jeder seiner Bemühungen, auch ihm selbst unbewußt und oft auf so unrechten Wegen strebte; das Labyrinth wird sich ent- wirren, die verführenden Zaubergestalten werden schwinden und ein jeder wird, fern oder nahe, nicht nur den Mittel- punkt sehn, zu dem sein Weg geht sondern Du wirst ihn auch, mütterliche Vorsehung, unter der Gestalt des Genius und Freundes deß er bedarf, mit verzeihender sanfter Hand selbst zu ihm leiten. *)
Also auch die Gestalt jener Welt hat uns der gute Schöpfer verborgen, um weder unser schwaches Gehirn zu betäuben, noch zu ihr eine falsche Vorliebe zu reizen. Wenn wir indeß den Gang der Natur bei den Geschlechtern unter uns betrachten und bemerken, wie die Bildnerin Schritt vor Schritt das Unedlere wegwirft und die Nothdurft mildert, wie sie dagegen das Geistige anbauet, das Feine feiner aus- führt, und das Schönere schöner belebet: so können wir ih- rer unsichtbaren Künstlerhand gewiß zutrauen, daß auch die
Efflo-
*) Auf welchen Wegen dies geschehen werde -- welche Philoso- phie der Erde wäre es, die hierüber Gewißheit gebe? Wir werden im Verfolg des Werks auf die Systeme der Völker von der Seelenwanderung und andern Reinigungen kommen und ihren Ursprung und Zweck entwickeln. Jhre Erörterung gehört noch nicht hieher.
jeder ſeiner Bemuͤhungen, auch ihm ſelbſt unbewußt und oft auf ſo unrechten Wegen ſtrebte; das Labyrinth wird ſich ent- wirren, die verfuͤhrenden Zaubergeſtalten werden ſchwinden und ein jeder wird, fern oder nahe, nicht nur den Mittel- punkt ſehn, zu dem ſein Weg geht ſondern Du wirſt ihn auch, muͤtterliche Vorſehung, unter der Geſtalt des Genius und Freundes deß er bedarf, mit verzeihender ſanfter Hand ſelbſt zu ihm leiten. *)
Alſo auch die Geſtalt jener Welt hat uns der gute Schoͤpfer verborgen, um weder unſer ſchwaches Gehirn zu betaͤuben, noch zu ihr eine falſche Vorliebe zu reizen. Wenn wir indeß den Gang der Natur bei den Geſchlechtern unter uns betrachten und bemerken, wie die Bildnerin Schritt vor Schritt das Unedlere wegwirft und die Nothdurft mildert, wie ſie dagegen das Geiſtige anbauet, das Feine feiner aus- fuͤhrt, und das Schoͤnere ſchoͤner belebet: ſo koͤnnen wir ih- rer unſichtbaren Kuͤnſtlerhand gewiß zutrauen, daß auch die
Efflo-
*) Auf welchen Wegen dies geſchehen werde — welche Philoſo- phie der Erde waͤre es, die hieruͤber Gewißheit gebe? Wir werden im Verfolg des Werks auf die Syſteme der Voͤlker von der Seelenwanderung und andern Reinigungen kommen und ihren Urſprung und Zweck entwickeln. Jhre Eroͤrterung gehoͤrt noch nicht hieher.
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[304[284]/0306]
jeder ſeiner Bemuͤhungen, auch ihm ſelbſt unbewußt und oft
auf ſo unrechten Wegen ſtrebte; das Labyrinth wird ſich ent-
wirren, die verfuͤhrenden Zaubergeſtalten werden ſchwinden
und ein jeder wird, fern oder nahe, nicht nur den Mittel-
punkt ſehn, zu dem ſein Weg geht ſondern Du wirſt ihn auch,
muͤtterliche Vorſehung, unter der Geſtalt des Genius und
Freundes deß er bedarf, mit verzeihender ſanfter Hand ſelbſt
zu ihm leiten. *)
Alſo auch die Geſtalt jener Welt hat uns der gute
Schoͤpfer verborgen, um weder unſer ſchwaches Gehirn zu
betaͤuben, noch zu ihr eine falſche Vorliebe zu reizen. Wenn
wir indeß den Gang der Natur bei den Geſchlechtern unter
uns betrachten und bemerken, wie die Bildnerin Schritt vor
Schritt das Unedlere wegwirft und die Nothdurft mildert,
wie ſie dagegen das Geiſtige anbauet, das Feine feiner aus-
fuͤhrt, und das Schoͤnere ſchoͤner belebet: ſo koͤnnen wir ih-
rer unſichtbaren Kuͤnſtlerhand gewiß zutrauen, daß auch die
Efflo-
*) Auf welchen Wegen dies geſchehen werde — welche Philoſo-
phie der Erde waͤre es, die hieruͤber Gewißheit gebe? Wir
werden im Verfolg des Werks auf die Syſteme der Voͤlker
von der Seelenwanderung und andern Reinigungen kommen
und ihren Urſprung und Zweck entwickeln. Jhre Eroͤrterung
gehoͤrt noch nicht hieher.
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Herder, Johann Gottfried von: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Bd. 1. Riga u. a., 1784, S. 304[284]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_geschichte01_1784/306>, abgerufen am 11.09.2024.
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