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Herbart, Johann Friedrich: Psychologie als Wissenschaft. Bd. 2. Königsberg, 1825.

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mit ihren verschiedenen Resten sich den nachfolgenden
anschliesst: welche von diesen Resten sind geschickter,
die Zeit fein zu zertheilen, die ersten, grösseren, oder
die letzten, kleineren? Offenbar jene. Denn wir wissen,
dass die Bewegung des Sinkens Anfangs am geschwinde-
sten geschieht; daher werden die Unterschiede der grö-
ssern Reste beträchtlicher, als die der kleinern, wenn
übrigens die nachfolgenden Vorstellungen im gleichblei-
benden Zeitmaasse gegeben werden. Also werden auch
die davon abhängenden Geschwindigkeiten der Repro-
duction mehr verschieden seyn; worauf ganz allein der
bemerkbare Unterschied der Zeiten beruht.

2) Kann denn auch die feinste Zertheilung der gröss-
ten Reste einer Vorstellung im Bewusstseyn merklich
werden? Die Antwort fällt verneinend aus. Soll die Re-
production mit verschiedener Geschwindigkeit, gemäss der
Grösse der Reste, erfolgen: so müssen diese Reste wirk-
sam seyn können; das heisst, die ganze Vorstellung muss
wenigstens bis auf den Grad ins Bewusstseyn ungehemmt
hervorgetreten seyn, welcher dem grössten derjenigen
Reste gleich ist, deren gesondertes Wirken man verlangt.
Also müsste sie ganz und gar ungehemmt wieder her-
vortreten können, wenn auch die Unterschiede unter den
grössten ihrer Reste, die ihr selbst beynahe gleich sind,
einen merklichen und entsprechenden Unterschied in den
Geschwindigkeiten der davon abhängenden Reproductio-
nen ergeben sollten. Aber sie kann niemals ganz un-
gehemmt wieder hervortreten, wie wir schon im §. 82.
gesehn haben. -- Die kleinsten Zeittheilchen, welche
Jemand unterscheiden kann, hängen demnach davon ab,
wie hoch er seine Vorstellungen ins Bewusstseyn wieder
zu erheben vermöge. Wenn nun zu den allgemeinen
psychologischen Hindernissen noch besondere individuelle
hinzukommen: so nähert sich sein Zustand theils dem
des Schlafenden, welchem gar keine Zeit fliesst, theils
dem, welcher aus einer fixen Idee oder fixen Begierde
hervorgeht. Denn sobald irgend eine Art von Erstarrung

mit ihren verschiedenen Resten sich den nachfolgenden
anschlieſst: welche von diesen Resten sind geschickter,
die Zeit fein zu zertheilen, die ersten, gröſseren, oder
die letzten, kleineren? Offenbar jene. Denn wir wissen,
daſs die Bewegung des Sinkens Anfangs am geschwinde-
sten geschieht; daher werden die Unterschiede der grö-
ſsern Reste beträchtlicher, als die der kleinern, wenn
übrigens die nachfolgenden Vorstellungen im gleichblei-
benden Zeitmaaſse gegeben werden. Also werden auch
die davon abhängenden Geschwindigkeiten der Repro-
duction mehr verschieden seyn; worauf ganz allein der
bemerkbare Unterschied der Zeiten beruht.

2) Kann denn auch die feinste Zertheilung der gröſs-
ten Reste einer Vorstellung im Bewuſstseyn merklich
werden? Die Antwort fällt verneinend aus. Soll die Re-
production mit verschiedener Geschwindigkeit, gemäſs der
Gröſse der Reste, erfolgen: so müssen diese Reste wirk-
sam seyn können; das heiſst, die ganze Vorstellung muſs
wenigstens bis auf den Grad ins Bewuſstseyn ungehemmt
hervorgetreten seyn, welcher dem gröſsten derjenigen
Reste gleich ist, deren gesondertes Wirken man verlangt.
Also müſste sie ganz und gar ungehemmt wieder her-
vortreten können, wenn auch die Unterschiede unter den
gröſsten ihrer Reste, die ihr selbst beynahe gleich sind,
einen merklichen und entsprechenden Unterschied in den
Geschwindigkeiten der davon abhängenden Reproductio-
nen ergeben sollten. Aber sie kann niemals ganz un-
gehemmt wieder hervortreten, wie wir schon im §. 82.
gesehn haben. — Die kleinsten Zeittheilchen, welche
Jemand unterscheiden kann, hängen demnach davon ab,
wie hoch er seine Vorstellungen ins Bewuſstseyn wieder
zu erheben vermöge. Wenn nun zu den allgemeinen
psychologischen Hindernissen noch besondere individuelle
hinzukommen: so nähert sich sein Zustand theils dem
des Schlafenden, welchem gar keine Zeit flieſst, theils
dem, welcher aus einer fixen Idee oder fixen Begierde
hervorgeht. Denn sobald irgend eine Art von Erstarrung

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[159/0194] mit ihren verschiedenen Resten sich den nachfolgenden anschlieſst: welche von diesen Resten sind geschickter, die Zeit fein zu zertheilen, die ersten, gröſseren, oder die letzten, kleineren? Offenbar jene. Denn wir wissen, daſs die Bewegung des Sinkens Anfangs am geschwinde- sten geschieht; daher werden die Unterschiede der grö- ſsern Reste beträchtlicher, als die der kleinern, wenn übrigens die nachfolgenden Vorstellungen im gleichblei- benden Zeitmaaſse gegeben werden. Also werden auch die davon abhängenden Geschwindigkeiten der Repro- duction mehr verschieden seyn; worauf ganz allein der bemerkbare Unterschied der Zeiten beruht. 2) Kann denn auch die feinste Zertheilung der gröſs- ten Reste einer Vorstellung im Bewuſstseyn merklich werden? Die Antwort fällt verneinend aus. Soll die Re- production mit verschiedener Geschwindigkeit, gemäſs der Gröſse der Reste, erfolgen: so müssen diese Reste wirk- sam seyn können; das heiſst, die ganze Vorstellung muſs wenigstens bis auf den Grad ins Bewuſstseyn ungehemmt hervorgetreten seyn, welcher dem gröſsten derjenigen Reste gleich ist, deren gesondertes Wirken man verlangt. Also müſste sie ganz und gar ungehemmt wieder her- vortreten können, wenn auch die Unterschiede unter den gröſsten ihrer Reste, die ihr selbst beynahe gleich sind, einen merklichen und entsprechenden Unterschied in den Geschwindigkeiten der davon abhängenden Reproductio- nen ergeben sollten. Aber sie kann niemals ganz un- gehemmt wieder hervortreten, wie wir schon im §. 82. gesehn haben. — Die kleinsten Zeittheilchen, welche Jemand unterscheiden kann, hängen demnach davon ab, wie hoch er seine Vorstellungen ins Bewuſstseyn wieder zu erheben vermöge. Wenn nun zu den allgemeinen psychologischen Hindernissen noch besondere individuelle hinzukommen: so nähert sich sein Zustand theils dem des Schlafenden, welchem gar keine Zeit flieſst, theils dem, welcher aus einer fixen Idee oder fixen Begierde hervorgeht. Denn sobald irgend eine Art von Erstarrung

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Zitationshilfe: Herbart, Johann Friedrich: Psychologie als Wissenschaft. Bd. 2. Königsberg, 1825, S. 159. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herbart_psychologie02_1825/194>, abgerufen am 17.09.2021.