fröhlichen Menschen singen, die im Rheingau wandeln oder edeln Rheinwein trinken."
"Singen sie das?" rief Bachus, "nun seht, Doctor, das freut mich, und so gar miserabel muß Euer Geschlecht doch nicht ge¬ worden seyn, wenn sie so klare, schöne Lieder haben und singen."
"Ach, Herr!" sprach ich bekümmert; "es gibt der Ueberschwänglichen gar viele, das sind die Pietisten in der Poesie, und wollen solch' Lied gar nicht für ein Gedicht gelten lassen, wie manchen Frömmlern das Vater¬ unser nicht mystisch genug zum Beten ist."
"Es hat zu jeder Zeit Narren gegeben, Herr!" erwiederte mir Petrus, "und jeder fegt am besten vor seiner eigenen Thüre. Aber weil wir gerade bei seinem Geschlecht sind, erzähl' Er uns doch, wie es auf der Erde ging im letzten Jahr?"
froͤhlichen Menſchen ſingen, die im Rheingau wandeln oder edeln Rheinwein trinken.“
„Singen ſie das?“ rief Bachus, „nun ſeht, Doctor, das freut mich, und ſo gar miſerabel muß Euer Geſchlecht doch nicht ge¬ worden ſeyn, wenn ſie ſo klare, ſchoͤne Lieder haben und ſingen.“
„Ach, Herr!“ ſprach ich bekuͤmmert; „es gibt der Ueberſchwaͤnglichen gar viele, das ſind die Pietiſten in der Poeſie, und wollen ſolch' Lied gar nicht fuͤr ein Gedicht gelten laſſen, wie manchen Froͤmmlern das Vater¬ unſer nicht myſtiſch genug zum Beten iſt.“
„Es hat zu jeder Zeit Narren gegeben, Herr!“ erwiederte mir Petrus, „und jeder fegt am beſten vor ſeiner eigenen Thuͤre. Aber weil wir gerade bei ſeinem Geſchlecht ſind, erzaͤhl' Er uns doch, wie es auf der Erde ging im letzten Jahr?“
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froͤhlichen Menſchen ſingen, die im Rheingau
wandeln oder edeln Rheinwein trinken.“
„Singen ſie das?“ rief Bachus, „nun
ſeht, Doctor, das freut mich, und ſo gar
miſerabel muß Euer Geſchlecht doch nicht ge¬
worden ſeyn, wenn ſie ſo klare, ſchoͤne Lieder
haben und ſingen.“
„Ach, Herr!“ ſprach ich bekuͤmmert; „es
gibt der Ueberſchwaͤnglichen gar viele, das
ſind die Pietiſten in der Poeſie, und wollen
ſolch' Lied gar nicht fuͤr ein Gedicht gelten
laſſen, wie manchen Froͤmmlern das Vater¬
unſer nicht myſtiſch genug zum Beten iſt.“
„Es hat zu jeder Zeit Narren gegeben,
Herr!“ erwiederte mir Petrus, „und jeder fegt
am beſten vor ſeiner eigenen Thuͤre. Aber weil
wir gerade bei ſeinem Geſchlecht ſind, erzaͤhl'
Er uns doch, wie es auf der Erde ging im
letzten Jahr?“
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Hauff, Wilhelm: Phantasien im Bremer Rathskeller. Stuttgart, 1827, S. 114. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hauff_phantasien_1827/120>, abgerufen am 10.08.2024.
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