ich, nachdem ich einige Stunden geschlummert, der Holden guten Morgen zu sagen. Aber kalt und zurückhaltend empfing sie mich, und als ich ihr einige innige Worte zuflüsterte, wandte sie mir laut lachend den Rücken zu und sprach: "gehen Sie und schlafen Sie erst fein aus, mein Herr."
Ich nahm den Hut und ging, denn so schnöde war sie nie gewesen. Ein Freund, der in einer andern Ecke des Zimmers am Clavier gesessen, ging mir nach und sagte, indem er wehmüthig meine Hand ergriff: "Herzensbru¬ der, mit deiner Liebe ist es rein aus auf im¬ merdar, schlage dir nur gleich alle Gedanken aus dem Sinne."
"So viel ungefähr konnte ich selbst merken," antworte ich; "der Teufel hole alle schöne Au¬ gen, jeden rosigen Mund und den thörigten Glauben an das, was Blicke sagen, was Mädchenlippen aussprechen."
"Tobe nicht so arg, sie hören es oben," flüsterte er; "aber sag' mir um Gotteswillen, ist es denn wahr, daß Du heute die ganze Nacht im Weinkeller gelegen und getrunken hast?"
ich, nachdem ich einige Stunden geſchlummert, der Holden guten Morgen zu ſagen. Aber kalt und zuruͤckhaltend empfing ſie mich, und als ich ihr einige innige Worte zufluͤſterte, wandte ſie mir laut lachend den Ruͤcken zu und ſprach: „gehen Sie und ſchlafen Sie erſt fein aus, mein Herr.“
Ich nahm den Hut und ging, denn ſo ſchnoͤde war ſie nie geweſen. Ein Freund, der in einer andern Ecke des Zimmers am Clavier geſeſſen, ging mir nach und ſagte, indem er wehmuͤthig meine Hand ergriff: „Herzensbru¬ der, mit deiner Liebe iſt es rein aus auf im¬ merdar, ſchlage dir nur gleich alle Gedanken aus dem Sinne.“
„So viel ungefaͤhr konnte ich ſelbſt merken,“ antworte ich; „der Teufel hole alle ſchoͤne Au¬ gen, jeden roſigen Mund und den thoͤrigten Glauben an das, was Blicke ſagen, was Maͤdchenlippen ausſprechen.“
„Tobe nicht ſo arg, ſie hoͤren es oben,“ fluͤſterte er; „aber ſag' mir um Gotteswillen, iſt es denn wahr, daß Du heute die ganze Nacht im Weinkeller gelegen und getrunken haſt?“
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ich, nachdem ich einige Stunden geſchlummert,
der Holden guten Morgen zu ſagen. Aber kalt
und zuruͤckhaltend empfing ſie mich, und als
ich ihr einige innige Worte zufluͤſterte, wandte
ſie mir laut lachend den Ruͤcken zu und ſprach:
„gehen Sie und ſchlafen Sie erſt fein aus,
mein Herr.“
Ich nahm den Hut und ging, denn ſo
ſchnoͤde war ſie nie geweſen. Ein Freund, der
in einer andern Ecke des Zimmers am Clavier
geſeſſen, ging mir nach und ſagte, indem er
wehmuͤthig meine Hand ergriff: „Herzensbru¬
der, mit deiner Liebe iſt es rein aus auf im¬
merdar, ſchlage dir nur gleich alle Gedanken
aus dem Sinne.“
„So viel ungefaͤhr konnte ich ſelbſt merken,“
antworte ich; „der Teufel hole alle ſchoͤne Au¬
gen, jeden roſigen Mund und den thoͤrigten
Glauben an das, was Blicke ſagen, was
Maͤdchenlippen ausſprechen.“
„Tobe nicht ſo arg, ſie hoͤren es oben,“
fluͤſterte er; „aber ſag' mir um Gotteswillen,
iſt es denn wahr, daß Du heute die ganze
Nacht im Weinkeller gelegen und getrunken
haſt?“
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Hauff, Wilhelm: Phantasien im Bremer Rathskeller. Stuttgart, 1827, S. 131. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hauff_phantasien_1827/137>, abgerufen am 10.08.2024.
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