aus Philosophische Sprache haben, die blos für die Weltweisheit erfunden wäre: so nehmt die, die am meisten zur Weltweisheit ge- braucht wird, die Lateinische, nehmt sie, wie sie in den Büchern der Weltweisheit ist, wenn sie Lehrsäzze und trockene Beweise vorträgt; wie ist sie? ohne Jnversionen meistentheils.
Nun stellet euch zwei sinnliche Geschöpfe vor, davon der eine spricht, der andre höret: Dem ersten ist das Auge die Quelle seiner Begriffe; und jeden Gegenstand kann er in verschiedenen Gesichtspunkten sehen; dem andern zeiget er diesen Gegenstand, und es kann auf eben so verschiedenen Seiten geschehen. Nun betrachtet die Rede, als ein Zeichen die- ser Gegenstände: so habt ihr den Ursprung der Jnversionen. Je mehr sich also die Auf- merksamkeit, die Empfindung, der Affekt auf einen Augenpunkt heftet; je mehr will er dem andern auch eben diese Seite zeigen, am er- sten zeigen, im hellesten Lichte zeigen -- und dies ist der Ursprung der Jnversionen. Ein Beispiel: Fleuch die Schlange! ruft mir jemand zu, der mein fliehen zu seinem Haupt- augenmerk hat, wenn ich nicht fliehen wollte. --
Die
G
aus Philoſophiſche Sprache haben, die blos fuͤr die Weltweisheit erfunden waͤre: ſo nehmt die, die am meiſten zur Weltweisheit ge- braucht wird, die Lateiniſche, nehmt ſie, wie ſie in den Buͤchern der Weltweisheit iſt, wenn ſie Lehrſaͤzze und trockene Beweiſe vortraͤgt; wie iſt ſie? ohne Jnverſionen meiſtentheils.
Nun ſtellet euch zwei ſinnliche Geſchoͤpfe vor, davon der eine ſpricht, der andre hoͤret: Dem erſten iſt das Auge die Quelle ſeiner Begriffe; und jeden Gegenſtand kann er in verſchiedenen Geſichtspunkten ſehen; dem andern zeiget er dieſen Gegenſtand, und es kann auf eben ſo verſchiedenen Seiten geſchehen. Nun betrachtet die Rede, als ein Zeichen die- ſer Gegenſtaͤnde: ſo habt ihr den Urſprung der Jnverſionen. Je mehr ſich alſo die Auf- merkſamkeit, die Empfindung, der Affekt auf einen Augenpunkt heftet; je mehr will er dem andern auch eben dieſe Seite zeigen, am er- ſten zeigen, im helleſten Lichte zeigen — und dies iſt der Urſprung der Jnverſionen. Ein Beiſpiel: Fleuch die Schlange! ruft mir jemand zu, der mein fliehen zu ſeinem Haupt- augenmerk hat, wenn ich nicht fliehen wollte. —
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aus Philoſophiſche Sprache haben, die blos
fuͤr die Weltweisheit erfunden waͤre: ſo nehmt
die, die am meiſten zur Weltweisheit ge-
braucht wird, die Lateiniſche, nehmt ſie, wie ſie
in den Buͤchern der Weltweisheit iſt, wenn
ſie Lehrſaͤzze und trockene Beweiſe vortraͤgt;
wie iſt ſie? ohne Jnverſionen meiſtentheils.
Nun ſtellet euch zwei ſinnliche Geſchoͤpfe
vor, davon der eine ſpricht, der andre hoͤret:
Dem erſten iſt das Auge die Quelle ſeiner
Begriffe; und jeden Gegenſtand kann er in
verſchiedenen Geſichtspunkten ſehen; dem
andern zeiget er dieſen Gegenſtand, und es kann
auf eben ſo verſchiedenen Seiten geſchehen.
Nun betrachtet die Rede, als ein Zeichen die-
ſer Gegenſtaͤnde: ſo habt ihr den Urſprung
der Jnverſionen. Je mehr ſich alſo die Auf-
merkſamkeit, die Empfindung, der Affekt auf
einen Augenpunkt heftet; je mehr will er dem
andern auch eben dieſe Seite zeigen, am er-
ſten zeigen, im helleſten Lichte zeigen — und
dies iſt der Urſprung der Jnverſionen. Ein
Beiſpiel: Fleuch die Schlange! ruft mir
jemand zu, der mein fliehen zu ſeinem Haupt-
augenmerk hat, wenn ich nicht fliehen wollte. —
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Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 97. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/101>, abgerufen am 11.09.2024.
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