Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Staats- und Gelehrte Zeitung Des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten. Nr. 117, Hamburg, 23. Julii 1771.

Bild:
erste Seite
Mit allergnädigster Kayserlichen Freyheit.
Staats- und [Abbildung] Gelehrte
Zei- [Abbildung] tung

Des Hamburgischen unpartheyischen
CORRESPONDENTEN.

Anno 1771.     (Am Dienstage, den 23 Julii.)    
Num. 117.



[Beginn Spaltensatz]

Die Griechische Nation hat folgende merkwürdige
Schrift aufsetzen lassen, in welcher sie dem christlichen
Europa ihre Gesinnungen und Wünsche bey den gegen-
wärtigen Zeiten, wo so stark vom Frieden gesprochen
wird, bekannt zu machen suchet. (Wir wollen selbige,
aus dem Italienischen übersetzt, unsern Lesern nach und
nach mittheilen.)

Wünsche der Griechen an das christliche Europa.

Die glücklichen Zeiten des alten Griechenlandes machen
in der Weltgeschichte eine so berühmte Epoche aus,
daß es nicht nöthig ist, hier zu wiederholen, wie diese
Länder, welche jetzt durch das Betragen unserer Tyran-
nen ein Schauplatz so vielen Elendes sind, ehedem, da
unsere Vorfahren noch ihr freyes Vaterland regierten,
eines solchen Ruhms und eines so großen Glücks genos-
sen, als durch eine weise Gesetzgebung, durch eine ordent-
liche Verwaltung der Gerechtigkeit, durch die Erfahrung
im Kriegswesen, durch die Kenntniß der schönsten und
nützlichsten Wissenschaften und Künste, und vorzüglich
durch eine allgemeine Ausübung aller Arten von öffent-
lichen und Privat-Tugenden, über ein Volk zu kommen
pflegen. Eben so unnöthig würde es seyn, wenn wir
dasjenige, was dem ganzen Europa bekannt ist, beschrei-
ben wollten, in was für elenden Umständen sich nämlich
alle Griechische Christen befinden, seitdem sie durch die
Schwäche der Fürsten von Constantinopel unter das
Türkische Joch gerathen, und als niedrige Werkzeuge
ihrer Herren, ohne Gesetz, das sie beschützen könnte,
in der Sclaverey seufzen, welche, von den Grundsätzen
der Muhamedanischen Religion, die entweder bekehret,
oder zerstöhret, eingenommen, sie sämmtlich schon wür-
den ausgerottet haben, wenn es ihnen ihr Interesse
eher, als jetzt, gerathen hätte.

Wenn es aber wahr ist, daß Clima und Generation
die natürliche Beschaffenheit der Menschen bestimmen,
welche Gesetze und gute Erziehung zum Guten unterrich-
ten und anreizen, so sind die jetzigen Griechen von Natur
[Spaltenumbruch] von denen nicht unterschieden, welche ohnedem wegen
ihrer Tapferkeit so bekannt waren. Das Clima ist noch
eben so, wie in den vergangenen Zeiten, beschaffen, und
eben der Grundsatz einer gottesdienstlichen Verfolgung,
welcher die Türken von allen andern Völkern trennet,
hat besonders dazu beygetragen, daß die alte Generation
bey den Griechen noch rein geblieben ist. Es ist also
kein Wunder, daß sie sich auch in einem Zeitraum von
318 sclavischen Jahren noch nicht an dem Joche gewöh-
nen können, und daß sie in dem Ablauf einer so langen
Zeit niemals einige Gelegenheit unversucht gelassen, wo
sie nur hoffen konnten, nach Zerbrechung ihrer Fesseln
entweder als ein freyes Volk, oder wenigstens unter der
gemäßigten Regierung eines christlichen Fürsten ruhig
zu leben.

Sollte sich vielleicht wol jemand wundern, daß bey
den Griechen, unter einer Barbarischen Regierung, wo
Kenntnisse entweder unnütz, oder gefährlich sind, Künste
und Wissenschaften nicht sonderlich im Flor stehen? Er
wundere sich vielmehr darüber, wie es möglich sey, daß
sich noch so viele Griechen, bey einer so unglücklichen
Situation, auf den Europäischen Universitäten finden,
um den Studien obzuliegen. Er erinnere sich, daß alle
Künste und das Commercium, wovon die Türken selbst
subsistiren, in ihren Händen sind. Und wenn es jeman-
den befremdet, daß bey einem Volke, welches nun schon
seit drey Jahrhunderten in die Sclaverey gebracht, ver-
schiedene Menschen sind, welche von den Lastern der
Knechte angesteckt worden, den bitten wir, zu bedenken,
daß bey Leuten, welche in ähnlichen Umständen leben,
alle hervorstechende Tugend ein Verbrechen sey; daß,
wenn Aufrichtigkeit und Muth durch eine schlechte Ein-
richtung der Regierung, die Menschen unglücklich machen,
die Enthaltung von allem Betruge, einen solchen He-
roismus erfordere, welchen man schwerlich von allen
hoffen kann; daß endlich eben dieselbe Fähigkeit, welche
solche Laster erfordern, nur einen Gesetzgeber erwarte,
der sie alsdenn, wenn alle Bürger in der Ausübung der
[Spaltenumbruch]

Mit allergnaͤdigſter Kayſerlichen Freyheit.
Staats- und [Abbildung] Gelehrte
Zei- [Abbildung] tung

Des Hamburgiſchen unpartheyiſchen
CORRESPONDENTEN.

Anno 1771.     (Am Dienſtage, den 23 Julii.)    
Num. 117.



[Beginn Spaltensatz]

Die Griechiſche Nation hat folgende merkwuͤrdige
Schrift aufſetzen laſſen, in welcher ſie dem chriſtlichen
Europa ihre Geſinnungen und Wuͤnſche bey den gegen-
waͤrtigen Zeiten, wo ſo ſtark vom Frieden geſprochen
wird, bekannt zu machen ſuchet. (Wir wollen ſelbige,
aus dem Italieniſchen uͤberſetzt, unſern Leſern nach und
nach mittheilen.)

Wuͤnſche der Griechen an das chriſtliche Europa.

Die gluͤcklichen Zeiten des alten Griechenlandes machen
in der Weltgeſchichte eine ſo beruͤhmte Epoche aus,
daß es nicht noͤthig iſt, hier zu wiederholen, wie dieſe
Laͤnder, welche jetzt durch das Betragen unſerer Tyran-
nen ein Schauplatz ſo vielen Elendes ſind, ehedem, da
unſere Vorfahren noch ihr freyes Vaterland regierten,
eines ſolchen Ruhms und eines ſo großen Gluͤcks genoſ-
ſen, als durch eine weiſe Geſetzgebung, durch eine ordent-
liche Verwaltung der Gerechtigkeit, durch die Erfahrung
im Kriegsweſen, durch die Kenntniß der ſchoͤnſten und
nuͤtzlichſten Wiſſenſchaften und Kuͤnſte, und vorzuͤglich
durch eine allgemeine Ausuͤbung aller Arten von oͤffent-
lichen und Privat-Tugenden, uͤber ein Volk zu kommen
pflegen. Eben ſo unnoͤthig wuͤrde es ſeyn, wenn wir
dasjenige, was dem ganzen Europa bekannt iſt, beſchrei-
ben wollten, in was fuͤr elenden Umſtaͤnden ſich naͤmlich
alle Griechiſche Chriſten befinden, ſeitdem ſie durch die
Schwaͤche der Fuͤrſten von Conſtantinopel unter das
Tuͤrkiſche Joch gerathen, und als niedrige Werkzeuge
ihrer Herren, ohne Geſetz, das ſie beſchuͤtzen koͤnnte,
in der Sclaverey ſeufzen, welche, von den Grundſaͤtzen
der Muhamedaniſchen Religion, die entweder bekehret,
oder zerſtoͤhret, eingenommen, ſie ſaͤmmtlich ſchon wuͤr-
den ausgerottet haben, wenn es ihnen ihr Intereſſe
eher, als jetzt, gerathen haͤtte.

Wenn es aber wahr iſt, daß Clima und Generation
die natuͤrliche Beſchaffenheit der Menſchen beſtimmen,
welche Geſetze und gute Erziehung zum Guten unterrich-
ten und anreizen, ſo ſind die jetzigen Griechen von Natur
[Spaltenumbruch] von denen nicht unterſchieden, welche ohnedem wegen
ihrer Tapferkeit ſo bekannt waren. Das Clima iſt noch
eben ſo, wie in den vergangenen Zeiten, beſchaffen, und
eben der Grundſatz einer gottesdienſtlichen Verfolgung,
welcher die Tuͤrken von allen andern Voͤlkern trennet,
hat beſonders dazu beygetragen, daß die alte Generation
bey den Griechen noch rein geblieben iſt. Es iſt alſo
kein Wunder, daß ſie ſich auch in einem Zeitraum von
318 ſclaviſchen Jahren noch nicht an dem Joche gewoͤh-
nen koͤnnen, und daß ſie in dem Ablauf einer ſo langen
Zeit niemals einige Gelegenheit unverſucht gelaſſen, wo
ſie nur hoffen konnten, nach Zerbrechung ihrer Feſſeln
entweder als ein freyes Volk, oder wenigſtens unter der
gemaͤßigten Regierung eines chriſtlichen Fuͤrſten ruhig
zu leben.

Sollte ſich vielleicht wol jemand wundern, daß bey
den Griechen, unter einer Barbariſchen Regierung, wo
Kenntniſſe entweder unnuͤtz, oder gefaͤhrlich ſind, Kuͤnſte
und Wiſſenſchaften nicht ſonderlich im Flor ſtehen? Er
wundere ſich vielmehr daruͤber, wie es moͤglich ſey, daß
ſich noch ſo viele Griechen, bey einer ſo ungluͤcklichen
Situation, auf den Europaͤiſchen Univerſitaͤten finden,
um den Studien obzuliegen. Er erinnere ſich, daß alle
Kuͤnſte und das Commercium, wovon die Tuͤrken ſelbſt
ſubſiſtiren, in ihren Haͤnden ſind. Und wenn es jeman-
den befremdet, daß bey einem Volke, welches nun ſchon
ſeit drey Jahrhunderten in die Sclaverey gebracht, ver-
ſchiedene Menſchen ſind, welche von den Laſtern der
Knechte angeſteckt worden, den bitten wir, zu bedenken,
daß bey Leuten, welche in aͤhnlichen Umſtaͤnden leben,
alle hervorſtechende Tugend ein Verbrechen ſey; daß,
wenn Aufrichtigkeit und Muth durch eine ſchlechte Ein-
richtung der Regierung, die Menſchen ungluͤcklich machen,
die Enthaltung von allem Betruge, einen ſolchen He-
roiſmus erfordere, welchen man ſchwerlich von allen
hoffen kann; daß endlich eben dieſelbe Faͤhigkeit, welche
ſolche Laſter erfordern, nur einen Geſetzgeber erwarte,
der ſie alsdenn, wenn alle Buͤrger in der Ausuͤbung der
[Spaltenumbruch]

<TEI>
  <text>
    <front>
      <pb facs="#f0001" n="[1]"/>
      <titlePage type="main">
        <imprimatur> <hi rendition="#c"> <hi rendition="#b">Mit allergna&#x0364;dig&#x017F;ter Kay&#x017F;erlichen                   Freyheit.</hi> </hi> </imprimatur><lb/>
        <docTitle>
          <titlePart type="main"> <hi rendition="#b">Staats- und<figure/>Gelehrte<lb/> <hi rendition="#in">Z</hi>ei- <figure/>tung</hi><lb/> <hi rendition="#c"> <hi rendition="#b">Des Hamburgi&#x017F;chen                         unpartheyi&#x017F;chen</hi> </hi><lb/> <hi rendition="#g"> <hi rendition="#aq"> <hi rendition="#i"><hi rendition="#in">C</hi>ORRESPONDENTEN.</hi> </hi> </hi> </titlePart>
        </docTitle><lb/>
        <docDate><hi rendition="#aq">Anno 1771.</hi><space dim="horizontal"/> (Am Dien&#x017F;tage, den 23 Julii.)</docDate>
        <space dim="horizontal"/>
        <docTitle>
          <titlePart type="sub"> <hi rendition="#aq">Num. 117.</hi> </titlePart>
        </docTitle>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
      </titlePage><lb/>
    </front>
    <body>
      <cb type="start"/>
      <div type="jPoliticalNews">
        <div type="jArticle">
          <dateline> <hi rendition="#c #fr">Aus dem Archipelago, vom 25 Junii.</hi> </dateline><lb/>
          <p>Die Griechi&#x017F;che Nation hat folgende merkwu&#x0364;rdige<lb/>
Schrift auf&#x017F;etzen la&#x017F;&#x017F;en, in                   welcher &#x017F;ie dem chri&#x017F;tlichen<lb/>
Europa ihre Ge&#x017F;innungen und Wu&#x0364;n&#x017F;che bey den                   gegen-<lb/>
wa&#x0364;rtigen Zeiten, wo &#x017F;o &#x017F;tark vom Frieden ge&#x017F;prochen<lb/>
wird, bekannt                   zu machen &#x017F;uchet. (Wir wollen &#x017F;elbige,<lb/>
aus dem Italieni&#x017F;chen u&#x0364;ber&#x017F;etzt,                   un&#x017F;ern Le&#x017F;ern nach und<lb/>
nach mittheilen.) </p>
        </div><lb/>
        <div xml:id="ar002" type="jArticle">
          <head> <hi rendition="#c #fr">Wu&#x0364;n&#x017F;che der Griechen an das chri&#x017F;tliche                   Europa.</hi> </head><lb/>
          <p><hi rendition="#in">D</hi>ie glu&#x0364;cklichen Zeiten des alten Griechenlandes                   machen<lb/>
in der Weltge&#x017F;chichte eine &#x017F;o beru&#x0364;hmte Epoche aus,<lb/>
daß es nicht                   no&#x0364;thig i&#x017F;t, hier zu wiederholen, wie die&#x017F;e<lb/>
La&#x0364;nder, welche jetzt durch das                   Betragen un&#x017F;erer Tyran-<lb/>
nen ein Schauplatz &#x017F;o vielen Elendes &#x017F;ind, ehedem,                   da<lb/>
un&#x017F;ere Vorfahren noch ihr freyes Vaterland regierten,<lb/>
eines &#x017F;olchen                   Ruhms und eines &#x017F;o großen Glu&#x0364;cks geno&#x017F;-<lb/>
&#x017F;en, als durch eine wei&#x017F;e                   Ge&#x017F;etzgebung, durch eine ordent-<lb/>
liche Verwaltung der Gerechtigkeit, durch die                   Erfahrung<lb/>
im Kriegswe&#x017F;en, durch die Kenntniß der &#x017F;cho&#x0364;n&#x017F;ten                   und<lb/>
nu&#x0364;tzlich&#x017F;ten Wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaften und Ku&#x0364;n&#x017F;te, und vorzu&#x0364;glich<lb/>
durch eine                   allgemeine Ausu&#x0364;bung aller Arten von o&#x0364;ffent-<lb/>
lichen und Privat-Tugenden,                   u&#x0364;ber ein Volk zu kommen<lb/>
pflegen. Eben &#x017F;o unno&#x0364;thig wu&#x0364;rde es &#x017F;eyn, wenn                   wir<lb/>
dasjenige, was dem ganzen Europa bekannt i&#x017F;t, be&#x017F;chrei-<lb/>
ben wollten,                   in was fu&#x0364;r elenden Um&#x017F;ta&#x0364;nden &#x017F;ich na&#x0364;mlich<lb/>
alle Griechi&#x017F;che Chri&#x017F;ten                   befinden, &#x017F;eitdem &#x017F;ie durch die<lb/>
Schwa&#x0364;che der Fu&#x0364;r&#x017F;ten von Con&#x017F;tantinopel                   unter das<lb/>
Tu&#x0364;rki&#x017F;che Joch gerathen, und als niedrige Werkzeuge<lb/>
ihrer                   Herren, ohne Ge&#x017F;etz, das &#x017F;ie be&#x017F;chu&#x0364;tzen ko&#x0364;nnte,<lb/>
in der Sclaverey &#x017F;eufzen,                   welche, von den Grund&#x017F;a&#x0364;tzen<lb/>
der Muhamedani&#x017F;chen Religion, die entweder                   bekehret,<lb/>
oder zer&#x017F;to&#x0364;hret, eingenommen, &#x017F;ie &#x017F;a&#x0364;mmtlich &#x017F;chon wu&#x0364;r-<lb/>
den                   ausgerottet haben, wenn es ihnen ihr Intere&#x017F;&#x017F;e<lb/>
eher, als jetzt, gerathen                   ha&#x0364;tte.</p><lb/>
          <p>Wenn es aber wahr i&#x017F;t, daß Clima und Generation<lb/>
die natu&#x0364;rliche Be&#x017F;chaffenheit                   der Men&#x017F;chen be&#x017F;timmen,<lb/>
welche Ge&#x017F;etze und gute Erziehung zum Guten                   unterrich-<lb/>
ten und anreizen, &#x017F;o &#x017F;ind die jetzigen Griechen von Natur<lb/><cb/>
von denen nicht unter&#x017F;chieden, welche ohnedem wegen<lb/>
ihrer Tapferkeit &#x017F;o                   bekannt waren. Das Clima i&#x017F;t noch<lb/>
eben &#x017F;o, wie in den vergangenen Zeiten,                   be&#x017F;chaffen, und<lb/>
eben der Grund&#x017F;atz einer gottesdien&#x017F;tlichen                   Verfolgung,<lb/>
welcher die Tu&#x0364;rken von allen andern Vo&#x0364;lkern trennet,<lb/>
hat                   be&#x017F;onders dazu beygetragen, daß die alte Generation<lb/>
bey den Griechen noch rein                   geblieben i&#x017F;t. Es i&#x017F;t al&#x017F;o<lb/>
kein Wunder, daß &#x017F;ie &#x017F;ich auch in einem Zeitraum                   von<lb/>
318 &#x017F;clavi&#x017F;chen Jahren noch nicht an dem Joche gewo&#x0364;h-<lb/>
nen ko&#x0364;nnen,                   und daß &#x017F;ie in dem Ablauf einer &#x017F;o langen<lb/>
Zeit niemals einige Gelegenheit                   unver&#x017F;ucht gela&#x017F;&#x017F;en, wo<lb/>
&#x017F;ie nur hoffen konnten, nach Zerbrechung ihrer                   Fe&#x017F;&#x017F;eln<lb/>
entweder als ein freyes Volk, oder wenig&#x017F;tens unter                   der<lb/>
gema&#x0364;ßigten Regierung eines chri&#x017F;tlichen Fu&#x0364;r&#x017F;ten ruhig<lb/>
zu leben.</p><lb/>
          <p>Sollte &#x017F;ich vielleicht wol jemand wundern, daß bey<lb/>
den Griechen, unter einer                   Barbari&#x017F;chen Regierung, wo<lb/>
Kenntni&#x017F;&#x017F;e entweder unnu&#x0364;tz, oder gefa&#x0364;hrlich &#x017F;ind,                   Ku&#x0364;n&#x017F;te<lb/>
und Wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaften nicht &#x017F;onderlich im Flor &#x017F;tehen? Er<lb/>
wundere                   &#x017F;ich vielmehr daru&#x0364;ber, wie es mo&#x0364;glich &#x017F;ey, daß<lb/>
&#x017F;ich noch &#x017F;o viele Griechen,                   bey einer &#x017F;o unglu&#x0364;cklichen<lb/>
Situation, auf den Europa&#x0364;i&#x017F;chen Univer&#x017F;ita&#x0364;ten                   finden,<lb/>
um den Studien obzuliegen. Er erinnere &#x017F;ich, daß alle<lb/>
Ku&#x0364;n&#x017F;te und                   das Commercium, wovon die Tu&#x0364;rken &#x017F;elb&#x017F;t<lb/>
&#x017F;ub&#x017F;i&#x017F;tiren, in ihren Ha&#x0364;nden &#x017F;ind.                   Und wenn es jeman-<lb/>
den befremdet, daß bey einem Volke, welches nun                   &#x017F;chon<lb/>
&#x017F;eit drey Jahrhunderten in die Sclaverey gebracht, ver-<lb/>
&#x017F;chiedene                   Men&#x017F;chen &#x017F;ind, welche von den La&#x017F;tern der<lb/>
Knechte ange&#x017F;teckt worden, den                   bitten wir, zu bedenken,<lb/>
daß bey Leuten, welche in a&#x0364;hnlichen Um&#x017F;ta&#x0364;nden                   leben,<lb/>
alle hervor&#x017F;techende Tugend ein Verbrechen &#x017F;ey; daß,<lb/>
wenn                   Aufrichtigkeit und Muth durch eine &#x017F;chlechte Ein-<lb/>
richtung der Regierung, die                   Men&#x017F;chen unglu&#x0364;cklich machen,<lb/>
die Enthaltung von allem Betruge, einen &#x017F;olchen                   He-<lb/>
roi&#x017F;mus erfordere, welchen man &#x017F;chwerlich von allen<lb/>
hoffen kann; daß                   endlich eben die&#x017F;elbe Fa&#x0364;higkeit, welche<lb/>
&#x017F;olche La&#x017F;ter erfordern, nur einen                   Ge&#x017F;etzgeber erwarte,<lb/>
der &#x017F;ie alsdenn, wenn alle Bu&#x0364;rger in der Ausu&#x0364;bung der<lb/><cb/>
</p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[1]/0001] Mit allergnaͤdigſter Kayſerlichen Freyheit. Staats- und [Abbildung] Gelehrte Zei- [Abbildung] tung Des Hamburgiſchen unpartheyiſchen CORRESPONDENTEN. Anno 1771. (Am Dienſtage, den 23 Julii.) Num. 117. Aus dem Archipelago, vom 25 Junii. Die Griechiſche Nation hat folgende merkwuͤrdige Schrift aufſetzen laſſen, in welcher ſie dem chriſtlichen Europa ihre Geſinnungen und Wuͤnſche bey den gegen- waͤrtigen Zeiten, wo ſo ſtark vom Frieden geſprochen wird, bekannt zu machen ſuchet. (Wir wollen ſelbige, aus dem Italieniſchen uͤberſetzt, unſern Leſern nach und nach mittheilen.) Wuͤnſche der Griechen an das chriſtliche Europa. Die gluͤcklichen Zeiten des alten Griechenlandes machen in der Weltgeſchichte eine ſo beruͤhmte Epoche aus, daß es nicht noͤthig iſt, hier zu wiederholen, wie dieſe Laͤnder, welche jetzt durch das Betragen unſerer Tyran- nen ein Schauplatz ſo vielen Elendes ſind, ehedem, da unſere Vorfahren noch ihr freyes Vaterland regierten, eines ſolchen Ruhms und eines ſo großen Gluͤcks genoſ- ſen, als durch eine weiſe Geſetzgebung, durch eine ordent- liche Verwaltung der Gerechtigkeit, durch die Erfahrung im Kriegsweſen, durch die Kenntniß der ſchoͤnſten und nuͤtzlichſten Wiſſenſchaften und Kuͤnſte, und vorzuͤglich durch eine allgemeine Ausuͤbung aller Arten von oͤffent- lichen und Privat-Tugenden, uͤber ein Volk zu kommen pflegen. Eben ſo unnoͤthig wuͤrde es ſeyn, wenn wir dasjenige, was dem ganzen Europa bekannt iſt, beſchrei- ben wollten, in was fuͤr elenden Umſtaͤnden ſich naͤmlich alle Griechiſche Chriſten befinden, ſeitdem ſie durch die Schwaͤche der Fuͤrſten von Conſtantinopel unter das Tuͤrkiſche Joch gerathen, und als niedrige Werkzeuge ihrer Herren, ohne Geſetz, das ſie beſchuͤtzen koͤnnte, in der Sclaverey ſeufzen, welche, von den Grundſaͤtzen der Muhamedaniſchen Religion, die entweder bekehret, oder zerſtoͤhret, eingenommen, ſie ſaͤmmtlich ſchon wuͤr- den ausgerottet haben, wenn es ihnen ihr Intereſſe eher, als jetzt, gerathen haͤtte. Wenn es aber wahr iſt, daß Clima und Generation die natuͤrliche Beſchaffenheit der Menſchen beſtimmen, welche Geſetze und gute Erziehung zum Guten unterrich- ten und anreizen, ſo ſind die jetzigen Griechen von Natur von denen nicht unterſchieden, welche ohnedem wegen ihrer Tapferkeit ſo bekannt waren. Das Clima iſt noch eben ſo, wie in den vergangenen Zeiten, beſchaffen, und eben der Grundſatz einer gottesdienſtlichen Verfolgung, welcher die Tuͤrken von allen andern Voͤlkern trennet, hat beſonders dazu beygetragen, daß die alte Generation bey den Griechen noch rein geblieben iſt. Es iſt alſo kein Wunder, daß ſie ſich auch in einem Zeitraum von 318 ſclaviſchen Jahren noch nicht an dem Joche gewoͤh- nen koͤnnen, und daß ſie in dem Ablauf einer ſo langen Zeit niemals einige Gelegenheit unverſucht gelaſſen, wo ſie nur hoffen konnten, nach Zerbrechung ihrer Feſſeln entweder als ein freyes Volk, oder wenigſtens unter der gemaͤßigten Regierung eines chriſtlichen Fuͤrſten ruhig zu leben. Sollte ſich vielleicht wol jemand wundern, daß bey den Griechen, unter einer Barbariſchen Regierung, wo Kenntniſſe entweder unnuͤtz, oder gefaͤhrlich ſind, Kuͤnſte und Wiſſenſchaften nicht ſonderlich im Flor ſtehen? Er wundere ſich vielmehr daruͤber, wie es moͤglich ſey, daß ſich noch ſo viele Griechen, bey einer ſo ungluͤcklichen Situation, auf den Europaͤiſchen Univerſitaͤten finden, um den Studien obzuliegen. Er erinnere ſich, daß alle Kuͤnſte und das Commercium, wovon die Tuͤrken ſelbſt ſubſiſtiren, in ihren Haͤnden ſind. Und wenn es jeman- den befremdet, daß bey einem Volke, welches nun ſchon ſeit drey Jahrhunderten in die Sclaverey gebracht, ver- ſchiedene Menſchen ſind, welche von den Laſtern der Knechte angeſteckt worden, den bitten wir, zu bedenken, daß bey Leuten, welche in aͤhnlichen Umſtaͤnden leben, alle hervorſtechende Tugend ein Verbrechen ſey; daß, wenn Aufrichtigkeit und Muth durch eine ſchlechte Ein- richtung der Regierung, die Menſchen ungluͤcklich machen, die Enthaltung von allem Betruge, einen ſolchen He- roiſmus erfordere, welchen man ſchwerlich von allen hoffen kann; daß endlich eben dieſelbe Faͤhigkeit, welche ſolche Laſter erfordern, nur einen Geſetzgeber erwarte, der ſie alsdenn, wenn alle Buͤrger in der Ausuͤbung der

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Britt-Marie Schuster, Manuel Wille, Arnika Lutz, Fabienne Wollny: Bereitstellung der Texttranskription. (2014-07-07T12:30:46Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.

Weitere Informationen:

Die Transkription erfolgte nach den unter http://www.deutschestextarchiv.de/doku/basisformat formulierten Richtlinien.

Verfahren der Texterfassung: manuell (einfach erfasst).

I/J in Fraktur: Lautwert transkribiert




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/hc_1172307_1771
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/hc_1172307_1771/1
Zitationshilfe: Staats- und Gelehrte Zeitung Des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten. Nr. 117, Hamburg, 23. Julii 1771, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hc_1172307_1771/1>, abgerufen am 17.04.2021.