Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Herder, Johann Gottfried von: Briefe zu Beförderung der Humanität. Bd. 3. Riga, 1794.

Bild:
<< vorherige Seite
Diderot über die Einfalt in
Homer.

"Die Natur hat mir Geschmack an der
Einfalt gegeben und ich bemühe mich, die-
sen Geschmack durch das Lesen der Alten
vollkommner zu machen.

O mein Freund, wie schön ist die Ein-
falt! Wie übel haben wir gethan, uns
davon zu entfernen!

Wollen Sie hören, was der Schmerz
einem Vater eingiebt, der jetzt seinen
Sohn verlohren hat? Hören Sie den
Priamus. Wollen Sie wissen, wie sich ein
Vater ausdrückt, der dem Mörder seines
Sohns fußfällig flehet? Hören Sie eben
den Priamus zu den Füßen des Achilles.

Was ist in diesen Reden? Kein Witz,
aber so viel Wahrheit, daß man fast glau-
ben sollte, man würde eben so wohl als

Diderot uͤber die Einfalt in
Homer.

„Die Natur hat mir Geſchmack an der
Einfalt gegeben und ich bemuͤhe mich, die-
ſen Geſchmack durch das Leſen der Alten
vollkommner zu machen.

O mein Freund, wie ſchoͤn iſt die Ein-
falt! Wie uͤbel haben wir gethan, uns
davon zu entfernen!

Wollen Sie hoͤren, was der Schmerz
einem Vater eingiebt, der jetzt ſeinen
Sohn verlohren hat? Hoͤren Sie den
Priamus. Wollen Sie wiſſen, wie ſich ein
Vater ausdruͤckt, der dem Moͤrder ſeines
Sohns fußfaͤllig flehet? Hoͤren Sie eben
den Priamus zu den Fuͤßen des Achilles.

Was iſt in dieſen Reden? Kein Witz,
aber ſo viel Wahrheit, daß man faſt glau-
ben ſollte, man wuͤrde eben ſo wohl als

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0141" n="132"/>
        <div n="2">
          <head><hi rendition="#g">Diderot</hi> u&#x0364;ber die Einfalt in<lb/><hi rendition="#g">Homer</hi>.</head><lb/>
          <p>&#x201E;Die Natur hat mir Ge&#x017F;chmack an der<lb/>
Einfalt gegeben und ich bemu&#x0364;he mich, die-<lb/>
&#x017F;en Ge&#x017F;chmack durch das Le&#x017F;en der Alten<lb/>
vollkommner zu machen.</p><lb/>
          <p>O mein Freund, wie &#x017F;cho&#x0364;n i&#x017F;t die Ein-<lb/>
falt! Wie u&#x0364;bel haben wir gethan, uns<lb/>
davon zu entfernen!</p><lb/>
          <p>Wollen Sie ho&#x0364;ren, was der Schmerz<lb/>
einem Vater eingiebt, der jetzt &#x017F;einen<lb/>
Sohn verlohren hat? Ho&#x0364;ren Sie den<lb/>
Priamus. Wollen Sie wi&#x017F;&#x017F;en, wie &#x017F;ich ein<lb/>
Vater ausdru&#x0364;ckt, der dem Mo&#x0364;rder &#x017F;eines<lb/>
Sohns fußfa&#x0364;llig flehet? Ho&#x0364;ren Sie eben<lb/>
den Priamus zu den Fu&#x0364;ßen des Achilles.</p><lb/>
          <p>Was i&#x017F;t in die&#x017F;en Reden? Kein Witz,<lb/>
aber &#x017F;o viel Wahrheit, daß man fa&#x017F;t glau-<lb/>
ben &#x017F;ollte, man wu&#x0364;rde eben &#x017F;o wohl als<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[132/0141] Diderot uͤber die Einfalt in Homer. „Die Natur hat mir Geſchmack an der Einfalt gegeben und ich bemuͤhe mich, die- ſen Geſchmack durch das Leſen der Alten vollkommner zu machen. O mein Freund, wie ſchoͤn iſt die Ein- falt! Wie uͤbel haben wir gethan, uns davon zu entfernen! Wollen Sie hoͤren, was der Schmerz einem Vater eingiebt, der jetzt ſeinen Sohn verlohren hat? Hoͤren Sie den Priamus. Wollen Sie wiſſen, wie ſich ein Vater ausdruͤckt, der dem Moͤrder ſeines Sohns fußfaͤllig flehet? Hoͤren Sie eben den Priamus zu den Fuͤßen des Achilles. Was iſt in dieſen Reden? Kein Witz, aber ſo viel Wahrheit, daß man faſt glau- ben ſollte, man wuͤrde eben ſo wohl als

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/herder_humanitaet03_1794
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/herder_humanitaet03_1794/141
Zitationshilfe: Herder, Johann Gottfried von: Briefe zu Beförderung der Humanität. Bd. 3. Riga, 1794, S. 132. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_humanitaet03_1794/141>, abgerufen am 17.05.2021.