctor!" rief Bachus, "Doctor, welch ein Lied! wie geht einem da das Herz auf. Herzens-Doctor hast du das Lied gedichtet in deinem eigenen graduirten Gehirn?"
"Nein, Euer Excellenz! solch ein Meister des Gesanges bin ich nicht. Aber den, der es
Sie lauſchten, als ſie dieſe Worte hoͤrten, ſie nickten ſich zu und ruͤckten naͤher zuſam¬ men, und die entfernteren ſtreckten die Koͤpfe vor, als wollten ſie kein Wort verlieren. Mu¬ thiger erhob ich meine Stimme, lauter und immer lauter war mein Geſang, denn es wogte in mir wie Begeiſterung, vor ſolchem Publicum zu ſingen. Die alte Roſe nickte den Text mit dem Kopfe und ſummte den Chorus leiſe, leiſe mit, und Freude und Stolz blickte aus den Augen der Apoſtel. Und als ich geendet, draͤngten ſie ſich zu, druͤckten mir die Haͤnde, und Andreas hauchte einen Kuß auf meine Lippen.
„Doctor!“ rief Bachus, „Doctor, welch ein Lied! wie geht einem da das Herz auf. Herzens-Doctor haſt du das Lied gedichtet in deinem eigenen graduirten Gehirn?“
„Nein, Euer Excellenz! ſolch ein Meiſter des Geſanges bin ich nicht. Aber den, der es
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Sie lauſchten, als ſie dieſe Worte hoͤrten,
ſie nickten ſich zu und ruͤckten naͤher zuſam¬
men, und die entfernteren ſtreckten die Koͤpfe
vor, als wollten ſie kein Wort verlieren. Mu¬
thiger erhob ich meine Stimme, lauter und
immer lauter war mein Geſang, denn es
wogte in mir wie Begeiſterung, vor ſolchem
Publicum zu ſingen. Die alte Roſe nickte
den Text mit dem Kopfe und ſummte den
Chorus leiſe, leiſe mit, und Freude und Stolz
blickte aus den Augen der Apoſtel. Und als
ich geendet, draͤngten ſie ſich zu, druͤckten mir
die Haͤnde, und Andreas hauchte einen Kuß
auf meine Lippen.
„Doctor!“ rief Bachus, „Doctor, welch
ein Lied! wie geht einem da das Herz auf.
Herzens-Doctor haſt du das Lied gedichtet in
deinem eigenen graduirten Gehirn?“
„Nein, Euer Excellenz! ſolch ein Meiſter
des Geſanges bin ich nicht. Aber den, der es
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Hauff, Wilhelm: Phantasien im Bremer Rathskeller. Stuttgart, 1827, S. 112. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hauff_phantasien_1827/118>, abgerufen am 10.08.2024.
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