"Hier, hier, nicht oben auf der Erde, hier war ihr Rathhaus, hier die Halle des Senats; denn hier beim kühlen Weine beriethen sie sich über das Wohl der Stadt, über ihre Nachbarn und dergleichen. Wenn sie uneinig in der Meinung waren, so stritten sie sich nicht mit bösen Worten, sondern tranken einander wa¬ cker zu, und wenn der Wein ihre Herzen er¬ wärmt hatte, wenn er fröhlich durch ihre Adern hüpfte, da war der Beschluß schnell zur Reife gediehen, sie drückten sich die Hände, sie waren und blieben immer Freunde, weil sie Freunde waren des edlen Weines. Am andern Morgen aber war ihnen ihr Wort heilig, und was sie Abends ausgemacht im Keller, das führten sie oben im Gerichtssaal aus."
"Schöne, alte Zeiten!" rief Paulus; "da¬ her kömmt es auch, daß noch heut zu Tage jeder vom Rath ein eigenes Trinkbüchlein, eine jährliche Weinrechnung hat. Den Herren, die
„Hier, hier, nicht oben auf der Erde, hier war ihr Rathhaus, hier die Halle des Senats; denn hier beim kuͤhlen Weine beriethen ſie ſich uͤber das Wohl der Stadt, uͤber ihre Nachbarn und dergleichen. Wenn ſie uneinig in der Meinung waren, ſo ſtritten ſie ſich nicht mit boͤſen Worten, ſondern tranken einander wa¬ cker zu, und wenn der Wein ihre Herzen er¬ waͤrmt hatte, wenn er froͤhlich durch ihre Adern huͤpfte, da war der Beſchluß ſchnell zur Reife gediehen, ſie druͤckten ſich die Haͤnde, ſie waren und blieben immer Freunde, weil ſie Freunde waren des edlen Weines. Am andern Morgen aber war ihnen ihr Wort heilig, und was ſie Abends ausgemacht im Keller, das fuͤhrten ſie oben im Gerichtsſaal aus.“
„Schoͤne, alte Zeiten!“ rief Paulus; „da¬ her koͤmmt es auch, daß noch heut zu Tage jeder vom Rath ein eigenes Trinkbuͤchlein, eine jaͤhrliche Weinrechnung hat. Den Herren, die
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„Hier, hier, nicht oben auf der Erde, hier
war ihr Rathhaus, hier die Halle des Senats;
denn hier beim kuͤhlen Weine beriethen ſie ſich
uͤber das Wohl der Stadt, uͤber ihre Nachbarn
und dergleichen. Wenn ſie uneinig in der
Meinung waren, ſo ſtritten ſie ſich nicht mit
boͤſen Worten, ſondern tranken einander wa¬
cker zu, und wenn der Wein ihre Herzen er¬
waͤrmt hatte, wenn er froͤhlich durch ihre Adern
huͤpfte, da war der Beſchluß ſchnell zur Reife
gediehen, ſie druͤckten ſich die Haͤnde, ſie waren
und blieben immer Freunde, weil ſie Freunde
waren des edlen Weines. Am andern Morgen
aber war ihnen ihr Wort heilig, und was ſie
Abends ausgemacht im Keller, das fuͤhrten ſie
oben im Gerichtsſaal aus.“
„Schoͤne, alte Zeiten!“ rief Paulus; „da¬
her koͤmmt es auch, daß noch heut zu Tage
jeder vom Rath ein eigenes Trinkbuͤchlein, eine
jaͤhrliche Weinrechnung hat. Den Herren, die
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Hauff, Wilhelm: Phantasien im Bremer Rathskeller. Stuttgart, 1827, S. 73. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hauff_phantasien_1827/79>, abgerufen am 10.08.2024.
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