Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Herbart, Johann Friedrich: Psychologie als Wissenschaft. Bd. 2. Königsberg, 1825.

Bild:
<< vorherige Seite

rung an das Mehr-vergangene ist schwächer als die an
das Näherliegende. Diese Reproductionsgesetze
müssen ganz genau gemerkt werden
.

Nun wird man auch die Reproduction der Rhyth-
men begreifen können. Man mag a, b, c, als Noten
von verschiedenem Zeitwerthe betrachten: so ist nur nö-
thig zu bedenken, dass bey längern Noten die ersten
momentanen Auffassungen, (welche wegen der abneh-
menden Empfänglichkeit die stärksten sind,) mehr Zeit
haben zu sinken, bevor sie mit den nachfolgenden No-
ten verschmelzen, und dass sie eben deshalb langsamer
reproduciren; dagegen die kürzeren Noten aus dem um-
gekehrten Grunde eine schnellere Reproduction des Nach-
folgenden bewirken.

Uebrigens ist wohl zu bemerken, dass wir hier nur
eine Reproduction in ähnlicher Folge haben, als worin
die Wahrnehmung gegeben wurde; also eine Vorstel-
lungs-Reihe;
aber noch keine Vorstellung des Suc-
cessiven als eines solchen, vielweniger eine Vorstellung
der Zeit selbst. Dies muss unter andern deshalb beach-
tet werden, damit es nicht scheine, als ob die Vorstel-
lung des Räumlichen, die auf einem successiven Vor-
stellen beruht, deshalb die Vorstellung von etwas Suc-
cessivem als Merkmal enthalte.

§. 113.

Von dem Vorstehenden die Anwendung auf das
Räumliche zu machen, ist leicht. Eine bunte Fläche
gehe in gerader Richtung vor dem Auge vorüber, -- oder
auch, es sey das Auge, was sich umgekehrt bewege, und
die Fläche bleibe in Ruhe: so würde hiebey, ganz wie
oben, eine Folge von Wahrnehmungen entstehen, wenn
jedesmal nur der Mittelpunct des Gesichtsfeldes sichtbar
wäre, und alles Umgebende völlig finster. Statt dessen
ist der mittlere Theil des Gesichtsfeldes am meisten
sichtbar; das seitwärts Liegende aber ist um desto un-
bedeutender, weil nach der Hemmung die Reste der
Vorstellungen verhältnissmässig noch weit mehr an Stärke

rung an das Mehr-vergangene ist schwächer als die an
das Näherliegende. Diese Reproductionsgesetze
müssen ganz genau gemerkt werden
.

Nun wird man auch die Reproduction der Rhyth-
men begreifen können. Man mag a, b, c, als Noten
von verschiedenem Zeitwerthe betrachten: so ist nur nö-
thig zu bedenken, daſs bey längern Noten die ersten
momentanen Auffassungen, (welche wegen der abneh-
menden Empfänglichkeit die stärksten sind,) mehr Zeit
haben zu sinken, bevor sie mit den nachfolgenden No-
ten verschmelzen, und daſs sie eben deshalb langsamer
reproduciren; dagegen die kürzeren Noten aus dem um-
gekehrten Grunde eine schnellere Reproduction des Nach-
folgenden bewirken.

Uebrigens ist wohl zu bemerken, daſs wir hier nur
eine Reproduction in ähnlicher Folge haben, als worin
die Wahrnehmung gegeben wurde; also eine Vorstel-
lungs-Reihe;
aber noch keine Vorstellung des Suc-
cessiven als eines solchen, vielweniger eine Vorstellung
der Zeit selbst. Dies muſs unter andern deshalb beach-
tet werden, damit es nicht scheine, als ob die Vorstel-
lung des Räumlichen, die auf einem successiven Vor-
stellen beruht, deshalb die Vorstellung von etwas Suc-
cessivem als Merkmal enthalte.

§. 113.

Von dem Vorstehenden die Anwendung auf das
Räumliche zu machen, ist leicht. Eine bunte Fläche
gehe in gerader Richtung vor dem Auge vorüber, — oder
auch, es sey das Auge, was sich umgekehrt bewege, und
die Fläche bleibe in Ruhe: so würde hiebey, ganz wie
oben, eine Folge von Wahrnehmungen entstehen, wenn
jedesmal nur der Mittelpunct des Gesichtsfeldes sichtbar
wäre, und alles Umgebende völlig finster. Statt dessen
ist der mittlere Theil des Gesichtsfeldes am meisten
sichtbar; das seitwärts Liegende aber ist um desto un-
bedeutender, weil nach der Hemmung die Reste der
Vorstellungen verhältniſsmäſsig noch weit mehr an Stärke

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <p><pb facs="#f0168" n="133"/><hi rendition="#g">rung</hi> an das Mehr-vergangene ist schwächer als die an<lb/>
das Näherliegende. <hi rendition="#g">Diese Reproductionsgesetze<lb/>
müssen ganz genau gemerkt werden</hi>.</p><lb/>
              <p>Nun wird man auch die Reproduction der Rhyth-<lb/>
men begreifen können. Man mag <hi rendition="#i">a</hi>, <hi rendition="#i">b</hi>, <hi rendition="#i">c</hi>, als Noten<lb/>
von verschiedenem Zeitwerthe betrachten: so ist nur nö-<lb/>
thig zu bedenken, da&#x017F;s bey längern Noten die ersten<lb/>
momentanen Auffassungen, (welche wegen der abneh-<lb/>
menden Empfänglichkeit die stärksten sind,) mehr Zeit<lb/>
haben zu sinken, bevor sie mit den nachfolgenden No-<lb/>
ten verschmelzen, und da&#x017F;s sie eben deshalb langsamer<lb/>
reproduciren; dagegen die kürzeren Noten aus dem um-<lb/>
gekehrten Grunde eine schnellere Reproduction des Nach-<lb/>
folgenden bewirken.</p><lb/>
              <p>Uebrigens ist wohl zu bemerken, da&#x017F;s wir hier nur<lb/>
eine Reproduction in ähnlicher Folge haben, als worin<lb/>
die Wahrnehmung gegeben wurde; also eine <hi rendition="#i"><hi rendition="#g">Vorstel-<lb/>
lungs-Reihe;</hi></hi> aber noch keine Vorstellung des Suc-<lb/>
cessiven als eines solchen, vielweniger eine Vorstellung<lb/>
der Zeit selbst. Dies mu&#x017F;s unter andern deshalb beach-<lb/>
tet werden, damit es nicht scheine, als ob die Vorstel-<lb/>
lung des Räumlichen, die auf einem <hi rendition="#g">successiven</hi> Vor-<lb/>
stellen <hi rendition="#g">beruht</hi>, deshalb die Vorstellung <hi rendition="#g">von</hi> etwas Suc-<lb/>
cessivem <hi rendition="#g">als Merkmal enthalte</hi>.</p>
            </div><lb/>
            <div n="4">
              <head>§. 113.</head><lb/>
              <p>Von dem Vorstehenden die Anwendung auf das<lb/>
Räumliche zu machen, ist leicht. Eine bunte Fläche<lb/>
gehe in gerader Richtung vor dem Auge vorüber, &#x2014; oder<lb/>
auch, es sey das Auge, was sich umgekehrt bewege, und<lb/>
die Fläche bleibe in Ruhe: so würde hiebey, ganz wie<lb/>
oben, eine Folge von Wahrnehmungen entstehen, wenn<lb/>
jedesmal <hi rendition="#g">nur</hi> der Mittelpunct des Gesichtsfeldes sichtbar<lb/>
wäre, und alles Umgebende völlig finster. Statt dessen<lb/>
ist der mittlere Theil des Gesichtsfeldes <hi rendition="#g">am meisten</hi><lb/>
sichtbar; das seitwärts Liegende aber ist um desto un-<lb/>
bedeutender, weil nach der Hemmung die Reste der<lb/>
Vorstellungen verhältni&#x017F;smä&#x017F;sig noch weit mehr an Stärke<lb/></p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[133/0168] rung an das Mehr-vergangene ist schwächer als die an das Näherliegende. Diese Reproductionsgesetze müssen ganz genau gemerkt werden. Nun wird man auch die Reproduction der Rhyth- men begreifen können. Man mag a, b, c, als Noten von verschiedenem Zeitwerthe betrachten: so ist nur nö- thig zu bedenken, daſs bey längern Noten die ersten momentanen Auffassungen, (welche wegen der abneh- menden Empfänglichkeit die stärksten sind,) mehr Zeit haben zu sinken, bevor sie mit den nachfolgenden No- ten verschmelzen, und daſs sie eben deshalb langsamer reproduciren; dagegen die kürzeren Noten aus dem um- gekehrten Grunde eine schnellere Reproduction des Nach- folgenden bewirken. Uebrigens ist wohl zu bemerken, daſs wir hier nur eine Reproduction in ähnlicher Folge haben, als worin die Wahrnehmung gegeben wurde; also eine Vorstel- lungs-Reihe; aber noch keine Vorstellung des Suc- cessiven als eines solchen, vielweniger eine Vorstellung der Zeit selbst. Dies muſs unter andern deshalb beach- tet werden, damit es nicht scheine, als ob die Vorstel- lung des Räumlichen, die auf einem successiven Vor- stellen beruht, deshalb die Vorstellung von etwas Suc- cessivem als Merkmal enthalte. §. 113. Von dem Vorstehenden die Anwendung auf das Räumliche zu machen, ist leicht. Eine bunte Fläche gehe in gerader Richtung vor dem Auge vorüber, — oder auch, es sey das Auge, was sich umgekehrt bewege, und die Fläche bleibe in Ruhe: so würde hiebey, ganz wie oben, eine Folge von Wahrnehmungen entstehen, wenn jedesmal nur der Mittelpunct des Gesichtsfeldes sichtbar wäre, und alles Umgebende völlig finster. Statt dessen ist der mittlere Theil des Gesichtsfeldes am meisten sichtbar; das seitwärts Liegende aber ist um desto un- bedeutender, weil nach der Hemmung die Reste der Vorstellungen verhältniſsmäſsig noch weit mehr an Stärke

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/herbart_psychologie02_1825
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/herbart_psychologie02_1825/168
Zitationshilfe: Herbart, Johann Friedrich: Psychologie als Wissenschaft. Bd. 2. Königsberg, 1825, S. 133. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herbart_psychologie02_1825/168>, abgerufen am 02.12.2021.