Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Herder, Johann Gottfried von: Briefe zu Beförderung der Humanität. Bd. 5. Riga, 1795.

Bild:
<< vorherige Seite

Es ist traurig, wenn dieser Zweck,
auf ein seiner Natur nach fortgehen-
des ewiges Publicum zu wirken,
hie und da verkannt wird, indem man
entweder Particular-Meinungen, sogar
Speculationen ins Christenthum mischte,
die dazu durchaus nicht gehören, oder den
todten Buchstaben todtbuchstäblich behan-
delt. Jedem Denkenden bleibe seine Pri-
vatmeinung über Dies und Jenes; jeder
speculative Kopf schmücke sein Lehrgebäu-
de mit seiner besten Speculation aus;
nur die Christenheit, als Publicum be-
trachtet, bleibe damit verschonet. Die
Lehre und der Zweck des Stifters sei oder
werde ein reiner Strom, der, was ihm
von National- und Particularmeinungen,
wie ein trüber Bodensatz anhing, mehr
und mehr niederschlägt und absetzt. So
thaten es schon die ersten Boten des Chri-

sten-

Es iſt traurig, wenn dieſer Zweck,
auf ein ſeiner Natur nach fortgehen-
des ewiges Publicum zu wirken,
hie und da verkannt wird, indem man
entweder Particular-Meinungen, ſogar
Speculationen ins Chriſtenthum miſchte,
die dazu durchaus nicht gehoͤren, oder den
todten Buchſtaben todtbuchſtaͤblich behan-
delt. Jedem Denkenden bleibe ſeine Pri-
vatmeinung uͤber Dies und Jenes; jeder
ſpeculative Kopf ſchmuͤcke ſein Lehrgebaͤu-
de mit ſeiner beſten Speculation aus;
nur die Chriſtenheit, als Publicum be-
trachtet, bleibe damit verſchonet. Die
Lehre und der Zweck des Stifters ſei oder
werde ein reiner Strom, der, was ihm
von National- und Particularmeinungen,
wie ein truͤber Bodenſatz anhing, mehr
und mehr niederſchlaͤgt und abſetzt. So
thaten es ſchon die erſten Boten des Chri-

ſten-
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0111" n="96"/>
          <p>Es i&#x017F;t traurig, wenn die&#x017F;er Zweck,<lb/>
auf ein &#x017F;einer Natur nach <hi rendition="#g">fortgehen</hi>-<lb/><hi rendition="#g">des ewiges Publicum zu wirken</hi>,<lb/>
hie und da verkannt wird, indem man<lb/>
entweder Particular-Meinungen, &#x017F;ogar<lb/>
Speculationen ins Chri&#x017F;tenthum mi&#x017F;chte,<lb/>
die dazu durchaus nicht geho&#x0364;ren, oder den<lb/>
todten Buch&#x017F;taben todtbuch&#x017F;ta&#x0364;blich behan-<lb/>
delt. Jedem Denkenden bleibe &#x017F;eine Pri-<lb/>
vatmeinung u&#x0364;ber Dies und Jenes; jeder<lb/>
&#x017F;peculative Kopf &#x017F;chmu&#x0364;cke &#x017F;ein Lehrgeba&#x0364;u-<lb/>
de mit &#x017F;einer be&#x017F;ten Speculation aus;<lb/>
nur die Chri&#x017F;tenheit, <hi rendition="#g">als Publicum be</hi>-<lb/><hi rendition="#g">trachtet</hi>, bleibe damit ver&#x017F;chonet. Die<lb/>
Lehre und der Zweck des Stifters &#x017F;ei oder<lb/>
werde ein reiner Strom, der, was ihm<lb/>
von National- und Particularmeinungen,<lb/>
wie ein tru&#x0364;ber Boden&#x017F;atz anhing, mehr<lb/>
und mehr nieder&#x017F;chla&#x0364;gt und ab&#x017F;etzt. So<lb/>
thaten es &#x017F;chon die er&#x017F;ten Boten des Chri-<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">&#x017F;ten-</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[96/0111] Es iſt traurig, wenn dieſer Zweck, auf ein ſeiner Natur nach fortgehen- des ewiges Publicum zu wirken, hie und da verkannt wird, indem man entweder Particular-Meinungen, ſogar Speculationen ins Chriſtenthum miſchte, die dazu durchaus nicht gehoͤren, oder den todten Buchſtaben todtbuchſtaͤblich behan- delt. Jedem Denkenden bleibe ſeine Pri- vatmeinung uͤber Dies und Jenes; jeder ſpeculative Kopf ſchmuͤcke ſein Lehrgebaͤu- de mit ſeiner beſten Speculation aus; nur die Chriſtenheit, als Publicum be- trachtet, bleibe damit verſchonet. Die Lehre und der Zweck des Stifters ſei oder werde ein reiner Strom, der, was ihm von National- und Particularmeinungen, wie ein truͤber Bodenſatz anhing, mehr und mehr niederſchlaͤgt und abſetzt. So thaten es ſchon die erſten Boten des Chri- ſten-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/herder_humanitaet05_1795
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/herder_humanitaet05_1795/111
Zitationshilfe: Herder, Johann Gottfried von: Briefe zu Beförderung der Humanität. Bd. 5. Riga, 1795, S. 96. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_humanitaet05_1795/111>, abgerufen am 28.07.2021.