Phädra fälschlich anklagt, nie von so mancher andern Gruppe, da sich auf dem Grabsteine noch, (das Kind in ihrer Mitte,) liebende Hände den Bund der ewigen Treue schwören, weggegangen, oh- ne daß mein Herz durch die Innigkeit der Gefühle, die aus diesen Gebilden spra- chen, innig erweicht war. Ich war in einer andern Welt gewesen, und sprach zu mir: könntest du mit ihnen leben, und wärest Einer derselben! Der ganze Ha- bitus der Menschheit, wäre er in Unschuld, Liebe und Einfalt noch nach die- sem Bilde gebildet! "Solche Gefühle hat- ten mir zur Aufmerksamkeit auf alles, was diese meine geliebten Menschen an- ging, auf die Verhältnisse ihrer Glieder, ihren Stand, ihre Ge- behrde und Sitte, den Grad der Leidenschaft, dessen sie fähig schienen,
Phaͤdra faͤlſchlich anklagt, nie von ſo mancher andern Gruppe, da ſich auf dem Grabſteine noch, (das Kind in ihrer Mitte,) liebende Haͤnde den Bund der ewigen Treue ſchwoͤren, weggegangen, oh- ne daß mein Herz durch die Innigkeit der Gefuͤhle, die aus dieſen Gebilden ſpra- chen, innig erweicht war. Ich war in einer andern Welt geweſen, und ſprach zu mir: koͤnnteſt du mit ihnen leben, und waͤreſt Einer derſelben! Der ganze Ha- bitus der Menſchheit, waͤre er in Unſchuld, Liebe und Einfalt noch nach die- ſem Bilde gebildet! „Solche Gefuͤhle hat- ten mir zur Aufmerkſamkeit auf alles, was dieſe meine geliebten Menſchen an- ging, auf die Verhaͤltniſſe ihrer Glieder, ihren Stand, ihre Ge- behrde und Sitte, den Grad der Leidenſchaft, deſſen ſie faͤhig ſchienen,
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Phaͤdra faͤlſchlich anklagt, nie von ſo
mancher andern Gruppe, da ſich auf dem
Grabſteine noch, (das Kind in ihrer
Mitte,) liebende Haͤnde den Bund der
ewigen Treue ſchwoͤren, weggegangen, oh-
ne daß mein Herz durch die Innigkeit der
Gefuͤhle, die aus dieſen Gebilden ſpra-
chen, innig erweicht war. Ich war in
einer andern Welt geweſen, und ſprach
zu mir: koͤnnteſt du mit ihnen leben, und
waͤreſt Einer derſelben! Der ganze Ha-
bitus der Menſchheit, waͤre er in
Unſchuld, Liebe und Einfalt noch nach die-
ſem Bilde gebildet! „Solche Gefuͤhle hat-
ten mir zur Aufmerkſamkeit auf alles,
was dieſe meine geliebten Menſchen an-
ging, auf die Verhaͤltniſſe ihrer
Glieder, ihren Stand, ihre Ge-
behrde und Sitte, den Grad der
Leidenſchaft, deſſen ſie faͤhig ſchienen,
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Herder, Johann Gottfried von: Briefe zu Beförderung der Humanität. Bd. 6. Riga, 1795, S. 20. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_humanitaet06_1795/35>, abgerufen am 11.09.2024.
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